Kammerkonzert:Stadien der Gebrochenheit

Lesezeit: 1 min

Magdalena Kožená singt, Simon Rattle spielt Klavier: Ein turbulenter Abend mit diversen Ophelias in der Isarphilharmonie.

Von Paul Schäufele, München

Den Außenseitern kommt poetisches Potenzial zu: Ophelia, die Frau, die Verrückte, hat die Größten inspiriert. Sie bildet ein Zentrum der Lieder-Soiree mit kammermusikalischer Begleitung, in der sich Münchens neues Power Couple der Hochkultur mit seinem Publikum vertraut macht. Wobei zu sagen ist, dass Simon Rattle nicht ohne Grund in der Regel vor einem Orchester steht und nicht vor einem Flügel sitzt. Im mittleren der "Drei Lieder der Ophelia" von Richard Strauss geht es drunter und drüber, aber sei's drum. Magdalena Kožená zeigt sich in Höchstform. Ihr Mezzosopran hat über die Jahre eine Klangfülle gewonnen, die das kühle, fragile Register nicht verschluckt hat. Die Strauss-Lieder werden zu Stimmungsbildern und Kožená, mit diskreter Szenengestaltung, zu einer Elektra mit verkleinertem Aktionsradius, fahl, extrovertiert glänzend oder mit inständigem Pathos.

Einen instruktiven Vergleich bieten Brahms' fünf "Ophelia-Lieder", deren Klavier-Begleitung Aribert Reimann für Streichquartett bearbeitet hat. Auch diese Ophelia ist ein "Vogel, der entschlafen will" (Georg Heym), doch in einem anderen Stadium der Gebrochenheit. Kožená erreicht eine klangliche Konzentration, die sie ohne Weiteres in die Musik des 21. Jahrhunderts transponiert, in Ravels "Chansons madécasses", eine Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe Frankreichs. Dass Kožená sich dazu entscheidet, in den Stücken weniger den politischen Affekt als die lyrisch abgerundete Phrase zu suchen, ist nachvollziehbar, zumal die aparte Begleitung aus Flöte, Cello und Klavier einen Kontrapunkt dazu setzt.

Doch was wäre ein Kožená-Abend ohne Dvořák und Janáček? Mit einer Auswahl tschechischer Lieder erlaubt die Sängerin Zugang zum Kosmos der Randständigen, die man jahrhundertelang als "Zigeuner" diffamierte und zur bizarren Welt der Kinderreime. Das tut sie barfuß, mit in die Hüften gestemmten Händen und einer liebevollen Zugewandtheit, die sich in intelligente sängerische Gestaltung übersetzt. Die Reaktion in der Isarphilharmonie ist nicht weniger liebevoll.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB