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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Mutig in die Zukunft planen

Silke Schlichtmann

Silke Schlichtmann ist Literaturwissenschaftlerin, Kinderbuchautorin und Mutter von vier Kindern. Mit ihrem Mann gründete sie das "Literarische Jugendquartett".

(Foto: Carmen Palma)

Kultur-Lockdown, Tag 44: Die Schriftstellerin wünscht sich Vorfreude zurück

Gastbeitrag von Silke Schlichtmann

"Spinnen, Fruchtfliegen und Kellerasseln." Wieder einmal antworte ich auf die Frage, ob ich Haustiere habe. Es ist am Ende einer der wenigen Lesungen, die diesen Herbst dann doch stattfanden. "Was? Kein Hund, keine Katze?" Die meisten Kinder schauen enttäuscht. Nicht so der Viertklässler in der letzten Reihe, der sich jetzt meldet und mit gerötetem Kopf und stolzer Stimme verkündet: "Mein Bruder züchtet Tausendfüßler, die werden dreißig Zentimeter lang." Es sind auch diese kleinen Momente, die mir jetzt fehlen, die nicht direkt etwas mit meinen Büchern, mit Leseförderung, Literaturvermittlung zu tun haben und doch zu Grundschullesungen gehören wie der Zucker in die Cola.

Lesungen sind für mich eine wichtige Einkommensquelle (120 hatte ich für dieses Jahr zugesagt); ohne sie ist es eine noch viel verrücktere Idee, Schriftstellerin sein zu wollen, zumal in der Sparte Kinderbuch. Aber Lesungen sind für mich noch viel mehr: Ein guter Gegenpol zum Schreiben. Während ich hier allein bin, Ruhe brauche, treffe ich dort Menschen, bin einer Fülle von Eindrücken ausgesetzt. Während beim Schreiben der innere Zensor gern mal einen Satz nach dem nächsten zerschlägt, ich mir über kurze Passagen stundenlang den Kopf zerbreche, bin ich bei Lesungen ganz im Sofort, bin spontan, fühle Leichtigkeit. Wichtig auch: Lesungen sind immer ein Zusammenspiel. Ohne Publikum sind sie nichts. Mit Publikum sind sie jedes Mal ein bisschen anders - und meistens richtig schön: Wenn sogar der Klassenkasper in der dritten Reihe meinen Blick erwidert und ruhig wird, wenn plötzlich alle lachen, wenn mich das schmale Mädchen mit dem braunen Haar später fragt, ob das Buch auch in der Bücherei vorhanden sei, und mir die Lehrerin am nächsten Tag mailt, dass die Kinder angefangen hätten, selbst Geschichten zu schreiben, dann weiß ich, dass wir alle eine echte Begegnung hatten.

Zurzeit finden solche Begegnungen nicht nur nicht statt, sie werden auch kaum noch geplant. Hauptgrund: Planungsunsicherheit. Damit fällt noch etwas weg: die Vorfreude. Warum eigentlich? Warum es nicht öfter so machen wie die Organisatorin eines Lesefests, die mich letzte Woche anrief? Die Lesungen für 2021 waren schon lange vereinbart. Natürlich sei jetzt wieder alles ungewiss, aber sie wolle Planungssicherheit, für die Schulen wie für die Autoren. Daher ein Dreistufenplan: A) Lesungen wie üblich in der Bibliothek B) Lesungen in der Schule (Turnhalle) C) Onlinelesungen. Wir alle hoffen auf Plan A oder B, auf die analogen Begegnungen, aber es ist gut, dass wir Plan C haben (bei dem sogar Kinder in Quarantäne dabei sein könnten); und es wäre auch noch ein Plan D für die Schulen denkbar, die digital noch nicht so weit sind. Also lasst uns alle doch gerade jetzt kreativer sein. Anders planen. Und wieder richtig vorfreuen.

Die eingangs erwähnten Riesentausendfüßler haben mich übrigens nicht losgelassen. In meinem aktuellen Buchprojekt spielen sie nun eine kleine Rolle. Manchmal sind Lesungen sogar so direkt fürs Schreiben wichtig.

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© SZ vom 15.12.2020
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