Süddeutsche Zeitung

Saif al-Arab Gaddafi:Gaddafi-Sohn ist weg, seine Schulden bleiben

Der Sohn des libyschen Diktators Gaddafi studierte jahrelang an der TU München. Nun ist er offenbar in Paris untergetaucht. Doch einige Menschen in München haben noch eine Rechnung mit ihm offen.

Vor drei Wochen war für den libyschen Diktatorensohn die Welt noch in Ordnung. Vor seiner Walmdachvilla in Waldperlach glänzte auf dem Garagenvorplatz der Lack seines schwarzen Sportwagens, und Saif al-Arab Gaddafi telefonierte in aller Ruhe mit seinem Anwalt. In der Heimat regierten sein Vater und seine Brüder unangefochten.

Inzwischen scheint das System Gaddafi in Libyen zusammenzubrechen, das Land im Bürgerkrieg zu versinken - und der 28-jährige Diktatorensohn ist untergetaucht. Laut Regierung von Oberbayern hat er sich vor wenigen Tagen offiziell abgemeldet mit der Begründung: Er wolle zurück nach Libyen.

Als er 2006 von seiner Entourage begleitet als Student nach München kam, hatte er bei der Wahl seines Domizils einige Auswahl, es gab da seine Suite im Hotel "Bayerischer Hof", eine Villa in Bogenhausen und das nicht weniger luxuriöse Anwesen am südöstlichen Stadtrand. Nun ist er über Nacht verschwunden. Nach Informationen von Gläubigern soll er sich aber nicht in Nordafrika, sondern in Paris aufhalten, weil er "in Frankreich einen besonderen Schutz" genieße.

Beim Kreisverwaltungsreferat bestätigte man am Mittwoch merklich erleichtert, dass die Stadt für den Aufenthaltstitel des Gaddafi-Sprosses "nicht mehr zuständig" sei. Offenbar ist der Wunsch eines Strafverfolgers tatsächlich in Erfüllung gegangen, der junge Mann möge sich doch "einen anderen schönen Ort auf dieser Welt" für sein Studentenleben aussuchen.

Ob es mit Blick auf die Entwicklung in Libyen für Gaddafi junior allerdings je wieder ein so unbeschwertes Leben geben wird wie er es mit seinen Sportwagen und schönen Frauen an der Isar genoss, ist äußerst fraglich. Zudem stellen ihm zwar nicht mehr die Münchner Polizei und Staatsanwaltschaft nach, wie die SZ berichtete. Er muss sich aber vor Gläubigern fürchten, die ihm Rechnungen über rund 900.000 Euro hinterhertragen.

Abendessen mit dem Polizeipräsidenten

Gute Verbindungen Saif al-Arab Gaddafis nach Paris wurden schon 2007 vermutet: Damals ging die Münchner Polizei dem Verdacht nach, er habe Sturmgewehre in einem Diplomatenfahrzeug der libyschen Botschaft dorthin geschmuggelt. Die Waffen sollen laut der Aussage eines Mannes, der den BMW 760 gefahren hatte, über Italien nach München gebracht und in einem Pariser Hotel an mehrere Männer übergeben worden sein.

Trotz dieser und weiterer Zeugenaussagen wollte die Staatsanwaltschaft Anfang 2010 keine Ermittlungen mehr gegen Gaddafi aufnehmen. Auch dem Verdacht, er habe einen Disco-Türsteher umbringen lassen wollen, wurde nicht weiter nachgegangen. Begründung: Es habe keine ausreichenden Hinweise für einen Anfangsverdacht für Straftaten gegeben.

Statt ein Ermittlungsverfahren voranzutreiben, traf sich der Münchner Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer mit Gaddafi im Bayerischen Hof zum Abendessen. Und während Gaddafi nun nicht mehr erreichbar ist, muss sich der Polizeichef Fragen stellen lassen. Die Landtags-Grünen haben eine schriftliche Anfrage zu den Vorgängen um Gaddafi junior und dessen Verbindungen zum Polizeichef beim Justizministerium eingereicht.

Die Gläubiger, so versichert ein Münchner Jurist, werden nicht so leicht klein beigeben. Bei den offenen Rechnungen soll es um Provisionen beim Kauf seiner Münchner Villen oder auch um Reparaturkosten für seinen Ferrari gehen.

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SZ vom 24.02.2011/sonn
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