bedeckt München

Söders Impfpflicht-Vorschlag für Pflegekräfte:Sensibler Bereich, schwierige Frage

SZ-Leser finden Argumente für eine verpflichtende Impfung dieser Berufsgruppe - aber auch Argumente dagegen

Markus Söders Überlegungen zu einer generellen Impfpflicht für Angehörige von Pflegeberufen hat ein sehr kontroverses Echo ausgelöst.

(Foto: imago)

"Ganz zwanglos" vom 13. Januar, die Pro-und-Contra-Kommentare "Eine Frage der Solidarität" und "Alles andere als produktiv" auf der Meinungsseite vom 13. Januar sowie "Söder sieht Impfen als Bürgerpflicht" vom 12. Januar:

Zwangskeule

Muss denn jeder "Sau", die der bayrische Ministerpräsident durchs Dorf treibt, hinterher gelaufen werden? Tatsächlich wäre es angesagt, die sofortige Beendigung der Debatte über eine Impflicht für Pflegende in Alteneinrichtungen einzufordern. Es kann doch nicht sein, dass über Monate hinweg genau dieser Personenkreis völlig zurecht über allen Klee gelobt wird, um dann unvermittelt gerade diesen Menschen mit der Zwangskeule zu drohen. Die Skeptiker in der Berufsgruppe der Pflegenden erreicht man mit Informationen, Gesprächen, Zuhören, mit vertrauensbildenden Maßnahmen - wie sonst auch Menschen zu derart sensiblen Themen erreichbar sind. Man kann Herrn Söder mal unterstellen, dass er das sehr wohl weiß. Aber auf der Suche nach medialer Aufmerksamkeit sind zuweilen alle Mittel recht. Reinhard Quellmann, Hattingen

Widersprüche

Warum meint Minister Holetscheks oberster Dienstherr, eine erzwungene Covid19-Impfung der Pflegekräfte in Alters- und Pflegeheimen würde Patienten dort mehr schützen als die schon geplante/vollzogene Covid19-Impfung der dort gepflegten Insassen selbst? Diese Risikogruppe dort sollte doch gerade durch eine Impfung geschützt sein; warum dann noch eine Zwangsimpfung des Personals? Glaubt Herr Söder nicht so recht an den Impfschutz bei Risikopatienten nach einer Biontech/Pfizer-Impfung (wieso aber soll sie dann beim Personal für besseren Schutz sorgen)? Oder sorgt er sich um die unbedingt zu erhaltende Arbeitsfähigkeit des Personals, das heißt, man muss geimpft werden, um nicht wegen Erkrankung oder Quarantäne auszufallen? Vielleicht könnten die von einer Zwangsimpfung Bedrohten dann aber erwägen, sich einen anderen Arbeitsplatz zu suchen. Dr. med. Bernd Teichmann, Grasbrunn

Gäbe wichtigere Themen

"Söder sieht Impfen als Bürgerpflicht" - doch vorher sollte die Staatsregierung ihre Pflicht erfüllen: Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, wird sicher nicht gefördert, wenn die Bürger sich über Telefonnummern anmelden sollen und dabei stundenlang nur Besetzt-Zeichen hören. Das Staatsministerium für Gesundheit sollte zunächst Mittel bereitstellen, mittels derer jeder impfwillige Bürger schnell und einfach einen Impftermin vereinbaren kann.

Außerdem sollte die Staatsregierung schnell und klar informieren, ab wann die 80-Jährigen und ab wann Jüngere geimpft werden können, ob zusammen mit 80-Jährigen auch ihr gesamter Hausstand geimpft wird, und so weiter. Wo sinnvoll, mit dem Vorbehalt "nach derzeitigem Wissensstand". Michael Soeding-von Blomberg, Neubiberg

Schutzpflicht geht vor

Wer sich für einen medizinischen Beruf entscheidet, akzeptiert stillschweigend ein erhöhtes persönliches Infektionsrisiko und die Verantwortung für die Gesundheit der ihm vertrauenden Patienten oder Betreuten. Sofern die Impfverweigerung des medizinischen Personals auf fehlenden Kenntnissen der Immunologie beruht, ist ein weiterer Verbleib im Gesundheitswesen wegen mangelhafter Qualifikation in Frage zu stellen. Wenn sie dagegen einer individuellen Risikobereitschaft entspringt, die das eigene Risiko rücksichtslos auch anderen aufbürdet, ist die ethische Qualifikation zu diskutieren. Niemand soll zu einer Impfung gezwungen werden. Es darf aber auch niemand dazu gezwungen werden, ungefragt Risikoentscheidungen anderer aufgebürdet zu bekommen.

Wer seinen Schutzpflichten nicht nachkommen will, sollte einen anderen Beruf ergreifen, bevor aus dem Helfenwollen ein Schädigen und Gefährden wird. Darauf hat die Gesellschaft ein Recht, hier muss dem Ego auch unter Berücksichtigung des Strafrechts eine Grenze gesetzt werden. Denn die Freiheit des Einzelnen ist stets die Freiheit des Anderen (Kant). Dr. Robert Betz, Biessenhofen

© SZ vom 16.01.2021
Zur SZ-Startseite