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Siedlung Ludwigsfeld:Geballtes Misstrauen

Bewohner der Siedlung Ludwigsfeld glauben Beteuerungen nicht, dass die Verdichtung verträglich läuft

Es ist eine Führung wie durch ein Museum. Jeder Teilnehmer bekommt ein kleines elektronisches Empfangsgerät und einen Ohrstöpsel, der Tourguide spricht in ein Mikrofon. Bloß, dass in dieser Führung vor dem Gemäuer der ehemaligen KZ-Baracke die bewegte Geschichte Ludwigsfelds nur am Rande zur Sprache kommt. Denn die eigentliche Frage, die diese Exkursion behandelt, ist die nach der Zukunft der Siedlung am nördlichen Stadtrand. Stadt und Investoren wollen neue Wohnungen bauen. Möglichst viele, mutmaßen die Anwohner und fürchten um ihre Siedlung.

"Viele meiner Nachbarn sind gegen den Ausbau", sagt eine Anwohnerin, die zum Rundgang gekommen ist. Es ist einer von vier, zu denen das städtische Planungsreferat die Eigentümer der Siedlung und der umliegenden Felder eingeladen haben. Dabei geht es gar nicht mehr darum, ob überhaupt gebaut wird, sondern was, wo und wie hoch. Soviel ist klar, seit der Stadtrat Ende Juli seine Zustimmung zu weiteren Untersuchungen gegeben hat. Zur Bedingung machte er allerdings den Dialog mit den Bürgern - und zwar noch bevor weiter geplant wird.

"Wir werden so lange mit den Anwohnern diskutieren, solange wir brauchen", versichert Katja Strohhäcker vom Planungsreferat. Doch den meisten der rund 25 Anwesenden scheint nicht ganz klar zu sein, worüber man diskutieren will. Konkrete Fragen nach Anzahl und Höhe der Gebäude werden weder von Stadtplanern noch den Eigentümern beantwortet. Das müssten erst die Planungen ergeben, heißt es immer wieder. Jetzt wolle man erst die Anliegen der Bürger erfahren. Doch die sind - anders als die Pläne der Investoren - bereits seit vielen Jahren bekannt. Eine Anwohnerin kramt aus ihrer Handtasche eine handgeschriebene Liste hervor: Ein Treffpunkt für Bewohner, ein Supermarkt, eine Schule, Seniorenbetreuung, mehr Parkplätze und weniger Durchgangsverkehr.

Siedlung Ludwigsfeld in München, 2013

In Ludwigsfeld gibt es derzeit 660 Wohnungen.

(Foto: Florian Peljak)

"Wieso nicht ein Ladenzentrum am Onyxplatz, mit zwei Ärzten, einer Apotheke oder einem Metzger?", fragt Bernd Gringmuth. Er ist Projektleiter bei der Wohnungsgesellschaft Ludwigsfeld, in der sich die Investoren zusammengeschlossen haben. "Aber dafür muss die Siedlung wachsen", sagt er und macht den Standpunkt der künftigen Bauherren klar: Verbesserungen gibt es mit dem Ausbau der Siedlung. Wie zur Kostprobe stellt der Tourguide weitere Bauvorhaben vor, die bereits kurz vor der Realisierung stünden: ein Fuß- und Radweg nach Karlsfeld entlang des Schwabenbächls, die Sanierung der Vereinsräume des TSV-Ludwigsfeld und die Erweiterung und neue Streckenführung der Karlsfelder Straße, für die sich die Bewohner schon seit Jahren einsetzen.

Vor der ehemaligen KZ-Baracke kommt die Gruppe zum Stehen. Eine kleine Wandtafel erinnert an die Häftlinge, die hier von den Nazis ermordet worden waren. Die Siedlung ist erst nach dem Krieg auf dem Gelände des Konzentrationslagers Allach-Karlsfeld entstanden. Für die Bewohner und zahlreiche Nachfahren der Opfer ist es ein besonders wichtiger Ort. "Die Erinnerung könnte würdiger sein", sagt Strohhäcker und zeigt auf die heruntergekommene Baracke, die unter Denkmalschutz steht. Die Anwohner wünschen sich schon seit langem einen würdigen Gedenkort. Das sei auch im Sinne der Investoren: "Wir haben hier keinerlei wirtschaftliches Interesse", beteuert Gringmuth. Allerdings sei die Bausubstanz dermaßen marode, dass man in dem Gemäuer keinen Treffpunkt einrichten könne. Vor dem Abriss sei ebenfalls die sogenannte Rollschuhplatte sicher, ein Betonfeld auf dem früher eine andere KZ-Baracke gestanden hatte. "Wir werden sie nicht abreißen", sagt der Projektleiter. "Wir nehmen Sie beim Wort", entgegnet ihm schroff eine Anwohnerin.

Die städtischen Mitarbeiter und Vertreter der Investoren betonen ihre Gesprächsbereitschaft. Man wolle auf alte Bäume achtgeben und möglichst das weitläufige Grün in der Siedlung erhalten. Die Bewohner aber befürchten, dass sich die Größe Ludwigsfelds bald vervielfachen könnte. "Das würde uns überrollen", sagt unter Beifall Eberhard Sommer von der Anwohnerinitiative Iglu. Er fürchtet, dass das ursprüngliche Siedlungsgebiet mit seinen 660 Wohnungen um bis zu 2100 neue Wohnungen erweitert werden könnte. Diese Zahlen hatte ein Verkehrsgutachter in einer Voruntersuchung als Maximalgrenze angegeben. Doch Strohhäcker von der Stadt stellt klar, dass dies kein Richtwert für die Planungen sei. "Wir schauen, was für die Siedlung verträglich ist", sagt sie. Zahlen nennt sie allerdings keine.

Ludwigsfeld Rundgang Nachverdichtung

Auf der Exkursion wurde die Befürchtung geäußert, das Siedlungsgebiet könnte um bis zu 2100 neue Wohnungen erweitert werden.

(Foto: Privat)

Über drei Stunden dauert der Rundgang. Man beschnuppert sich, der Ton wird mit der Zeit versöhnlicher. Ein positives Resümee zieht Stadtrat Paul Bickelbacher (Grüne), der ebenfalls mitgelaufen ist: "Ich habe den Eindruck, dass hier behutsam nachverdichtet werden soll", sagt er. "Das Projekt kann auch Vorteile für die Siedlung haben." Die Grünen hatten bei der letzten Abstimmung im Stadtrat noch dagegen gestimmt.

Eberhard Sommer vom Bewohnerverein Iglu hingegen bleibt misstrauisch: "Ich fürchte, dass der Dialog nicht ehrlich ist und die Versprechen nicht eingehalten werden", sagt er. Auch seien dem Verein trotz Anfragen keine Klima-, Lärm- und Verkehrsgutachten vorgelegt worden.

Bis Ende Oktober wollen Stadt und Eigentümer bei weiteren Rundgängen und einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung mit den Bewohnern ins Gespräch kommen. Wie sehr sie deren Anliegen berücksichtigen, das werden die anschließenden Planungen zeigen - und die konkreten Zahlen.