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Sozialpolitik:Caritas fürchtet um Münchens Herz

Wohlfahrtsverband warnt vor steigender Armut in der Stadt und fordert mehr "Politik gegen soziale Ausgrenzung"

Schon sieben Monate, bevor Tobias Zielona seine Ausbildung zum Investmentfondskaufmann in München begann, machte sich der junge Nürnberger auf die Suche: Ein WG-Zimmer sollte es sein, "ich habe mich bewusst nicht für eine eigene Wohnung entschieden". Doch der Mietpreis "ging bei 600 Euro los, da habe ich mich erst einmal mit meiner Familie beraten, wie ich das überhaupt stemmen soll". Drei Monate lang suchte er ohne Erfolg, dann schaute er sich nach einem Wohnheimplatz um. Beim Jugendwohnheim der Caritas, das über rund 140 Plätze verfügt mit der doppelten Anzahl von Bewerbern auf der Warteliste, hatte seine Bewerbung 2017 Erfolg: "340 Euro Miete sind viel bezahlbarer als 600 oder 700 Euro für ein WG-Zimmer", zumal seine Ausbildungsvergütung rund 700 Euro netto beträgt. Der 24-Jährige hat Glück gehabt und gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Er zieht jetzt bald weiter - in ein Studentenwohnheim nach Nürtingen in Baden-Württemberg, um dort Internationales Finanzmanagement zu studieren.

Studierende, Familien, alte Leute - "immer mehr Menschen erfahren, dass sie nahezu chancenlos auf dem Münchner Wohnungsmarkt sind", sagt Caritasdirektor Georg Falterbaum. "Wir brauchen endlich eine Wohnungsbau-Offensive, die den Namen verdient." Im Hinblick auf die Kommunalwahl macht sich die Caritas für eine Sozialpolitik stark, die den Namen auch tatsächlich verdient. So müssten unbedingt mehr Sozialwohnungen gebaut werden, zumal die bayerische Landeshauptstadt da am schlechtesten versorgt sei: Pro 1000 Einwohner gebe es 28 Sozialwohnungen, während es in Berlin 33 und in Hamburg sogar 45 sind. "Beschäftigte in den sozialen Berufen, wie Erzieherinnen und Altenpfleger, aber auch Polizisten, Busfahrerinnen und Verkäufer finden kaum noch für sie bezahlbaren Wohnraum in der Landeshauptstadt", sagte Falterbaum und warnte vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft.

Tobias Zielona fand Platz im Caritas-Wohnheim.

(Foto: Catherina Hess)

"Wenn man nach München zieht, nimmt die Verschuldungswahrscheinlichkeit zu", erklärte Ernst Waas, 64, der sich als ehemaliger leitender Bankangestellter ehrenamtlich in der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas engagiert. "München hat enormen Konsumdruck. Das andere Problem ist die Kostenstruktur." Die Betroffenen seien "ziemlich unter Druck". Das beginne bei Jugendlichen, die ihren Handyvertrag für zwei Jahre abschließen. "Das Taschengeld reicht aber nur für zwei Monate. Der Vater wird arbeitslos, der Vertrag kann nicht mehr bezahlt werden." Es sei enorm wichtig, "Wissen im Umgang mit Geld, mit Verpflichtungen und Schulden vor dem Hintergrund von Konsumnotwendigkeit zu vermitteln." Gefährdet seien alle Alters- und Bevölkerungsgruppen.

Teure Mieten und der schwierige Wohnungsmarkt, dieses Thema "zieht sich in fast allen unseren Fachdiensten wie ein roter Faden" durch die Beratungsgespräche, sagt Willibald Strobel-Wintergerst, Leiter der Caritas München-Mitte. Ganz besonders betroffen seien Menschen mit Behinderungen, aber auch Senioren. Es gebe immer wieder Klagen, dass sie von Vermietern gar nicht mehr zu Besichtigungsterminen eingeladen werden. Die Betroffenen führten das auf ihr Alter zurück und fühlten sich diskriminiert. Ein besonders dreistes Vorgehen habe eine 81-jährige Besucherin des Alten- und Servicezentrums Schwabing erlebt. Sie sei von ihrem Vermieter aufgefordert worden, endlich ins Heim zu ziehen. "Viele ältere Menschen, die keine neue bezahlbare Wohnung finden, ziehen zu Verwandten aufs Land", sagte Strobel-Wintergerst. Nicht selten führe ein Umzug in höherem Alter auch zu einem "Schub in die Demenz".

Der Umzug nach München führt oft in die Verschuldung, sagt Schuldnerberater Ernst Waas.

(Foto: Catherina Hess)

Kommunale Sozialplanung müsse Armut und Wohnungsnot verhindern, forderte Falterbaum. "Wir verlangen eine Politik gegen soziale Ausgrenzung." Der Trend zeige aber in die entgegengesetzte Richtung: "Tafeln und Lebensmitteltische haben Zulauf wie nie." Bei Rentnerinnen und Rentnern sei die Nachfrage nach kostenlosen Lebensmitteln binnen eines Jahres um 20 Prozent gestiegen, berichtete der Caritasdirektor. Wenn zudem Kinder und Jugendliche zum Armutsrisiko für Familien würden, "verliert die Weltstadt an der Isar ihr werbewirksames Attribut: ihr Herz".

Falterbaum trat außerdem dafür ein, mehr Geld in den Qualitätsausbau der Kinderbetreuung zu stecken. Es sei zwar zu begrüßen, dass der Freistaat die Familien über den Kindergartenzuschuss und das neue Krippengeld finanziell entlastet habe. "Andererseits würden wir es aber auch begrüßen, würde der Freistaat genauso viel Geld in mehr Erzieherinnen und andere Fachkräfte für die Kitas investieren." Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung gebe Bayern bundesweit am wenigsten Geld für Kindertagesbetreuung aus, kritisierte der Caritasdirektor.

© SZ vom 28.02.2020
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