Chorprojekt „Singen mit Sir Simon“Simon Rattle demonstriert sein schönstes Wiehern

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„Die Chöre wachsen in Bayern wie Gemüse!“, freut sich Sir Simon Rattle, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks.
„Die Chöre wachsen in Bayern wie Gemüse!“, freut sich Sir Simon Rattle, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. BR/Astrid Ackermann

Ein bestens gelaunter Chefdirigent beginnt die Proben mit Leitern von zwölf bayerischen Chören. Im Juli werden sie mit den BR-Symphonikern und dem BR-Chor Orffs „Carmina Burana“ aufführen.

Von Paul Schäufele

Wer weiß, wie es klingt, wenn der Chefdirigent ein Pferd nachmacht? Jetzt wissen es jedenfalls etwa zwei Dutzend Personen mehr. Aufmerksam haben sie zugehört, wie Simon Rattle, Chef des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO), sein bestes Wiehern demonstriert hat. Schließlich müssen sie, die Chorleiterinnen und Chorleiter, weitersagen, wie es klingen soll.

Denn sie und ihre Chöre sind Teil des Projekts „Singen mit Sir Simon“, bei dem zwölf Chöre aus ganz Bayern mit BRSO und BR-Chor gemeinsam musizieren. Das Kennenlernen mit dem Dirigenten zeigt: Bis zu den Konzerten im Juli gibt es noch einiges zu tun. Doch der Enthusiasmus ist spürbar, sich in Zeiten politischer und sozialer Spaltung gemeinsam für etwas zu engagieren.

Sonntagnachmittag im Funkhaus des BR. Die Flure sind leer, die meiste Arbeit findet schon auf dem neuen Campus in Freimann statt. Nur im Chorprobensaal herrscht Leben. Man winkt sich zu, schüttelt sich die Hände. Für die meisten hier ist es ein Wiedersehen. Anfang Oktober gab es ein Treffen, bei dem Howard Arman mit den Chorleitungen über Carl Orffs „Carmina Burana“ gesprochen hat. Arman, bis 2022 künstlerischer Leiter es BR-Chors, kümmert sich um die stimmlichen Belange. Trotzdem wirkt mancher, der sich einen Platz im großen Stuhlkreis sucht, leicht nervös. Das dürfte auch an ihm liegen: Simon Rattle, der sich gerade noch über einen Saalplan des Circus Krone beugt, wo das Riesenkonzert stattfinden soll. Er steht auf und strebt lächelnd seinem Platz zu.

„Keine Ahnung, was wir jetzt machen sollen“, sagt der Dirigent. Ein erster von vielen Gruppen-Lachern folgt und die Aufregung aller Anwesenden ist verflogen. „Wir machen eine Chorprobe ohne Sänger. Ich sehe das ein bisschen wie eine internationale Tagung von Fußballmanagern“, sagt er. Etwas trocken also, aber nötig. Im Zentrum des Programms stehen Orffs Vertonungen der Lieder aus Benediktbeuern. „A fantastic Schweinshaxe“, sagt Simon Rattle. Doch neben dem Deftigen brauche es auch musikalischen Blattsalat. Den finde er zum Beispiel in Aaron Coplands „Old American Songs“. Zuerst geht es da um die Aussprache. Um das „r“ am Ende der Wörter, das nicht nach tiefstem US-Englisch klingen soll, aber auch nicht britisch, sondern „mit ein bisschen Barbecue-Sauce“, wie Rattle sagt. Und dann geht es vor allem um die Nutztiere, die hier imitiert werden.

Sie vertreten insgesamt 528 Stimmen: Die Chorleiterinnen und Chorleiter beim Workshop für das Projekt "Singen mit Sir Simon".
Sie vertreten insgesamt 528 Stimmen: Die Chorleiterinnen und Chorleiter beim Workshop für das Projekt "Singen mit Sir Simon". BR/Astrid Ackermann

Die Arbeit an Details ist nichts Neues für Mario Gebert, Leiter der „Mixtura Cantorum“. Der Chor mit Sitz in Dinkelsbühl pflegt seit Jahrzehnten anspruchsvolles Repertoire. Ob er nervös werde angesichts des Niveaus, das Rattle und Arman für die Zusammenarbeit einfordern. „Nein“, sagt Gebert. „Es ist einfach eine Auszeichnung, hier zu sein.“ Wirklich interessant werden allerdings die Proben. Doch auch da keine Spur von Angst. „Der Chor scharrt schon mit den Hufen!“, sagt Georg Kestler vom Chor-Vorstand.

Die Dinkelsbühler haben sich wie alle anderen mit einem repräsentativen Video beworben. Die Initiative ging dabei stark von den Sängerinnen und Sängern selbst aus. Das sagt auch Tanja Wawra, die den Jugendchor „Cantoccini“ aus Markt Indersdorf bei Dachau leitet. Zuerst hatte sie Bedenken, als die Idee für die Teilnahme aufkam, schließlich gibt es ihren Chor erst seit 2024. „Ich habe gesagt: Wir müssen erst wachsen“, so Wawra. Doch dann haben die Teenager ganz selbstständig ein Bewerbungsvideo gedreht. „Und es hat gleich geklappt!“

Aus etwa 200 Ensembles wurden zwölf Chöre ausgewählt

Geklappt hat es für zwölf Chöre (insgesamt 528 Stimmen) zwischen Lindau und Weiden. Eine Jury hat sie aus rund 200 Ensembles ausgewählt. „Die Chöre wachsen in Bayern wie Gemüse!“, sagt Rattle. Das war einer der Gründe, das Projekt anzustoßen. Es baut auch auf den Erfahrungen mit dem Symphonischen Hoagascht vom Sommer 2024 auf. Damals haben sich unter Rattles Taktstock vier bayerische Blaskapellen versammelt und mit dem BRSO ein vergnüglich größenwahnsinniges Konzert gespielt.

Doch die Projekte bedeuten den Teilnehmenden mehr als nur eine musikalische Gaudi. Denn auch an der Musikwelt geht die globale Entwicklung nicht vorbei, das Gefühl von Polarisierung, von gesellschaftlicher Brüchigkeit. „Die Welt ist sehr sonderbar im Moment, Leute können sich heute sehr isoliert fühlen“, sagt Rattle im Gespräch mit der SZ. „Wir brauchen das deshalb, das gemeinsame Singen, das Zusammenkommen. Wir werden hier alle Freundschaften schließen.“ Das zeige ihm auch die Erfahrung. Noch heute sei er mit Leuten in Kontakt, die er für den Symphonischen Hoagascht kennengelernt habe.

Zwei Stunden haben die Chor-Vertreter mit Rattle und Arman über Orff, Copland, Vaughan Williams und Judith Weir gesprochen – so sollen die Konsonanten klingen, so die Vokale, hier sollen die Akzente stark sein, hier der Zusammenklang besonders schön. Nun gehen die Chorleiterinnen und -leiter zurück zu ihren Chören, setzen die Probenarbeit bis zum nächsten Treffen mit neuen Impulsen fort. Und jetzt wissen Sie auch: Sir Simon beißt nicht. Manchmal wiehert er, aber auch das nur, wenn es der gemeinsamen Sache dient.

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