Nach dem Slutwalk jetzt ein FestivalWenn „Schlampen“ für ihre Rechte kämpfen

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Damit es auch nächstes Jahr einen Slutwalk gibt, hofft die Initiative beim Schlampenfest auf Spenden.
Damit es auch nächstes Jahr einen Slutwalk gibt, hofft die Initiative beim Schlampenfest auf Spenden. (Foto: Jule / Smallstage photography)

Durch „Slutty Stretch & Flow“ zur sexuellen Selbstbestimmung? Das Münchner Schlampenfest im Fat Cat will über sexualisierte Gewalt aufklären – mit Lesungen und Gymnastik.

Von Verena Müller-Baltes

Der Slutwalk München sei „gesichert sexextrem“. So steht es auf einem Satire-Plakat der gleichnamigen Initiative. Bestätigt wurde die Einstufung demnach von dem „bayrischen Verfotzungsschutz“ und erschienen ist das Ganze im „Atzen Swinger Verlag“. An Wortspiel-Kreativität fehlt es der Münchner Initiative nicht. Nun kommt neben der alljährlichen Demonstration „Slutwalk“ noch eine neue Veranstaltung hinzu: das „Schlampenfest“. Feiern können Besuchende dieses erstmals am Samstag, 12. Juli, im Fat Cat im Gasteig.

Die Begriffe sind bewusst provokant gewählt. Slutwalk München will hauptsächlich Aufklärung rund um das Thema sexualisierte Gewalt leisten. Für sexuelle Übergriffe sollen nicht die Opfer verantwortlich gemacht werden, sondern einzig die Täter. Und: Übergriffe passieren unabhängig von der Kleidung der Opfer. Als anzüglich wahrgenommene Kleidung erlaubt keine sexuelle Annäherung. So geht es auch beim Schlampenfest darum, gegen „Victim Blaming“, also Täter-Opfer-Umkehr, und „Slut Shaming“ (Herabwürdigung aufgrund sexueller Freizügigkeit) anzugehen.

Die vielen englischen Begriffe lassen es schon vermuten: Slutwalk ist eine internationale Bewegung, die in Toronto, Kanada, ihren Ursprung hat. Seither ist zumindest in der öffentlichen Debatte über das Thema sexualisierte Gewalt so einiges passiert – von Diskussionen über MeToo bis Gisèle Pelicot. „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagte Letztere medienwirksam – und schlug damit in eine ähnliche Kerbe, wie es die Slutwalk-Bewegung seit Jahren tut. In München demonstriert die Initiative unter dem gleichnamigen Slogan jährlich seit 2011.

Doch wieso nun die Erweiterung durch das Schlampenfest? Nach dem diesjährigen Slutwalk am 7. Juni stellten die Verantwortlichen fest, dass die Kassen der Initiative leer sind. Beim Schlampenfest geht es also auch darum, Spenden zu sammeln für weitere Aktionen. Doch das sei nicht der einzige Grund gewesen, sagt Sophie Boner. Es gebe unterschiedliche Talente innerhalb der Initiative, die nun eine Bühne erhalten. Nach reichlich Überlegung kam ein buntes Programm zustande: von „Slutty Stretch & Flow“, über den gemeinsamen Linoldruck, bis hin zu einem „Pussy Eating Workshop“. Boners persönlicher Favorit: die „Slutty Lesung“. Dabei „stellen queere Sluts ihre liebsten erotischen Texte vor – von der Bibel bis heute“.

Insgesamt erlebt Boner vorwiegend Zustimmung für die Aktionen der Initiative.  „Wir werden auch von älteren Menschen angesprochen, die uns erzählen, dass sie das gut finden und sich so etwas früher auch gewünscht hätten.“ Es seien dann doch nur Einzelne, die sich gegen Feminismus und Selbstbestimmung wehren.

Jule (mittig) führt beim Schlampenfest durch einen „Slutty Stretch & Flow“.
Jule (mittig) führt beim Schlampenfest durch einen „Slutty Stretch & Flow“. (Foto: Andreas Gregor)

Der Ton beim Schlampenfest und anderen Aktionen der Gruppe ist bewusst locker gesetzt. „Es ist natürlich ein ernstes Thema, aber wir wollen auch Spaß haben – in einer für alle sicheren Umgebung“, sagt Boner. Der Begriff Schlampe, oder auf Englisch Slut, ist dabei kein Muss. Auch wer sich lieber nicht so bezeichnen will, darf natürlich kommen. Für Boner und die anderen Mitglieder der Initiative ist diese Selbstbeschreibung jedoch nicht nur normal, sondern auch ein wichtiges Statement: „Egal, wie wir uns kleiden, werden wir ohnehin so bezeichnet.“ Dann nimmt man die Bezeichnung lieber vorweg, und erlangt so auch die sprachliche Macht über den Begriff.

„Reclaimen“ heißt dieses Zurückerobern eines beleidigenden Begriffs. Vorgenommen wird es meist von der stigmatisierten Gruppe selbst, also in dem Fall von all jenen Menschen, die Slut Shaming ausgesetzt sind. Die Idee dahinter: Wenn die Beleidigung keine mehr ist, wird den Beleidigenden ihre Macht vorerst zumindest auf einer sprachlichen Ebene entzogen. Bei Wörtern wie „queer“ ist das Reclaimen bereits gelungen. Sind Slut oder Schlampe als Nächstes dran?

Schlampenfest, Samstag, 12. Juli, ab 13.30 Uhr, Fat Cat in Gasteig, Informationen zum Programm auf Instagram: @slutwalk_muenchen

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