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Siedlung Ludwigsfeld:Architektonisches Kleinod

Die Golgathakirche war anfangs eine Behelfskirche für evangelische Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten

Auf den ersten Blick erahnt man nicht, dass sich hinter den beiden Türen und den drei flachen Fenstern an der Kristallstraße 8 eine Kirche verbirgt. Noch weniger erahnt man, dass sie von einem der bedeutendsten Architekten der Weimarer Republik entworfen worden ist. Die Golgathakirche an der Kristallstraße ist unscheinbar, weil sie anfangs eine Behelfskirche war, für die vielen evangelischen Flüchtlinge, die es nach dem Zweiten Weltkrieg aus ehemaligen deutschen Ostgebieten nach München verschlagen hatte. Sie ist eine von fast 50 "Notkirchen" des Baumeisters Otto Bartning, die in einem Notbauprogramm bis in die frühen Fünfzigerjahre im ganzen Land entstanden sind. Schnell und mit möglichst wenig Baumaterial sollte man damals die teils provisorischen Gotteshäuser aufbauen können. Dafür wurden vorgefertigte Holzelemente an Ort und Stelle zu einem Kirchenschiff zusammengesetzt und oft nur mit Trümmersteinen ausgefüllt. Auch auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau entstand 1952 eine solche Behelfskirche. Nach 15 Jahren wurde sie versetzt und in der Siedlung Ludwigsfeld von den dort lebenden evangelischen Gläubigen mit den alten Materialien neu aufgebaut.

Die praktische Bauweise hatte Otto Bartning bereits in der Weimarer Republik intensiv erprobt, als er mit ihr an profanen Wohngebäuden wie an evangelischen Sakralbauten experimentierte. Aus Protest gegen die alte Architektur des Kaiserreichs hatte er schon nach dem Ersten Weltkrieg als Mitglied im revolutionären "Arbeitsrat für Kunst" gemeinsam mit Walter Gropius neue architektonische Grundsätze formuliert. Seine programmatischen Forderungen beeinflussten auch das 1919 gegründete Bauhaus, dem er mit seinen Ideen den Weg geebnet hatte. In den kommenden Jahren hinterließ er im Siedlungsbau seine Handschrift und revolutionierte den evangelischen Kirchenbau.

Die architektonische Bedeutung der Golgathakirche prüft derzeit das Landesamt für Denkmalpflege. Den entsprechenden Hinweis hat der Lokalhistoriker Ewgenij Repnikov gegeben, der in der Siedlung aufgewachsen ist. Bereits 2005 hatte sich das Amt mit der Kirche befasst, sie damals aber nicht in die Denkmalliste eingetragen. Dass jetzt erneut geprüft wird, habe mit der jüngeren Forschung und neuen Erkenntnissen über den Architekten Bartning zu tun, heißt es von den Denkmalschützern. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sich in der Zwischenzeit eine Initiative gegründet hat, die Bartnings Notkirchen zum Unesco-Weltkulturerbe erklären will. Trotzdem fürchtet Repnikov, dass die Golgathakirche einer möglichen Stadtentwicklung zum Opfer fallen könnte.Jerzy Sobotta