Singspiel Ein wenig Normalität im Warschauer Ghetto

Die Janusz-Korczak-Akademie erinnert mit dem Stück "Das Postamt auf der anderen Straßenseite" an ihren Namensgeber

Von Barbara Hordych

Das Jahr 1942 im jüdischen Ghetto von Warschau war keine gute Zeit - und kein guter Ort. Trotzdem gab es dort dieses Waisenhaus, dessen Leiter Janusz Korczak alles daran setzte, den jüdischen Kindern Schutz, einen Platz zum Spielen und ein wenig Normalität zu bieten. So ließ der "alte Doktor", wie der polnisch-jüdische Arzt, Schriftsteller und Reformpädagoge von den Kindern seines Waisenhauses genannt wurde, im Juli 1942 ein Stück aufführen. Der Titel lautet "Das Postamt", geschrieben hat es in den 1930er-Jahren der Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore. In dem Stück geht es um einen todkranken indischen Jungen namens Amal, der nur mehr im Bett liegen kann und durch das offene Fenster die Menschen beobachtet, die vorbeikommen.

"Es sind ganz alltägliche Menschen, ein Milchmann, ein Blumenmädchen, ein Wachmann, eine Tänzerin, die sehr menschlich auf die Situation des Jungen reagieren. Ohne dass das Thema Sterben jemals genannt wird, gehen sie auf die Wünsche des Jungen ein, erzählen aus ihrem Leben, tanzen ihm etwas vor, so dass er am Ende glücklich und zufrieden einschläft", sagt Katrin Diehl. Die Autorin und Journalistin hat mit sechzehn Kindern im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren an der Janusz-Korczak-Akademie das Singspiel "Das Postamt auf der anderen Straßenseite" erarbeitet. Es beschließt als Höhepunkt die diesjährigen Janusz-Korczak-Tage und hat am Sonntag, 24. Juni, um 11 und um 16 Uhr im Theater HochX Premiere.

Die Basis bildet das Stück aus den 1930er-Jahren. "Als ich mir eine deutsche Übersetzung aus der damaligen Zeit besorgt hatte, empfand ich den Text dann doch als etwas zu angestaubt, um ihn mit und für Kinder heute aufzuführen", sagt Diehl. Also verschränkte sie die Handlung des Stücks mit einer zweiten Ebene, in der es um den Alltag der Kinder im Waisenhaus geht. Die Zuschauer blicken hinter die Kulissen der Aufführung vom 17. Juli 1942 und erhalten einen Eindruck von dem Leben, wie es seinerzeit im Waisenhaus stattgefunden haben mag - geprägt von den Ideen des Reformpädagogen, der vor allem von dem hohen Wert jedes Kindes überzeugt war.

"Die glücklicherweise erhaltenen Tagebuchaufzeichnungen geben sehr genaue Auskunft über die Struktur des Waisenhaus-Alltags, auf deren Beibehaltung Korczak sehr viel Wert legte, auch in schwierigsten Zeiten", sagt Diehl. An einem zentralen Ort im Speisesaal hatte er etwa ein schwarzes Brett aufgehängt, an dem sich alle Kinder informieren, an das sie aber auch selbst Mitteilungen heften konnten. "Davor stand ein Stuhl, damit auch kleinere Kinder an das Brett gelangten. Und ältere Kinder hatten die Pflicht, den jüngeren, die noch nicht lesen konnten, die Informationen laut vorzulesen."

Auch die Einrichtung des Kummerkastens, wie er heute aus keiner Grundschule wegzudenken ist, gehe ihres Wissens nach auf Korczak zurück. Es gab einen Briefkasten im Heim, in den man anonym Zettel werfen konnte. Mit Fragen wie: "Warum hast du einem Jungen schon dreimal die Bleistifte gespitzt, mir aber nur einmal?" Aber auch mit Fragen wie: "Warum muss ich sterben?" Als Einrichtung der Selbstverwaltung habe der Reformpädagoge im Heim wöchentliche Gerichtsverhandlungen etabliert, bei denen die Kinder die Richter waren - auch über Erwachsene.

Ähnlich wie dem Reformpädagogen war auch Diehl die Mitbestimmung der Kinder ohne allzu viele Maßregelungen bei der Entwicklung des Stücks wichtig. Das fing schon bei der Kostümfrage an. "Wir hatten eine Darstellerin, die zur ersten Probe in einem schicken Kleid kam. Sie merkte aber selbst, dass das nicht passte zu einem Alltag im Waisenhaus. Zur nächsten Probe war sie schlichter gekleidet, ohne dass ich etwas hätte sagen müssen." Auch untereinander wurde viel geregelt. "Als ein Junge mit einer Baseballcap auftauchte, sagte ihm ein anderer rundheraus: Das Käppi kannst du gleich mal zu Hause lassen, das passt doch nicht in die Zeit", sagt Diehl.

Die Aufführung im Juli 1942 überlebten die damaligen Darsteller nur für einige Wochen. Anfang August 1942 umzingelten SS-Männer das Waisenhaus, die Bewohner - Kinder und Erzieher - mussten sich zum Transport ins Vernichtungslager Treblinka fertig machen. Janusz Korczak wollte die ihm anvertrauten Kinder nicht alleine lassen, begleitete sie und starb mit ihnen.