Soziale Projekte Der Frust der Helfer

In den 42 Münchner Nachbarschaftstreffs wird Wertvolles an Sozial- und Integrationsarbeit geleistet. Doch die Träger fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen und nennen die finanzielle Ausstattung skandalös

Von Stefan Mühleisen

An diesem Mittwoch startet die "Woche der Münchner Nachbarschaftstreffs"; bis 29. Mai zeigen die 42 Einrichtungen, was sie zu bieten haben. Es ist eine Veranstaltungsreihe, um das teils umfangreiche Angebot bekannt zu machen, denn viele Bürger wissen davon nichts. Weitgehend unbeachtet ist allerdings auch der anhaltende Frust der Trägerorganisationen. "Die finanzielle Ausstattung der Nachbarschaftstreffs ist eine Tragödie", sagt Johannes Seiser, geschäftsführender Vorstand des Vereins für Sozialarbeit.

Seiser ist einer der Sprecher eines informellen Gremiums der gut ein Dutzend Trägerorganisationen der Nachbarschaftstreffs in München. Sein Verein betreibt in der Stadt zehn dieser Einrichtungen, denen nach Auffassung von Seiser und Kollegen inzwischen eine tragende Rolle zukommt, was die Betreuung von sozial schlecht Gestellten, von Senioren, Migranten und Flüchtlingen anbelangt. "Unsere Anforderungen sind immens gestiegen. Wir sind, anders als vor 20 Jahren, Gestalter des Sozialraums. Aber es gibt eine große Abwehr der Rathauspolitik, sich damit zu befassen", sagt Seiser.

"Gemeinsam etwas bewegen": So könnte das Motto jedes Nachbarschaftstreffs lauten, es war aber der Titel einer Dominostein-Aktion des Treffs in der Blumenau.

(Foto: Florian Peljak)

Im November 1999 hatte der Stadtrat den Aufbau der "Quartiersbezogenen Bewohnerarbeit" auf den Weg gebracht. Die Leitidee: Es muss etwas passieren, um einer anonymen Stadtgesellschaft entgegenzuwirken und lebendigen Nachbarschaften den Boden zu bereiten. Dazu stellt die Stadt Räume zur Verfügung: die Nachbarschaftstreffs. Sie sollen allen Bürgern offenstehen, um in Kontakt treten, Projekte zu realisieren, moderiert von Fachpersonal. Die Stadt zahlt eine befristete Anschubfinanzierung, dann arbeitet der Treff in ehrenamtlicher Selbstverwaltung.

Das lief so bis 2015, als die Ergebnisse einer sogenannten Wirkungsanalyse zu den Treffs vorlagen. Das Sozialreferat räumte ein, dass die Nachbarschaftstreffs "für die Stadtgesellschaft von großer Bedeutung" seien - und deshalb ein dauerhaft professionelles Management bräuchten. Qua Stadtratsbeschluss bekommt jeder Treff-Träger seither die Kosten für eine halbe Stelle ersetzt sowie jährlich 10 000 Euro an Honorarmitteln für die Raumverwaltung. Nach Behördenangaben summiert sich der Haushaltsposten für die Nachbarschaftstreffs auf 3,8 Millionen Euro, plus eine Million Euro für Einzelprojekte.

Die 42 Einrichtungen bieten viele soziale Projekte, beispielsweise mit Seniorinnen und Senioren wie hier in Sendling.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"So weit, so gut, aber das reicht bei Weitem nicht aus", sagt Heidrun Eberle, Seisers Co-Sprecherin im Träger-Gremium und Geschäftsführerin des Ackermannbogen-Vereins, der in Schwabing drei Nachbarschaftstreffs betreibt. Auch sie hebt den Wandel der Nachbarschaftstreffs hervor, weg von reinen Vernetzungsplattformen, hin zu sozialen Akteuren in den Stadtvierteln. "Integrationsarbeit findet auf der Ebene der Nachbarschaftstreffs statt, sie sind die erste Anlaufstelle." Sie berichtet von vermehrten Anfragen, etwa von Migranten, die Deutschkurse sowie Hausaufgabenbetreuung für ihre Kinder bräuchten, von alten Menschen mit knapper Rente, die um häusliche Hilfen bitten, von finanziell schlecht gestellten Familien, die ihren Nachwuchs im Freizeit- und Ferienprogramm unterbringen wollen. Gerne, so Eberle, würde man den Bedarf abdecken, doch es fehle an Mitteln, personell und finanziell. Seiser nennt die finanzielle Ausstattung der Treffs gar "einen Skandal" und spricht von bis zu 15 Prozent Defizit im Jahresetat seines Vereins, das aus Spenden und Stiftungsmitteln finanziert werden müsse. Er richtet im Namen der übrigen Träger die Forderung an Stadtpolitik und Verwaltung, das 20 Jahre alte Konzept der "Quartiersbezogenen Bewohnerarbeit" zu überarbeiten. "Es braucht einen Fachtag für die Zukunft der Nachbarschaftstreffs."

Das zuständige Sozialreferat lässt unterdessen durchblicken, nicht zu knausern, wenn es notwendig ist. Die finanzielle Ausstattung der Treffs richte sich nach den "Bedarfen", legt ein Behördensprecher dar. Jedes Jahr würde der Stadtrat einmalige und dauerhafte Budgeterhöhungen beschließen. Zudem seien in Stadtteilen "mit überdurchschnittlichen sozialen Herausforderungen" die Treffs mit mehr als einer halben Stelle ausgestattet. So etwa in der Messestadt, in Ramersdorf, in Trudering, in Perlach und im Domagkpark - dort hätten die Nachbarschaftstreffs eine Fachstelle mit 30 bis 39 Stunden pro Woche. In Planung sind derzeit 19 neue Treffs, etwa in Freiham, Freimann und Allach. Sozialreferentin Dorothee Schiwy artikuliert auf Nachfrage ihre große Wertschätzung für die Treffs: Sie würden einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in der Stadt leisten, hätten nachweisbar positive Wirkungen in vielen Bereichen. "Die Nachbarschaftstreffs tragen dazu bei, dass unsere Quartiere mit der Münchner Mischung funktionieren."

Als Sozial- und Integrationsprojekt wird beim Nachbarschaftstreff in Giesing mit Geflüchteten gekocht.

(Foto: Florian Peljak)

Das Programm für die "Woche der Münchner Nachbarschaftstreffs" vom 22. bis 29. Mai steht auf der Homepage nachbarschaftstreff-muenchen.de zum Download bereit.