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Sonnenstraße:Scientology-Stand verärgert Geschäftsleute

Zwischen Stachus und Sendlinger Tor: die Sonnenstraße in München.

(Foto: lok)

Die Sekte Scientology kennt fast jeder, das Buch "Dianetics" vielleicht nicht: Unter dem Titel wirbt die Sekte mit einem Informationsstand in der Sonnenstraße. Die Geschäftsleute dort stört nicht nur der "Tarnname", sondern auch die aggressive Art der Werbung. Die vermiese nämlich ihr Geschäft.

"Die Fakten über Drogen" verspricht ein Aufsteller auf einem Informationsstand in der Sonnenstraße. Dazu gibt es eine ganze Reihe Broschüren und Flyer, die engagierte Freiwillige an Passanten verteilen. "Dianetics" steht in großen Lettern auf dem Logo des Stands. Eine Aktion gegen Drogenmissbrauch, eine gute Sache. Was viele der Leute, denen ein Flyer in die Hand gedrückt wird, nicht wissen: Der Infostand wird von Scientology betrieben.

Geschäftsleute an der Sonnenstraße fühlen sich von dem Treiben um den Stand gestört und wollen nun dagegen vorgehen. "Viele kennen Scientology und wissen darüber Bescheid. Dianetics kennt niemand", sagt Melanie Kieweg, die eine Unterschriftenliste gegen den Informationsstand gestartet hat. Es sei nicht nur der "Tarnname", der die Ladeninhaber in der Sonnenstraße störe, sondern vor allem die aggressive Art, auf die der Informationsstand seine Werbung betreibe, so Kieweg. "Die gehen auf die Leute zu und drängen sie regelrecht ab."

Melanie Kieweg wurde nach eigener Aussage selbst einmal bis auf den Radweg abgedrängt. Deshalb hat sie beim Bezirksausschuss einen Antrag gestellt und die Liste mit acht Unterschriften der Geschäftsleute aus der Sonnenstraße 16 und 18 eingereicht. Wenigstens eine klare Deklarierung als Scientology-Aktion fordert Kieweg, eigentlich aber soll der Stand ganz verschwinden.

Die Scientology-Organisation steht in Bayern unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Von einer Gefährdung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung ist die Rede, im Verfassungsschutzbericht 2012 wird gewarnt, dass Scientology häufig über Infostände in Fußgängerzonen Kontakte herzustellen versucht. So wie es in der Sonnenstraße passiert. Für den Inhaber eines dort ansässigen Mobilfunk-Geschäfts bedeutet der Dianetics-Stand aber nicht nur eine Unannehmlichkeit. "Ich merke das: Sobald die da sind, ist keiner mehr hier drin", sagt der Besitzer, der seinen Namen nicht öffentlich lesen möchte, über seinen Handy-Laden.

Den Leuten hinterherjagen

Dessen große, immer offene Tür geht direkt auf die Sonnenstraße hinaus, so kann der Unternehmer die Aktionen des Informationsstands genau beobachten: "Wenn jemand sagt, nein danke, kein Interesse, dann jagen sie den Leuten hinterher." Er habe sich schon einige Male mit den Standbetreibern angelegt, einmal haben die Scientologen ihrerseits die Polizei gerufen. "Die Polizisten haben zu mir gesagt: Was da draußen passiert, hat Sie nicht zu interessieren", sagt der Ladeninhaber. "Aber ich möchte natürlich nicht, dass meine Kunden vergrault werden."

Der Informationsstand hat eine Genehmigung, wie eine Nachfrage der SZ beim Kreisverwaltungsreferat (KVR) ergab. Dazu gehören allerdings auch Verhaltensvorschriften für die Personen, die den Stand betreiben. "Das Verhalten darf nicht belästigend, aufdringlich oder nötigend sein", sagt Matthias Rischpler vom KVR. Überprüft werde das allerdings nur routinemäßig, das heißt, wenn ein KVR-Mitarbeiter zufällig an dem Stand vorbei kommt. Wenn allerdings Beschwerden eingingen, würde das KVR jemanden hinschicken, was aber, so Rischpler, bei dem Stand in der Sonnenstraße erst einmal der Fall gewesen sei. Eine Überprüfung durch die Polizei habe jedoch ergeben, dass nichts zu beanstanden sei.

Dass Sekten wichtige Themen wie Drogenmissbrauch - wie beim Informationsstand in der Sonnenstraße der Fall - gerne für die Stände wählen, ist keine Ausnahme. "Seit ein paar Jahren gibt es die Tendenz, dass diese Gruppen Themen aufgreifen, die für die Öffentlichkeit wichtig sind", erklärt Harry Bräuer vom Kommissariat für Prävention und Opferschutz der Münchner Polizei. Auch dass diese Gruppen nicht weithin sichtbar mit ihrem eigenen Namen auftreten, sei üblich. Man wolle nicht auf konfliktgeladene Begriffe hinweisen, so Bräuer.

Ob das zulässig ist, kontrolliert das KVR allerdings nicht. "Wir prüfen, ob der Infostand unter straßen- und wegerechtlichen Gesichtspunkten genehmigt werden kann", sagt Matthias Rischpler. Das bedeutet, dass Passanten nicht eingeschränkt sein dürfen durch den Stand. Auch wenn die Bayerische Staatsregierung in einem 15-Punkte-Maßnahmenkatalog gegen die Scientology-Organisation explizit darauf hinweist, dass Straßenwerbung durch das Straßen- und Wegegesetz unterbunden werden kann und soll: Zu überprüfen, was der Informationsstand unter welchem Namen anbietet, dafür fehle dem KVR schlicht die rechtliche Grundlage, so Rischpler. Man könne Passanten nur raten, im Impressum der Informationsmaterialien selbst herauszufinden, mit wem man es zu tun hat.