Der Juli ist der neue Advent. Liest man zurzeit ständig, wegen der Terminhatz, von der sich vor allem Eltern geplagt fühlen. Parallelen zwischen Sommerfesten und Weihnachtsbasaren oder Abschlusskonzerten und Adventslieder-Darbietungen sind nicht von der Hand zu weisen, aber ist Schulbücher-Zurückgeben dann auch das neue Wichteln?
Es ist nicht mehr zweifelsfrei zu ermitteln, wer eigentlich angefangen hat mit dem Quatsch, dass X das neue Y sei. Bislang hatte man die Verfasserinnen der 2016 erschienenen Bücher „Sitzen ist das neue Rauchen“ und „Fünfzig ist das neue Dreißig“ im Verdacht, nicht zu verwechseln mit der Fortsetzung „60 ist das neue 40“, das 2020 herauskam, als aber erst 54 das neue 34 gewesen wäre.
Möglicherweise aber ist auch München nicht ganz unschuldig an der Tendenz, Äpfel zu neuen Birnen zu erklären: Bereits 2010, beachtliche sechs Jahre vor „Sitzen ist das neue Dreißig“, schrieb jemand auf Twitter: „Hamburg ist das neue München (Wetter!)“, doch der Beitrag versendete sich. Null Likes, null Retweets, null Kommentare. Das hielt die Welt nicht davon ab, 2013 nachzuziehen und einen Artikel über zugewanderte Facharbeitskräfte mit der Zeile zu überschreiben: „München ist das neue Mumbai“.
Die Bild warf 2018 die konkurrierende Meldung auf den Lesermarkt, München sei das neue Tokio, wegen der hohen Immobilienpreise („Dieses Zimmer kostet 214 500 Euro, Klo und Dusche muss man sich teilen“). Ist zwar schon ein bisschen her, hat aber nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Ein Augsburger Immobilienbüro drehte kürzlich auf seiner Website den Spieß um und stellte die bange Frage: „Ist Augsburg das neue München?“
Um den Titel „das neue München“ bewarben sich in den vergangenen Jahren auch schon Wien (ähnlich netter Umgang mit eintreffenden Geflüchteten), Vicenza (Abkehr von Windows), Frankfurt (Austragung von NFL-Spielen) oder Eschbach im Hochtaunuskreis (Wiesn-Stimmung beim Feuerwehrfest). Ob indes Leverkusen auf Jahre hin das bessere München sein wird, wird in der nächsten Fußball-Saison Vincent Kompany klären müssen, der neue Thomas Tuchel, der noch weit davon entfernt ist, zum neuen Ottmar Hitzfeld (2191 Tage Amtszeit) zu werden. Vielleicht hilft ihm bei der Erreichung dieses Ziels ja ein Aufsatz aus dem Jahr 2018 mit dem Titel „Fühlen ist das neue Führen“. Unwahrscheinlich ist hingegen, dass Schwarz-Gelb das neue Rot wird, denn Fachleute haben schon Rosa zum neuen Schwarz erklärt. Und spätestens seit der EM ist ja Pink das neue Weiß.
Da es langsam zu bunt wird, ist es Zeit, aufzuhören. Denn eines ist gewiss: Eine Kolumne ist noch lange nicht der neue XXL-Roman.

