„Die Luft riecht nach Sommer, schmeckt nach Sommer, klingt nach Sommer“ – Klaus Mann wusste genau, was er unter Sommerfrische verstand. Joachim Ringelnatz dagegen riet in einem „Sommerfrische“ betitelten Gedicht: „Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß / das durch den sonnigen Himmel schreitet …“ Tatsächlich löst der Begriff bis heute überwiegend positive Assoziationen aus, lässt an Ferien in freier Natur denken, an Stadtflucht und Aufbruch. All den Sehnsüchten, Ideen und Erinnerungen spürt Bodo Plachta in seinem neuen Buch nach.
In 18 Kapiteln erkundet der Literaturwissenschaftler auf 320 Seiten das Erfolgsgeheimnis der Sommerfrische, schürft tief in literarischen und soziologischen Quellen, analysiert, warum sich ganze Landschaften in urbane Ferien-Enklaven wandelten. Gelungen ist ihm auf jeden Fall eine kurzweilige kulturhistorische Bestandsaufnahme dieser ganz speziellen Ferienform.
Ursprünglich war die Sommerfrische ein Privileg, das nicht jedem zuteilwurde, sondern nur einer kleinen exklusiven Minderheit. Ende des 18. Jahrhunderts lebten schließlich noch 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts drehte sich das Verhältnis um, da die Menschen der fortschreitenden Industrialisierung wegen in die Städte zogen und sich zunehmend danach sehnten, wenigstens für kurze Zeit aus dem Alltag auszubrechen. Die rasante Entwicklung der Mobilität vereinfachte zudem das Reisen. Gemessen an der Zeit, die die Bahn heute für Reparaturen braucht, ist es schier unglaublich, wie schnell sich damals das Schienennetz entwickelte. Die ersten sechs deutschen Bahnkilometer wurden im Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet. 1849 verfügte man bereits über 6000 Kilometer Schienen; 1870 waren es 19 000, fünfzehn Jahre später 37 000 Kilometer.
Die Wiege der Sommerfrische entdeckte Plachta übrigens auf dem Ritten in Südtirol, den die Bozner Schickeria schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts als luftiges Ziel nutzte. Anfangs bezogen die Sommerfrischler einfache Quartiere bei Bauern. Doch bald wuchsen die Ansprüche, herrschaftliche Residenzen und Hotels wurden gebaut.

Das erste Grandhotel für die gepflegte Beherbergung von Reisenden eröffnete übrigens im Januar 1774 in Londoner Stadtteil Covent Garden. Dann zogen die Kurorte nach, schließlich wünschten sich die Gäste „Komfort“ und ein „außerordentliches sommerliches Behagen“, wie es Theodor Fontane in Baden-Baden formulierte. Natürlich war die Gesundheit das ausschlaggebende Moment für eine Kur, aber gesehen werden wollte man schon auch. „Wenn man in einem eleganten Hotel sitzt, ist man selber elegant“ – eine Aussage, die nach Kurt Tucholsky zu den „Glaubenssätzen der Bourgeoisie“ zählt. Eine Garantie für Idylle und Harmonie in der Sommerfrische gab es freilich nicht, wie Maxim Gorki in seinem Stück „Sommergäste“ (1904) ganz wunderbar vorführte.
Freilich blieben das Hochgebirge genauso wie die Küstenlandschaft lange nur „Durchgangsland, nicht Bestimmungsort“ (Plachta). Auch wenn Francesco Petrarca schon 1336 begeistert von seinem Aufstieg auf den Mont Ventoux berichtete, erfolgten die Erstbesteigungen der meisten anderen Gipfel erst im frühen 19. Jahrhundert. Und es bedurfte der Vorarbeit vieler Forscher, Literaten und Maler, bevor sich die Mehrheit deren Ansicht anschloss, die Alpen seien nicht furchteinflößend, sondern überwältigend schön. Vielleicht sogar zu schön, wie es Rainer Maria Rilke empfand. „…was für Ansprüche machen diese Seen und Berge, wie ist immer etwas zu viel an ihnen, die einfachen Augenblicke hat man ihnen abgewöhnt.“

Heilbäder gab es schon, bevor die Sommerfrische in Mode kam. Die ersten Kunden waren adelige Gäste. Bad Ischl wäre nie so berühmt geworden, hätte es nicht Kaiser Franz Joseph zu seiner Sommerresidenz erwählt. Der Ort ist ein Beispiel für einen ursprünglich ländlichen Kurort, der sich wie so viele andere im 19. Jahrhundert in ein mondänes Bad verwandelte. Oft entstanden um die eigentlichen Kureinrichtungen Stadtlandschaften mit Villen, Hotels, Kaffeehäusern und Theatern, die Natur war nicht so wichtig. „Mir ist es in Ischl immer, als ob die Berge ringsum nur eine Art Decoration wären, die man auf die Wiener Ringstraße gestellt hat“, spottete Satiriker Karl Kraus.
Überall entstanden Landhäuser in bäuerlichem Stil. Teils kitschig und protzig, teils betont einfach wie das Schweizer Chalet, manchmal auch stilistisch verwirrend. Peter Rosegger fragte sich jedenfalls angesichts der regen Bautätigkeit am Semmering, ob hier „ein Land von Stadthäusern oder eine Stadt von Landhäusern“ entstanden sei.
Amüsant zu lesen sind auch die Randaspekte, die der Drang zur Sommerfrische mit sich brachte. Zum Beispiel die Ansichtskarten, die es plötzlich überall gab. Dass darauf der Platz begrenzt war, fand man praktisch. „Morgens die Sonne erwarten, abends die Nacht. Sonst nichts! / Das ist alles!“, teilte der Dichter Peter Altenberg aus St. Wolfgang mit.
Karl Kraus hielt die „Ansichtskartenmanie“ allerdings für gemeingefährlich. „Blicken wir aus einem Coupéfenster: Da sieht man in der kurzen Zeit, da ein Zug hält, Leute in glühender Hitze nach Ansichtskarten laufen, mit schweren Schweißtropfen im Antlitz ein paar hastige Zeilen scribeln und athemlos den Perron nach einem Briefkasten durchsuchen. Mit Müh‘ und Noth wird der Zug noch erreicht. Erschöpft setzt sich das Opfer der Ansichtskartenmanie nieder – für einige Minuten nur; denn wieder hält der Zug, wieder muss dem Moloch geopfert werden.“ Kein Wunder, dass bei manchen Sommerfrischlern die Erholung gleich wieder flöten ging.
Bodo Plachta: Sommerfrische. Die Sehnsucht der Städter nach dem Leben auf dem Land. Allitera Verlag 2025, 25 Euro.

