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Solln:Wohnungsnot bekämpfen oder Bauwerke schützen?

Demonstration gegen den Abriss einer Villa in Münchnen, 2018

Demonstration gegen den Abriss der alten Villa in Soln.

(Foto: Claus Schunk)

Eine alte Villa in Solln wird wohl einem Mehrfamilienhaus weichen. Trotz anhaltender Proteste hält die Kirche an den Abrissplänen fest und begründet dies mit der Wohnungsnot.

Von Jürgen Wolfram, Solln

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) hält trotz anhaltender Proteste an ihren Plänen fest, die Villa aus den 1920er-Jahren an der Linastraße 3 a in Solln abzureißen und durch ein Mehrfamilienhaus zu ersetzen. Dies ergibt sich aus einem Rundschreiben an die Kirchengemeinden sowie aus einem Brief des Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm an Stefanie und Verena Rendtorff, zwei frühere Bewohnerinnen des Hauses. Auch eine Unterredung des Sprechers des Bündnisses Gartenstadt, Andreas Dorsch, mit Oberkirchenrat Erich Theodor Barzen vom Landeskirchenamt führte zu keinem anderen Ergebnis. Unterdessen hat das Bündnis etwa 450 Unterschriften für den Erhalt der Villa gesammelt - auf der Straße, nicht im Internet.

Wie Stefanie Rendtorff mitteilt, habe der Landesbischof sie kürzlich um Verständnis dafür gebeten, dass sich die evangelische Kirche gegen die Wohnungsnot engagieren und in Solln neuen Wohnraum schaffen wolle. Zugleich habe Bedford-Strohm die Verdienste ihres Vaters, des 2016 verstorbenen Theologen Trutz Rendtorff, ausführlich gewürdigt. Er war der letzte Bewohner der Villa. Für die Idee, an der Linastraße Wohnungen "für mindestens 20 Menschen" zu schaffen, warb erneut auch Oberkirchenrat Erich Theodor Barzen. Etwa die Hälfte der Unterkünfte würden an Mitarbeitende des Evangelischen Pflegezentrums Sendling der Inneren Mission vermietet, kündigte er in einem Rundbrief an die evangelischen Kirchengemeinden in München an. Auch die anderen neu entstehenden Wohnungen seien Beschäftigten der Diakonie und der Kirche vorbehalten.

"Das Mehrfamilienhaus in der Linastraße ist einer von vielen Beiträgen, die die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern zur Linderung der Wohnungsnot in bayerischen Großstädten leistet", schreibt Barzen. Die ELKB und das Evangelische Siedlungswerk seien gegenwärtig dabei, bayernweit mehr als 1000 Wohnungen zu bauen oder zu planen, die nach ihrer Fertigstellung zu erschwinglichen Mieten vergeben würden. Die Anstrengungen träfen sich mit Erwartungen, die die Politik an die ELKB richte. So habe sich die evangelische Landeskirche beim jüngsten "Bayerischen Wohnungsgipfel" am 26. Juli gemeinsam mit anderen Akteuren verpflichtet, "das in ihren Kräften Stehende zu tun, zur Wohnraumversorgung beizutragen". Dazu gehöre ausdrücklich die "Aktivierung bestehender Baulandpotenziale".

Bei der Planung des Mehrfamilienhauses in Solln gehe die ELKB sorgfältig vor, verspricht Oberkirchenrat Barzen. Das neue Gebäude soll sich in die Umgebung einfügen, mehr als drei Viertel des Grundstücks könnten Grünfläche bleiben. Die Einwände von Anwohnern, ehemaligen Gästen und Bewohnern der Villa nennt Barzen "nachvollziehbar". In der Abwägung überwiege jedoch die Verpflichtung, "Wohnraum zu schaffen, den sich auch Pflegekräfte leisten können". Der Bauantrag für das Mehrfamilienhaus soll im Herbst eingereicht werden.

"Wir danken der Landeskirche, dass sie uns nicht allein lässt"

Bis zum Beginn der Bauarbeiten werde das Haus "zu einem symbolischen Betrag" an die soziale Einrichtung "Hilfe im Alter - gemeinnützige GmbH der Inneren Mission" vermietet. Gerhard Bauer, der Geschäftsführer der Inneren Mission, weiß das zu schätzen. "Wir danken der Landeskirche, dass sie uns nicht allein lässt", soll er laut Landeskirchenamt erklärt haben.

Andreas Dorsch vom Bündnis Gartenstadt findet die Entwicklung enttäuschend. "Wir verlieren in München ständig erhaltenswerte Anwesen und müssen kämpfen, damit überhaupt noch welche übrig bleiben", sagte er nach seinem Gespräch mit Oberkirchenrat Barzen. Auch an den hohen Mieten würden Baumaßnahmen wie diejenigen der ELKB wenig ändern, solange die Zahl der Arbeitsplätze unablässig steige und der damit verbundene Zuzug nicht ende. Für die Linastraße 3 a hätte sich Dorsch einen Kompromiss gewünscht, etwa die Sanierung der Villa, verbunden mit einem Neubau von verträglicher Dimension. Er empfiehlt "kreative Überlegungen", wie man den Altbau in Zukunft doch noch nutzen könnte. "Es gibt bestimmt kirchliche Jugendorganisationen, die sich über mehr Platz freuen würden", glaubt Dorsch. Die Unterschriftenlisten, die vorerst im Umlauf bleiben, will er im September an die Kirchenoberen übergeben.

© SZ vom 27.08.2018
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