Triste Sozialbürgerhäuser:Hier gibt's Hilfe, keinen Ärger

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Triste Sozialbürgerhäuser: Grau und kahl: Schon der Zugang zum Sozialbürgerhaus Neuhausen-Moosach wirkt abweisend.

Grau und kahl: Schon der Zugang zum Sozialbürgerhaus Neuhausen-Moosach wirkt abweisend.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die zwölf Sozialbürgerhäuser unterstützen in allen Notlagen, bei Geldsorgen und Erziehungsproblemen. Doch mit ihren kalten Pforten und düsteren Fluren wirken sie abweisend. Das soll sich nun ändern.

Von Sven Loerzer

Es ist für viele kein leichter Schritt, sich einzugestehen, dass sie sich in einer Notlage befinden und Hilfe benötigen. Ob es um Erziehungsprobleme geht oder um Geldnöte, um Pflege oder Krankheit, die zwölf Münchner Sozialbürgerhäuser kümmern sich um fast alle sozialen Probleme. Der erste Schritt aber fällt vielen Menschen schwer, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil der Zugang zu vielen Häusern eher abweisend wirkt. Wer etwa ins Sozialbürgerhaus am Orleansplatz geht, steht ziemlich orientierungslos in einem düsteren, tristen Foyer, das eher an eine Aussegnungshalle erinnert, als an einen Ort, an dem jemand Hilfe finden kann.

Ein bisschen besser sieht es da schon im Sozialbürgerhaus Neuhausen-Moosach aus, wo immerhin eine bunt bemalte Bank den Zugang etwas belebt. Die Sozialbürgerhäuser haben die Verwaltung im Innern bürgerfreundlicher gemacht, sie bieten eine Vielzahl sozialer Dienstleistungen aus einer Hand und nah am Wohnort der Menschen an. Aber nach außen hin wird dies kaum sichtbar, da hat sich am Charakter von Amtsgebäuden mit Pforte - sie heißt jetzt Infothek - wenig geändert.

Den Eindruck unterstreicht auch der Wartebereich beim Jobcenter, mit den am Gang entlang aufgereihten Stühlen und der Ausgabe für Wartemarken. Die SPD/Volt-Stadtratsfraktion setzt sich deshalb mit Unterstützung der Fraktion der Grünen/Rosa Liste dafür ein, Zugänge und Eingangsbereiche der Sozialbürgerhäuser zu verbessern.

Triste Sozialbürgerhäuser: Der Eingangsbereich heißt nicht mehr Pforte, sondern Infothek, mutet aber immer noch wie ein Relikt aus der Amtsstubenzeit an.

Der Eingangsbereich heißt nicht mehr Pforte, sondern Infothek, mutet aber immer noch wie ein Relikt aus der Amtsstubenzeit an.

(Foto: Stephan Rumpf)
Triste Sozialbürgerhäuser: Einen Farbklecks im Sozialbürgerhaus bietet immerhin die bunte Bank im Eingangsbereich.

Einen Farbklecks im Sozialbürgerhaus bietet immerhin die bunte Bank im Eingangsbereich.

(Foto: Stephan Rumpf)
Triste Sozialbürgerhäuser: Beim Jobcenter gibt's Wartemarken - und lange, triste Flure.

Beim Jobcenter gibt's Wartemarken - und lange, triste Flure.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nicht gerade einladend sei der Eingangsbereich, räumt Judith Krauss ein, seit zwei Jahren Leiterin des Sozialbürgerhauses (SBH) Neuhausen-Moosach. In dessen Einzugsbereich leben 160 000 Menschen, "von kinderreichen, finanziell nicht gut ausgestatteten Familien in Moosach bis hin zu den vielen älteren Alleinstehenden in Neuhausen". Im SBH kümmern sich 120 Beschäftigte darum, ihnen zu helfen. Der erste Eindruck freilich ist ein anderer: Die Infothek nennt Judith Krauss eine "abweisende Box", gibt dabei allerdings zu bedenken, dass bei Änderungen auch das Sicherheitsbedürfnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu berücksichtigen ist. Davor steht der Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes, der darauf hinweist, dass im Haus wegen Corona Maske zu tragen ist.

Der Bereich für die Kinderbetreuung scheint eher aus der Not geboren, als attraktiv gestaltet. "Viele Münchnerinnen und Münchner empfinden den Sozialstaat nicht als Unterstützung, sondern als Hindernislauf", sagt SPD-Stadtrat Christian Köning. "Sie kämpfen mit Behördenkauderwelsch, unklaren Zuständigkeiten und fehlenden Ansprechpartnern und Ansprechpartnerinnen." Köning will es den Menschen leichter machen, das "hohe Niveau sozialer Infrastruktur, die im bundesweiten Vergleich sehr ausdifferenziert ist, in Anspruch zu nehmen".

Triste Sozialbürgerhäuser: Den Menschen, die mit Sorgen und Nöten zu ihr kommen, hilft Hedwig Maier, Sachbearbeiterin für freiwillige Leistungen im Sozialbürgerhaus Neuhausen-Moosach.

Den Menschen, die mit Sorgen und Nöten zu ihr kommen, hilft Hedwig Maier, Sachbearbeiterin für freiwillige Leistungen im Sozialbürgerhaus Neuhausen-Moosach.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wer nur einmal an der Infothek des SBH Neuhausen-Moosach rechts um die Ecke biegt, kann sich in Zimmer 001 bei Hedwig Maier davon überzeugen, dass sie weder Ärmelschoner trägt, noch Besucher als Bittsteller behandelt, sondern ihnen gleichermaßen warmherzig wie einfühlsam begegnet. "Sachbearbeitung freiwillige Leistungen" steht zwar ganz nüchtern in alter Amtsstubentradition am Zimmerschild, aber Hedwig Maier macht schnell klar, dass sie ihre Aufgabe darin sieht, sich um Menschen zu kümmern, die finanzielle Sorgen haben und zudem von Schuldgefühlen geplagt werden. "Wo können wir unterstützen?", lautet ihre Frage.

Das fängt an mit dem München-Pass, der Menschen mit geringem Einkommen vergünstigten Zugang zu vielen Leistungen wie etwa dem MVV-Sozialticket ermöglicht. Hedwig Maier stellt den Pass aus, wenn das Einkommen unter der seit 1. September geltenden, höheren Armutsrisikoschwelle von 1540 Euro für Alleinstehende liegt. Und prüft dabei, ob nicht sogar Anspruch auf Grundsicherung besteht.

Auch die Barrierefreiheit soll verbessert werden

Auch wenn der München-Pass jetzt wieder stärker gefragt ist, so bedauert Judith Krauss, dass im vergangenen Jahr sich nur noch etwa 23 Prozent der Berechtigten den Pass ausstellen ließen. Viele Menschen würden sich auch scheuen, zu ihr zu kommen, sagt Hedwig Maier, weil sie befürchten, "vielleicht fünf Euro zu viel auf dem Konto zu haben". Denn sie müssen die Kontoauszüge vorlegen, um nachzuweisen, dass das Einkommen und Vermögen nicht die festgesetzten Grenzen überschreitet.

Der Rückgang hat wohl auch mit Corona zu tun. Dabei hat Hedwig Maier selbst zu Zeiten von Lockdown und Kontaktbeschränkungen sich bemüht, den Menschen zu helfen - über das Fenster im Erdgeschoss ihres Büros, auch wenn das nicht einfach war. Aber als Rollstuhlfahrerin lässt sie sich von Barrieren im Alltag nicht so leicht unterkriegen, und sie weiß, wie wichtig Schulkostenpauschale oder Stromkostenzuschuss für Menschen mit geringem Einkommen sind. Oder Einkaufsgutscheine, wenn einer kinderreichen Familie das Geld ausgegangen ist.

Zwar hat das Gebäude eine Rampe, ist aber längst nicht völlig barrierefrei. Menschen mit geringer Körperhöhe oder eben Rollstuhlfahrer können beispielsweise nicht über den Kassentresen schauen. Es fehlten Induktionsschleifen für Hörgeschädigte, Brailleschrift für Sehbehinderte. Und insgesamt würde sich Hedwig Maier "weniger Stufen und weniger Pflaster" wünschen, denn das rüttelt Rollstuhlfahrer wie auch Menschen, die mit Rollator unterwegs sind, ganz furchtbar durch.

Die Barrierefreiheit sowohl auf dem Weg zu als auch in den Sozialbürgerhäusern müsse besser werden, betonen Köning und SPD/Volt-Fraktionschefin Anne Hübner. Um Schwellenängste zu nehmen, sollten auch die Eingangsbereiche freundlicher gestaltet, ausreichend Kinderspielmöglichkeiten, Sitzgelegenheiten und Leitsysteme geschaffen werden. Wegen der Anhebung der Armutsrisikogrenze wollen SPD/Volt und Grüne/Rosa Liste außerdem die freiwilligen Leistungen für Seniorinnen und Senioren, wie etwa den sozialen Mittagstisch in offenen Einrichtungen, um bis zu einer Million Euro jährlich aufstocken.

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