Sound of Munich NowFünf Stunden Liebe, Lärm und Glitzer: So klingt München

Lesezeit: 8 Min.

Devado begeistert beim „Sound of Munich Now“ als ein auffällig grünes, glitzerndes Energiebündel allein mit ihrer Stimme, Body-Sounds und einer Loop-Maschine.
Devado begeistert beim „Sound of Munich Now“ als ein auffällig grünes, glitzerndes Energiebündel allein mit ihrer Stimme, Body-Sounds und einer Loop-Maschine. Johannes Simon

Beim „Sound of Munich Now“ im Feierwerk tanzt und tobt die Stadt: auf zwei Bühnen, mit zwanzig Acts – und einem Publikum, das bis nach Mitternacht nicht stillstehen will.

Von Emma Leiber, Leonie Schulz und Veronika Tieschky

Woher kommt diese Kraft? Diese Energie? Es ist nach Mitternacht. 0.25 Uhr. Auf der Bühne im Feierwerk steht Julz Heller und singt. Und vor ihm das Publikum? Es springt. Es tanzt. Es grölt. Und das nach fünf Stunden Musik ohne Unterbrechung. Nach fünf Stunden stehen und tanzen, bis die Beine schmerzen.

Woher kommt diese Liebe zur Musik? Zur Musik aus München?

Ein Blick zurück. 19.15 Uhr. „Wir leben alle nur fünfzehn Minuten – zumindest heute“, sagt Max Weigl von insschlosswollen auf einer der beiden Bühnen im Feierwerk. Fünfzehn Minuten, die bei Marina Marie mit Tagebucheinträgen, zarter Stimme und sanften Melodien gefüllt sind. Und die sich dann in die Viertelstunde von SEXSCHWEISS wandelt und „Halt dein Maul und stell mir keine Fragen“ schreit. Fünfzehn Minuten, die sich bei zwanzig Bands zu fünf Stunden summieren.

Und fünf Stunden, die trotzdem viel zu schnell vorbei sind.

Auf zwei Bühnen treten die Künstlerinnen und Künstler beim „Sound of Munich Now“ an diesem Abend auf, veranstaltet wird das Festival vom Feierwerk und der Süddeutschen Zeitung. Es regnet an diesem Samstag. Dicke Tropfen sammeln sich in Mänteln und Pelzen. Auf den Leder- und Regenjacken perlen sie ab. Um kurz vor 18 Uhr ist die Schlange vor dem Feierwerk trotzdem lang. Die Vorfreude ist spürbar. Auch bei Max Weigl, der gerade seine Freunde sucht – und der in etwa einer Stunde als Erstes auf der Bühne stehen wird.

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Im Eingangsbereich ist es noch frisch. Pinkes Licht trifft auf zwei große Discokugeln. Unterschiedlichste Menschen treffen aufeinander. Alle mit dem gleichen gelben Bändchen am Handgelenk und alle mit der gleichen freudigen Erwartung auf den Abend. Die jüngste Künstlerin des Abends, cleomadita, steht auch da, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Ihre zwei Freundinnen Ivana und Kathi unterstützen sie heute und können ihren ersten Auftritt nicht abwarten.

Während sich die Halle gegen 18:30 Uhr füllt, die meisten Menschen in kleinen Trauben herumstehen, tanzen mittendrin drei junge Menschen: euphorisch und lachend. Sie sind zum ersten Mal da, Katha und ihre beiden Freunde. Alle drei mögen andere Musik: einmal alles, einmal klassischer Pop und einmal Rap. Deshalb wollte Katha hierher. „Man kann an einem Abend so viele neue Bands kennen- und bestimmt lieben lernen.“ Sie lacht. „Da werde ich schnell zu einem kleinen Groupie.“ Die drei wippen weiter und umarmen sich.

„Dieses Festival ist so toll. Wohin man auch blickt, überall sieht man glückliche Gesichter. Im Publikum. Auf der Bühne“, sagt Mona Meiller. Vergangenes Jahr stand sie als Sängerin von „Galant“ selbst beim „Sound of Munich Now“ auf der Bühne, jetzt war sie als Gast hier.
„Dieses Festival ist so toll. Wohin man auch blickt, überall sieht man glückliche Gesichter. Im Publikum. Auf der Bühne“, sagt Mona Meiller. Vergangenes Jahr stand sie als Sängerin von „Galant“ selbst beim „Sound of Munich Now“ auf der Bühne, jetzt war sie als Gast hier. Johannes Simon

Der musikalische Abend beginnt mit einer Mischung aus ehrlichem Post-Punk und Indie-Pop, oder wie es Max Weigl selbst beschreibt: mit Schnauzer-Indie. Sein markantes haariges Accessoire trägt der Musiker mit Stolz – und sonst Glatze. „So leicht, so leicht, so leicht ist die Welt doch“, singt er und nimmt das bereits volle Feierwerk mit auf diesen besonderen Abend mit so vielen besonderen 15 Minuten.

Schon um kurz nach 19 Uhr folgt der erste Einlass-Stopp. So groß ist der Andrang. Darunter auch bekannte Gesichter: Blanko Malte, der vergangenes Jahr noch vom „Sommer in der Au“ sang, Mona Meiller von Galant, Mario Radetzky, Sänger der Blackout Problems, oder Johannes Halbig, einst Sänger der Killerpilze und mittlerweile Musikmanager. Alle neugierig darauf, wie München in diesem Jahr klingt.

Mit gerade einmal 18 Jahren steht Cleo Madita Dietmayr zum ersten Mal auf einer Bühne und präsentiert ihre erste, am Freitag veröffentlichte Single: erwach(s)en. Genau darum geht es in ihrer Musik: ums Erwachsenwerden, mutig sein und auch mal um Zweifel. Ehrlich, authentisch, poppig – und ziemlich selbstbewusst. Sie animiert das Publikum: Winken, in die Knie gehen und springen. Ihre Freundinnen in der ersten Reihe springen am höchsten, singen jede Zeile mit, schauen überglücklich und sind so stolz.

Immer laut, mit Kraft, aber nie ohne Gefühl: Laura Glauber, Sängerin von „LAURAINE“.
Immer laut, mit Kraft, aber nie ohne Gefühl: Laura Glauber, Sängerin von „LAURAINE“. Johannes Simon

Bei LAURAINE ist es noch lauter. Laura Glauber, Sängerin der Band, führt an diesem Abend nicht nur als Moderatorin durch das Programm, sondern steht auch selbst als Musikerin auf der Bühne. Der Bass setzt ein, die Bühne blitzt lila auf. Drum’n’Bass-Impulse, „wavy“ Klangflächen, mal ein Klacken, dann ein Ziepen, Surren, dann wieder Drums. Und darüber legt sich die Stimme der Sängerin. Immer laut, mit Kraft, aber nie ohne Gefühl.

15 Minuten Electro-Indie, 15 Minuten Folk-Rock, 15 Minuten Pop, so schnell geht das beim „Sound of Munich Now“.

Debby van Dooren, die sich als Künstlerin DEVADO nennt, kennt dieses Show-Prinzip bereits, an diesem Abend springt sie spontan für Tame the Abyss ein. Die deutsche Disney-Stimme von Vaiana performt als ein auffällig grünes, glitzerndes Energiebündel allein mit ihrer Stimme, Body-Sounds und einer Loop-Maschine. Die Indie-Postrock-Band soft collapse steht hingegen nebeneinander auf der Bühne, alle ganz bei sich, die Blicke auf ihre Instrumente gerichtet. Die ruhige Stimme gleitet über flirrende, vorsichtig gezupfte Saiten. Erst ganz langsam setzt das Schlagzeug ein. Mit soft collapse wird es im Raum plötzlich still, gemeinsam still: Ein Paar lehnt sich aneinander, ein anderes schunkelt eng umschlungen, während die Sängerin am Ende noch zu einer Melodica greift.

Gloria und ihre Freunde stehen links am Bühnenrand und tanzen schon, bevor es überhaupt losgeht. Sie kennen die nächste Band, Fruchtiger Beigeschmack, aus ihrer Heimat Herrsching. „Wir haben zusammen gefeiert und lagen gemeinsam am See“, sagt sie. „Ich warte auf den Sommer, der schon wieder vorbei ist“, singt Milena Hehl - Vokuhila, weißes Shirt, entspannte Adidas-Hose. Sie singt zart, zerbrechlich und ehrlich, während sie und ihr Gitarrist synchron im Takt nach links und rechts wippen. Den Song hat sie mit 15 geschrieben. Sie spielt mit dem Gefühl, dass die Zeit rennt, „für immer und nie“.

Fünf Stunden lang Musik ohne Unterbrechung. Fünf Stunden lang ein volles Feierwerk.
Fünf Stunden lang Musik ohne Unterbrechung. Fünf Stunden lang ein volles Feierwerk. Johannes Simon
Und selbst nach diesem Musik-Marathon hatten alle noch Kraft, um zu tanzen.
Und selbst nach diesem Musik-Marathon hatten alle noch Kraft, um zu tanzen. Johannes Simon

21 Uhr. Mittlerweile ist es warm in der Halle, die Wangen sind rot und die Bierflaschen werden zum Kühlen an die Stirn gehalten. Auch draußen wird sich abgekühlt oder der Fotoautomat genutzt, um den Abend einzufangen. Die Fotostreifen hängen dann später an den Kühlschränken und Pinnwänden Münchens. Daneben ist wieder eine lange Schlange, drinnen erneuter Einlass-Stopp. Die Hansa39 ist bis auf den letzten Platz gefüllt – und jeder, der vor der Bühne steht, will nicht wieder raus. Warum? Weil Künstler wie Kilian Unger für ein Gefühl von Euphorie sorgen. Mit Keyboard, Loop-Maschine und einer Energie wie ein Flummi. Er steht keine Sekunde still. Genauso wenig wie das Publikum. „Ist das geil!“, sagt ein Mann. Ein anderer: „So cool.“

Während in der Hansa39 an diesem Abend nur Bands aus München zu hören sind, zeigt sich in der Kranhalle die musikalische Vielfalt Bayerns. Vier Acts, präsentiert vom Verband für Popkultur in Bayern, vier sehr unterschiedliche Klangwelten, und ein Publikum, das sich bereitwillig auf all diese Wechsel einlässt.

Den Auftakt machen LISÆ, die mit einer Mischung aus Performance, Pop und klarer Haltung auftreten. Ihre Songs sind politisch, ohne belehrend zu wirken. Sie richten sich gegen patriarchale Strukturen und feiern den Zusammenhalt unter Frauen. Die Energie der beiden Musikerinnen überträgt sich sofort auf den Raum. Besonders eindrucksvoll ist ein Moment, in dem im Publikum plötzlich Feuerzeuge aufleuchten. Für ein paar Sekunden wird aus der großen Halle eine fast intime Szene.

Was danach folgt, zeigt, wie breit das Spektrum dieses Abends ist. BELLI beschreibt ihre Musik selbst als etwas, in dem sie „Feenstaub gesammelt“ habe. Live wirkt diese Beschreibung überraschend treffend. Ihre Songs kreisen um Liebeskummer, um das Verliebtsein, um die kleinen emotionalen Verschiebungen zwischen Hoffnung und Melancholie. Ihre Stimme legt sich weich über den Raum, und man merkt, wie sich das Publikum darauf einlässt.

Mit EZ KAMIL verändert sich die Atmosphäre erneut. Sein Rap ist präzise und selbstbewusst, zugleich tauchen in seinen Texten immer wieder poetische Bilder auf. Zwischen Beats und Reimen entsteht eine Mischung aus Rap und Poesie. An diesem Abend bringt er außerdem eine kleine Premiere auf die Bühne: Zum ersten Mal performt er einen Song live mit Autotune. Das Experiment funktioniert so gut, dass das Publikum laut nach einer Zugabe ruft – und den Song tatsächlich noch einmal bekommt.

Den Ausklang übernimmt schließlich DANCA am DJ-Pult. Nach den Live-Auftritten hält sie die Energie im Raum und sorgt dafür, dass der Abend nicht abrupt endet, sondern langsam ausläuft.

Und wer draußen steht, geht einfach in die Kranhalle. Dort präsentiert der Verband für Popkultur in Bayern den „Sound of Bavaria Now“. Weiße Kappen, weiße Jogginganzüge, eine kurze Tanzeinlage – und plötzlich steht der ganze Raum unter Strom. In der Kranhalle zeigt sich an diesem Abend schnell, dass auch der „Sound of Bavaria Now“ kein gewöhnliches Konzertformat ist. Vier Acts, vier sehr unterschiedliche Klangwelten, und ein Publikum, das sich bereitwillig auf all diese Wechsel einlässt. Den Auftakt machen LISÆ, die mit einer Mischung aus Performance, Pop und klarer Haltung auftreten. Ihre Songs sind politisch, ohne belehrend zu wirken. Die Songs von BELLI kreisen um Liebeskummer, um das Verliebtsein, um die kleinen emotionalen Verschiebungen zwischen Hoffnung und Melancholie. Der Rap von EZ KAMIL wiederum ist präzise und selbstbewusst, zugleich tauchen in seinen Texten immer wieder poetische Bilder auf. Den Ausklang übernimmt schließlich DANCA am DJ-Pult. Stillstehen geht auch hier nicht.

Luisa van de Sand hat extra Tanzunterricht genommen für ihren Auftritt beim Festival im Feierwerk.
Luisa van de Sand hat extra Tanzunterricht genommen für ihren Auftritt beim Festival im Feierwerk. Johannes Simon

Stillstehen will auch Luisa van de Sand, die sich als Künstlerin DE LOUA nennt, nicht. Vor 14 Tagen hat sie zum ersten Mal Hip-Hop getanzt, nun bewegt sie sich mit ihren vier Tänzerinnen zu „I wanna dance all night“ mit einstudierter Hip-Hop-Choreografie. DE LOUA zeigt: Botschaften müssen nicht immer langsam oder sanft sein. Sie lassen sich auch in schnelle, freche Pop-Lieder verpacken.

Mona Meiller, die mit ihrer Band Galant im vergangenen Jahr beim „Sound of Munich Now“ die „geilste Viertelstunde ihres Lebens“ verbrachte, verfolgt die Show von der Seite. „Dieses Festival ist so toll. Wohin man auch blickt, überall sieht man glückliche Gesichter. Im Publikum. Auf der Bühne.“

Musikalische Glücksgefühle, jedes Mal 15 Minuten, und dann wieder umdrehen zur nächsten Band. Zwischendurch gleicht der Ablauf des Abends einem Speeddating-Event. Nur werden hier keine potenziellen Partner gesucht, sondern potenzielle neue Lieblingsbands oder -künstler.

Die jüngste Künstlerin des Abends - und sehr selbstbewusst: „cleomadita“.
Die jüngste Künstlerin des Abends - und sehr selbstbewusst: „cleomadita“. Johannes Simon
„Her Tree“ macht aus Tiergeräuschen einen tanzbaren Electro-Indie-Sound.
„Her Tree“ macht aus Tiergeräuschen einen tanzbaren Electro-Indie-Sound. Johannes Simon
Anwärter auf den schönsten Bandnamen des Abends: Max Weigl und sein Postpunk-Projekt „insschlosswollen“.
Anwärter auf den schönsten Bandnamen des Abends: Max Weigl und sein Postpunk-Projekt „insschlosswollen“. Johannes Simon
Singer-Songwriter mit der Energie einer Rockband: „Mailänder“. Nach dem Auftritt bluteten seine Finger.
Singer-Songwriter mit der Energie einer Rockband: „Mailänder“. Nach dem Auftritt bluteten seine Finger. Johannes Simon

22 Uhr. Antonella Marek, Fridolin Straubinger, Dominik Straubinger, Jakob Jäger betreten die Bühne. Mit Kappe auf dem Kopf, gepaart mit lockerer Kleidung und Krawatte, einer mit langen Haaren, die Sängerin trägt helle Kontaktlinsen in den Augen. Wer schon einmal eine Show von Pure Dirt erlebt hat, weiß: Hier gibt es keine Rücksicht auf Perfektion und keinen Anspruch auf Norm. Die Punkband ist laut, schnell, nicht immer versteht man, was Frontfrau Antonella ins Mikrofon singt oder schreit. „Ich will, dass du mich vergisst, vergiss mei nicht“, brüllt sie.

„Wie könnte man diesen Auftritt vergessen?“, fragt ein Mann im Publikum. Dann nimmt Sängerin Antonella Kappe und Brille ab, zieht mit einem Lippenstift einen Strich über ihr Gesicht. Sie tanzen, springen, rollen über den Boden, schütteln die Locken, lassen die Beine roboterartig nach oben schnellen. Eine Kamera zoomt an die sich nach oben rollenden Augen und springenden Füße heran. Und dann war es das für den Abend. Am Ende ein zartes Lächeln der Sängerin.

Marina Marie spielt eingängigen Pop – sanft, klar, verletzlich.
Marina Marie spielt eingängigen Pop – sanft, klar, verletzlich. Johannes Simon

Was auffällt an diesem Abend. Es wird häufig auf Deutsch gesungen. Wild. Aber auch zart. Marina Marie betritt die Bühne, in der Hand ein Buch. Ihr Sechs-Minuten-Tagebuch. Vor ihren Songs liest sie daraus kurz vor. Worte wie kleine Zeitkapseln: „Bewusst wahrnehmen. Hier im Jetzt sein. Zu fühlen.“ Dann setzt die Gitarre ein. Eingängiger Pop – sanft, klar, verletzlich. Die Melodien malt sie mit der Hand in die benebelte Luft. Marina Marie lädt ein, innezuhalten, zu spüren, zu sehen, wie Sekunden, Minuten und Momente durch uns hindurchgleiten.

Und dann folgt die nächste Drehung des Publikums. Es zeigt sich, wie schnell sich Dinge ändern – an diesem Abend sowie im Leben. Laut, knapp, provokant, wieder auf Deutsch, mit voller Wucht: Punk! Bei der vierköpfigen Punkrock-Band SEXSCHWEISS geht es um alles, Hauptsache gegen die Norm – und bitte keine Tabus. Frontsängerin Claudia Röhrle tobt mit wippender Lockenpracht, in Strumpfhose, knapper Lederhose, Stiefeln und einem Top, aus dem die Brüste hervorblitzen, über die Bühne und schreit: „Halt dein Maul und stell mir keine Fragen.“

Hauptsache, gegen die Norm. Claudia Röhrle, Sängerin der Punkband „SEXSCHWEISS“.
Hauptsache, gegen die Norm. Claudia Röhrle, Sängerin der Punkband „SEXSCHWEISS“. Johannes Simon

Diese 15 Minuten sind wie eine Jagd. Die Menschen im Publikum tanzen, manche headbangen. Die Menge jubelt, die Menge springt, die Menge schreit. Am besten so laut es geht. Und am besten alle zusammen.

„Das ist gut!“, sagt ein Security-Mann zufrieden zu sich selbst, als er passend zum ersten Song von Max Moody alias Max Frohberg einen Schritt ins Feierwerk tritt. Die Musik ist so moody wie sein Name. Eine Mischung aus melancholischem Indie- und Rock-Elementen. Seine drei Band-Kollegen und er lassen sich Zeit. Zeit, die Melodien richtig aufzubauen. Zeit, sie richtig zu spüren, zu spielen. Und sie richtig zu transportieren. Nach einem langen, atmosphärischen Instrumental-Intro mit viel E-Gitarren- und Bass-Sounds hat er das Publikum schon in seinen Bann gezogen und endlich ertönt die warme Stimme. Er singt viel über Schmerz und Einsamkeit und schließt sein Set mit einem ruhigen Song, nur er und eine Gitarre. Die blond gefärbten Haare schimmern im Scheinwerferlicht.

Katha und ihre Freunde sind mittlerweile seit fünf Stunden am Tanzen. „Das hat sich nicht wie fünf Stunden angefühlt“, sagt sie. Ohne Pause, kein einziges Mal ist sie aus der Halle gegangen, aus Angst, etwas zu verpassen. „15 Minuten sind kurz“, sagt sie.

Neben den drei jungen Menschen sind weitere verschwitzte Gesichter zu sehen, Haarsträhnen, die im Gesicht kleben bleiben. Ein Paar greift hastig in eine Chipstüte, die Hände treffen sich manchmal, bis einer nachgibt, und dem anderen den Vortritt lässt. Eine junge Frau kippt den Rest einer kleinen Packung Nüsse in ihren Mund. Die letzte Stärkung für die letzten Künstler an diesem Abend.

Es ist nach Mitternacht. Julz Heller übernimmt die letzten 15 Minuten des Abends. Julian Heller, das ist Emo, Pop-Punk, Kappe, Tattoos und E-Gitarre. Die Bühne in rot-weißes Farbspiel getaucht, Lichtstrahlen schießen durchs Publikum wie Blitze.

Auch im Publikum: Kristina Moser, sie stand schon mal als  Blushy AM  auf der Sound-of-Munich-Now-Bühne.
Auch im Publikum: Kristina Moser, sie stand schon mal als Blushy AM auf der Sound-of-Munich-Now-Bühne. Johannes Simon

Der erste Ton ist das Startzeichen, um das Ende der Veranstaltung einzuleiten. Und zwar laut, kraftvoll und energetisch. Vorn öffnet sich ein Moshpit. Jung und Alt, Männer und Frauen, mit Bierflaschen in der Hand und hochgezogenen Mundwinkeln im Gesicht. Die Musiker von Pure Dirt tanzen am Bühnenrand, neben ihnen Kristina Moser, auch sie stand schon mal als Blushy AM auf der Sound-of-Munich-Now-Bühne.

Woher kommt diese Kraft? Diese Energie? Ein Mann streckt den Finger in die Luft, schreit mit. „Hit me hard!“ – der letzte Song, der letzte Rausch. Noch einmal die ganze Kraft der Musik. Ein Abend, der endet und doch nachhallt.

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