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So-not-Berlin-Partys:Einfach hierbleiben

Ist die Berliner Clubszene tatsächlich das Nonplusultra? Auf keinen Fall, sagen vier junge Münchner. Mit ihrer Partyreihe "So not Berlin" setzen sie ein Zeichen für München - und etablieren eine Marke mit Wiedererkennungswert.

Jovana Reisinger, SZ-Jugendseite

Eine Bar, die Sitzmöbel sind alt und verschlissen. An den Wänden löst sich der Putz, an anderer Stelle die Tapete. Ein paar Ritzen in den Wänden verfeinern den leicht abgeranzten Charme, und an der Decke hängen alte verstaubte Leuchter. Es ist eng hier. Und irgendwann sagt einer der Gäste: "Das ist so Berlin hier, geil abgefuckt!" Aber natürlich befindet man sich gar nicht in Berlin, man ist 585 Kilometer entfernt, in München - oder genauer: im damals noch existierenden "horses, cars and stars".

so not berlin

Eine der "So not Berlin"-Parties in vollem Gange.

(Foto: so not berlin)

Berlin also, in München. Aber Fabian Kournettas, 24, schüttelt auf diesen Kommentar den Kopf. Berlin? München. So geht das nicht. An diesem Abend ist der Grundstein gelegt worden zu einer Sache ganz gegen den Berlin-Hype. "Das ist so Berlin hier" - Fabian hat sich damals mit seinen Freunden ein wenig lustig über diesen Ausspruch gemacht, hat das Ganze ein bisschen hochnehmen wollen. Und irgendwann hat sich ein Name gebildet: "so not Berlin". Unter diesem Namen veranstalten die Jungs Partys, die zeigen, wie lebenswert München ist.

"So not Berlin" - ein guter Spruch, um dem Berlin-Hype etwas entgegenzusetzen. Es nervt sie, dass Freunde nach Berlin gehen, weil sie denken, dort könne man sich so viel besser verwirklichen. Es langweilt sie, dass ständig alles mit Berlin verglichen werden muss. Es stört sie, dass manche München einfach als nicht so lebenswert ansehen und alle denken, in Berlin wäre alles ganz anders.

Sie wissen, wovon sie sprechen. Fabian Kournettas zum Beispiel hat selbst in Berlin gelebt, zwei Jahre lang. "Ich habe in Berlin gewohnt, weil ich mir eingebildet habe, dass es dort besser ist. München kann man einfach nicht mit Berlin vergleichen. München ist halt sauberer, diese Spur spießiger, kleiner, aber Berlin ist was vollkommen anderes. München hat alles, was eine Großstadt ausmacht, aber fühlt sich manchmal einfach nicht so an." Das Gefühl eben, dass jeder irgendwie jeden kennt.

Fabian glaubt nicht daran, dass man sich in München nicht verwirklichen kann. Als er in Berlin lebte, hat er gemerkt, dass es in Berlin viel gibt, dass da viel kommt und viel passiert - aber er hat auch gelernt, dass viel nicht unbedingt gut sein muss. Aus dem großen Angebot im Nachtleben hat ihm nur ein geringeren Teil gefallen. Auch im Bezug auf Musik. Also kam er zurück nach München.

Nach jenem Abend im "horses, cars and stars" wird aus den anfänglichen Späßen mit dem Slogan "so not Berlin" plötzlich ernst. Der Veranstaltungskaufmann Fabian Kournettas und der DJ Tobias Heumann, 23, beginnen, sich Gedanken über eine Veranstaltungsreihe zu machen. Schnell ist ein Club gefunden, die ersten Partys finden statt - daraus entwickelt sich das Team für "so not Berlin", wie es auch heute existiert: Fabian, Tobias sowie die DJs Nikolas Droessel, 23, und Julian Krause, 24.

Label mit Wiedererkennungswert

Mittlerweile gibt es "so not Berlin" zwei Jahre und es hat sich mit der Zeit auch die Bedeutung des Namens verändert. Weg davon, "den Berlin-Hype aufs Korn zu nehmen", und dahin, genau die Musik zu machen, die anders ist als die aus Berlin. Etwas Eigenes, entgegengesetzt zu dem vielen Minimal. Was sie machen, ist progressiver Elektro, härter als Minimal. Musik, die vorher in München nicht unbedingt vorherrschte. Aber auch nicht unbedingt in Berlin.

Die Partys der Jungs haben sich etabliert, genauso wie es die Musik gerade tut. Menschen aus verschiedensten Städten kommen jetzt nach München, nur für diese Partys - wie zuletzt am Sonntag. Und die DJs werden überallhin gebucht, am Donnerstag etwa nach Wien in die Pratersauna, für das Fest des Indie-Magazins.

Früher haben sich die Jungs oft einen Spaß erlaubt und die Leute vor dem Club gefragt, wer denn eigentlich heute auflegt, und so gut wie niemand hat es gewusst. Heute ist es anders. Auf ihrer Internetseite sieht man Videos von Veranstaltungen, und es sind fast zu viele Menschen in einem Raum, die exzessiv tanzen. Ihr Club ist das "Crux", auch wenn sie sich nicht an einen Ort binden wollen - aber es gibt nicht viele Räume in München, die ihren Anforderungen genügen. Sie wollen perfekt sein - nicht nur bei ihren Partys, sondern auch bei der Gestaltung. "So not Berlin" ist längst ein richtiges Label mit Logo und Wiedererkennungswert geworden - kein Wunder, zwei von ihnen studieren Design.

Ihr Stil? Wohl einfach ein bisschen Szene, ob das nun besonders München ist, sei dahingestellt. Den Jungs geht es gut damit, sie lieben München und meinen, diese Stadt hat viel mehr Potential, als ihr so mancher zutraut. Fabian Kournettas findet München lebenswert, "weil es in keinster Form stressig ist. Du hast hier alles einer Großstadt. München hat diesen besonderen Charme, den andere Städte nicht haben. Deshalb finde ich, dass man München mit keiner anderen Stadt vergleichen kann, es ist einfach sehr speziell. Und es gibt diese positive Vetternwirtschaft."

Jeder kennt jeden eben. Ein Grund, erst gar nicht wegzugehen. Einer der vielen Gründe, hierzubleiben.

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© SZ vom 14.06.2011/benK

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