Kritik:Irisierender Klangteppich

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Phänomenales Nachtkonzert zu Ehren der Komponistin Sofia Gubaidulina in der Pinakothek der Moderne.

Von Klaus Kalchschmid, München

Vor wenigen Monaten wurde Sofia Gubaidulina 90 Jahre alt, und so wurde ihr zum zweiten Mal in der Reihe "Nachtmusik der Moderne" ein Komponistenporträt gewidmet, diesmal unter Leitung von Clemens Schuldt ausschließlich mit Streichern plus Percussion und zwei wunderbaren Solisten: dem Geiger Josef Špaček in "Die Leier des Orpheus" und dem Bajan-Spieler Geir Draugsvoll in "Fachwerk".

Das vermittelnde Stück "Meditation über den Bach-Choral 'Vor deinen Thron tret ich hiermit'" von 1993 war das älteste des hochkarätig musizierten Abends. Dank des über dem Orchester schwebenden Riesen-Segels "Sonnenenergie 22" von Olafur Eliasson war ein viel direkterer, kompakterer Klang zu erleben, als bei nach oben offener Rotunde in der Pinakothek der Moderne. Ein Streichquintett steht dem Cembalo gegenüber und im Titel angedeutet, hört man den Choral kaum in seiner ursprünglichen Form, vielmehr scheinen die fünf Streicher mit dem Cembalo auf der Suche nach selbigem, die mit dem Zitat des berühmten b-a-c-h endet.

Ganz anders die Interaktion zwischen Sologeige und (Solo-)Cello oder den übrigen Sektionen des Streichorchesters bei "Die Leier des Orpheus" (2006) in einem sich permanent wandelnden Prozess. Am Ende führt er fast in die Katastrophe, bevor ein irreales Glasperlenspiel als ätherischer Abschluss folgt. Während die Geige oftmals mit ihren Streicher-Kollegen verschmilzt, ist das Bajan, osteuropäische Version des Akkordeons, in "Fachwerk" (2009) ein Solitär gegenüber Streichern und den beiden Schlagwerkern. Auch hier gibt es unendlich viele Facetten des Ausdrucks und der klanglichen Möglichkeiten, teilweise mit herrlich vagierenden tonalen Akkorden des Bajans, die einen irisierenden Klangteppich ausbreiten. Geir Draugsvoll ist der Widmungsträger, hat das Stück 2011 aufgenommen und musiziert es auch jetzt phänomenal sicher. Wieder ballt sich das Geschehen zur Beinahe-Katastrophe, um erneut magisch zu enden - mit einem lang nachklingenden Gong-Schlag.

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