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Boxverein in Ghana:Auf dieser Reise geht es nicht nur um Sport

Zahoor ist Afghane. Er ist aus München zum Boxen nach Ghana gekommen, um mehr über die Verhältnisse dort zu lernen.

(Foto: Jonathan Fischer)

Der TSV 1860 München schickt zwölf Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen zum Boxen nach Ghana. Dort sollen sie lernen, was zählt.

Von Jonathan Fischer

Die Boxschule liegt am Rande einer Elektroschrott-Deponie. In einem alten Fremdenführer war Bukom noch als "Fischerviertel" von Accra beschrieben, doch das ist wohl lange her. Heute landen viele gebrauchte Fernseher aus Europa hier; eine Umweltorganisation hat den Ort als einen der zehn giftigsten der Welt klassifiziert.

"Das Fischen rentiert sich nicht mehr. Die Jugendlichen leben auf der Straße, stehlen und schnüffeln Klebstoff", sagt James Quartey. "Oder sie kommen zu mir." Der beleibte Mittvierziger lacht. "James Quartey Boxing Foundation" steht auf den Mauern des einzigen Hauses, das in Bukom zu sehen ist: vier Mauern, ein asphaltierter Innenhof, ohne Dach und ohne Fenster. Eine Ruine auf einer unwirtlichen Brache, die Stadt hat sie zur Verfügung gestellt.

Wie so viele aus dem Viertel hat James Quartey einst als Profiboxer in Amerika gearbeitet. Andersherum wäre es undenkbar, weil wohl niemand freiwillig zum Boxen nach Bukom kommen würde, in diesen Slum in der ghanaischen Hauptstadt, aus dem mehr Box-Champions stammen als von irgendwo anders in Afrika. Dort, wo es weder Jobs noch gute Schulen gibt, bleibt Boxen oft die einzige Hoffnung, irgendwann mal rauszukommen.

Auf dem Weg zum Gym halten sich die deutschen Boxer die Nase zu. Beißende Rauchschwaden wehen von der Müllkippe nebenan herüber. "Ausgerechnet hier sollen wir trainieren?", fragt Zahoor. Er ist einer von zwölf jungen Boxern des TSV 1860 München, die hierhergekommen sind, um ihren Partnerverein zu besuchen. Doch auf dieser Reise geht nicht nur um den Sport. "Sie werden als Menschen daran wachsen", hofft Cheftrainer Ali Cukur.

Beim Boxen sind es Gesten, die Menschen zusammenbringen

Dass es keine normale Sightseeing-Reise werden würde, war von Anfang an klar. "In unserem Verein trainieren Menschen aller Hautfarben", hatte Ali Cukur vor der Abreise erklärt. "In letzter Zeit kommen immer mehr jugendliche Flüchtlinge dazu. Aber wer von uns weiß, aus welchen Verhältnissen sie kommen? Und wie gut es uns im Vergleich dazu geht?"

Dabei haben die meisten seiner jungen Athleten selbst genug zu tun damit, in München anzukommen, sich eine Ausbildung und Wohnung zu sichern, mit ihrem Lehrlingsgehalt in der teuren Stadt über die Runden zu kommen. Buraks Eltern sind aus der Türkei eingewandert, andere Familien aus Kroatien, Afghanistan und Guinea. Doch auch seine deutschen Schützlinge haben nichts geschenkt bekommen.

Ein gutes Beispiel, wie diese Jugendlichen zum Boxen gekommen sind, ist Rashad. Er kam als Kind aus Togo nach München und ist heute bayerischer Meister im Schwergewicht. Das Boxen, sagt er, sei für ihn lange so etwas wie eine Therapie gewesen. Auch weil er in Ali Cukur einen Ersatzvater fand und sich erstmals freiwillig disziplinierte. Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass der höfliche Mann mit den guten Manieren früher als gefürchteter Schläger galt.

Saskias Familie stammt aus Kroatien, Abu rechts neben ihr kommt aus Guinea.

(Foto: Jonathan Fischer)

"Für mich war Beleidigen und Prügeln damals das einzige Mittel, mich in den Mittelpunkt zu stellen. Es verschaffte mir Selbstbewusstsein", sagt Rashad. Ständig wurden seine Eltern zum Direktor zitiert, weil der Sohn Lehrer beleidigte und Mitschüler schlug. Irgendwann griff der Vater zum letzten Mittel: Unter dem Vorwand, mit ihm zusammen in Togo Urlaub zu machen, brachte er ihn zur Oma in ein afrikanisches Dorf. "Mein Vater verschwand und ließ mich in der Koranschule zurück."

Das hieß für Rashad: Aufstehen um vier Uhr früh, Koran-Rezitationen von morgens bis abends, und jeden Tag den gleichen Maniokbrei mit Soße. "Ich hasste meine Eltern dafür - auch wenn ich heute sehe, wie mir diese Erfahrung die Augen geöffnet hat." Als Rashad nach einem halben Jahr schwer erkrankte, holte ihn die Familie zurück. Doch er war verändert: "Ich sah die Schule als Privileg." Fortan ging er regelmäßig zum Boxtraining, lernte neue Leute kennen, plötzlich war Disziplin cool. Probleme mit Gewalt gab es nicht mehr. Er machte sein Fach-Abi und studiert heute an der TU, um Sportlehrer zu werden.

Weil Boxen ein billiger Sport ist und Selbstkontrolle lehrt, schicken Schulen und Jugendämter schwierige Jugendliche wie Rashad gerne in Ali Cukurs Training. Die von der Boxabteilung von 1860 München mit Zuschüssen des Kreisjugendrings finanzierte Afrika-Reise passte da nur zu gut zu Cukurs Idee: "Du hast immer die Wahl: Entweder siehst du dich als Opfer - oder du erkennst deine Chancen." Warum sollten seine Boxer nicht freiwillig etwas von der Erfahrung mitnehmen, zu der Rashad damals von seiner Familie verdonnert worden war?

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