Sneak Preview:Denn sie wissen nicht, was sie sehen

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Das Phänomen "Sneak Preview": Heimliche Filmpremieren finden zunehmend Fans.

THOMAS METZ

Man geht ja auch nicht zum Kartenvorverkauf, bestellt dort: "Einmal das Überraschungskonzert, bitte" und erfährt erst hinterher, ob man in der Philharmonie oder im Backstage gelandet ist.

Beim Kino ist das was anderes, Hunderte Münchner wie Stefan Zehl gehen jede Woche ins "Sneak Preview" und wissen vorher nicht, was sie hinterher zu sehen bekommen. Und was bei Konzerten eher sonderbar klingt, funktioniert beim Kino ausgesprochen gut.

Rund 400 Zuschauer finden sich regelmäßig freitags kurz vor elf vor dem Cinema in der Nymphenburger Straße ein, stehen in Grüppchen zusammen, bringen sich mit Bier und Nachos in Kinolaune. Und allen geht es wie Stefan: In welchem Film sie sitzen, erfahren sie erst aus dem Vorspann.

Die Ungewissheit hat dabei Methode. Weder Filmtitel, noch Genre oder Regisseur werden im Vorfeld genannt, im Gegenzug bekommen die Zuschauer Streifen zu sehen, die erst in mehreren Wochen oder gar Monaten offiziell in die Kinos kommen.

Vom Actionfilm bis zur Liebeskomödie, vom zukünftigen Blockbuster bis zur Low-Budget-Produktion aus Fernost ist alles möglich. Die Tickets kosten deutlich weniger als sonst, hinterher wird abgestimmt, indem die Eintrittskarte in einen von drei Bechern - gut, mittel oder schlecht - geworfen wird.

Stammplatz auf dem Balkon

"Ich muss nicht ins Programm gucken und sehe gleichzeitig interessante Filme, in die ich sonst vielleicht nie gegangen wäre", erklärt Stefan, warum er schon seit sieben Jahren jede Woche ins "Sneak" geht. Neben dieser Horizonterweiterung schätzt er, dass die Filme im englischen Original gezeigt werden.

Meist sneakt er zusammen mit zehn bis zwölf anderen Filmfans, reguläre Kinovorstellungen besucht er nur noch in Ausnahmefällen und auch nur dann, wenn besondere Blockbuster wie "Matrix Reloaded" anstehen. Normalerweise habe man bereits ein durch Trailer oder Mundpropaganda beeinflusstes Bild von einem Film, sagt Matthias Fetting, der seit mehr als zwei Jahren einen Stammplatz in der ersten Balkonreihe behauptet. "Da wird man dann leichter mal enttäuscht."

Beim Sneak Preview falle all das weg: "Du setzt dich rein und es geht los." Voraussetzung sei lediglich ein gewisses Vertrauen in die Auswahl des Kinos und die Bereitschaft, "es einfach mal zu versuchen".

Das an sich einfache Konzept des Sneak Preview funktioniert beim Cinema schon seit mehr als zehn Jahren. Zwar bieten auch andere Kinos in München diese heimlichen Premieren, doch nirgends ist die Fangemeinde so treu wie hier.

Die Vorstellungen sind immer gut besucht, oft ausverkauft. Lange Zeit sei ihr Kino das einzige mit derartigen Vorführungen in München gewesen, sagt Marie Axland, die beim Cinema in der Theaterleitung tätig ist und die freitags für die Sneaks an die Kasse wechselt. Inzwischen habe man ein "riesen Stammpublikum" gewonnen, viele der Zuschauer hätten sogar feste Sitzplätze.

Die meisten seien hartgesottene Kinofans, die ohnehin in nahezu alle Filme gingen und notfalls auch vor dem Kino übernachteten, um an Tickets zu kommen. "Da geht es um mehr als den Film."

Viele Neulinge werden von anderen Sneakern in die Gemeinde geholt. Sie sei ohnehin oft ins Kino gegangen, sagt Julia Heller. Irgendwann hätten ihr Freunde dann von den Previews erzählt und sie mitgenommen. Mittlerweile habe sich aus dem lockeren Zusammenschluss eine feste Gruppe entwickelt, die regelmäßig sneakt.

Nur vier Vorstellungen hat die Studentin seit ihrem ersten Sneak im Jahr 2000 bisher verpasst. Auch sie schätzt es, von Filmen positiv überrascht zu werden, die sie sonst nie gesehen hätte. "Kick it like Beckham" war so ein Fall. Da sie viele Filme deutlich vor Kinostart zu Gesicht bekommt, könne sie sich zudem gut mit befreundeten Filmfans aus den Staaten austauschen, wo die Filme regelmäßig früher anliefen.

Meist machten Kinobesitzer oder Theaterleitung kurzfristig mit den Verleihern aus, welche Filme für ein Sneak in Frage kämen, sagt Axland. "Wir haben den Anspruch, Filme zu zeigen, die man sonst eventuell nicht gesehen hätte." Neben dem Ruf, "auch mal was auszuprobieren", sei dies der Hauptgrund für die Verleihfirmen, Filme zur Verfügung zu stellen.

Hinzu käme natürlich das Feedback aus den Abstimmungen. Im Schnitt sei ein Film drei bis vor Wochen vor dem offiziellen Start im Sneak, der bisherige Rekord liege bei einem halben Jahr. Manchmal fragten Verleiher sogar an, ob sie einen Film sneaken könnten, für den es noch gar kein Vermarktungskonzept gebe.

"Zwei Mal sind sie schon mit Fragebögen aufgekreuzt", erinnert sich Angelika Rihm, die seit mehr als fünf Jahren dabei ist. Da sie seit langem immer in der gleichen Reihe sitzt, kennt sie viele ihrer Sneaker-Kollegen relativ gut. "Oft sitzen die selben Leute auf den selben Plätzen, da kennt man dann irgendwann die ganze Umgebung."

Es sei einfach "langweilig", ins Kino zu gehen und bereits zu wissen, was gezeigt wird, findet sie. Auch stört sie das Risiko nicht, einmal in einem Film zu landen, der sie nicht interessiert: "Qualifiziertes Lästern ist ja auch was wert", lacht sie.

Ein Faktor jedoch trübt die Previews: Nicht wenige Verleiher fürchten, Sneaker könnten Kameras ins Kino schmuggeln und die Vorführung abfilmen - ein paar Stunden später in eine Internet-Tauschbörse gestellt, würden solche "Camrips" die immensen Marketingkonzepte für Blockbuster wie "Der Herr der Ringe" oder "Star Wars" gefährden, die nicht zuletzt von der Geheimniskrämerei um die Filme leben.

Ganz große Streifen werden deshalb seltener freigegeben, lieber wird auf das Feedback verzichtet.

Voraussagen sind unmöglich

Die Auswahl habe in der Vergangenheit tatsächlich etwas gelitten, die Vorlaufzeit sei merklich kürzer geworden, sagt Matthias Fetting. Dennoch habe er vor kurzem mit "Confessions of a dangerous mind" wieder einmal eine Weltpremiere gesehen. "Da haben sie dann aber auch gecheckt, dass niemand eine Kamera dabei hat."

Regelmäßige Sneaker hätten aber weiterhin gute Chancen, die meisten Filme des Mainstream-Programms zu sehen. Ein Blick auf die einschlägigen Internetseiten offenbart zudem, dass die meisten Raubkopien erst nach der Premiere oder schon im Produktionsprozess entstehen, die Sneaker also besser sind, als mancher befürchtet.

Das Konzept, die Katze im Sack zu sehen, reizt natürlich zu Spekulationen, ob nicht doch Film-Vorhersagen möglich sind. Beliebt sei vor allem die Theorie, dass der Film immer auf den Litfasssäulen vor dem Kino plakatiert sei, erklärt Stefan Zehl.

Die Zuschauer hätten mitunter "Hunderte von Theorien", sagt Marie Axland. Und obwohl der ein oder andere manchmal richtig läge - Voraussagen seien unmöglich: Teilweise wüssten noch nicht einmal die Angestellten, was gezeigt werde. Das einzige, was sich konkret sagen ließe, sei: "Der Film ist auf englisch, er ist kein Stummfilm und er ist in Farbe."

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