Siedlung am Lerchenauer See Die kümmern sich

Seit einem halben Jahr sind die Quartiersmanagerinnen Sarah Ehrenstein und Sigrid Möbs in der Siedlung am Lerchenauer See im Einsatz. Sie wollen die Nachbarschaftsbeziehungen aktivieren und Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Ein Viertel der Bewohner dort ist über 65 Jahre alt

Von Jerzy Sobotta, Siedlung am Lerchenauer See

Den Weihnachtsschmuck hat Sarah Ehrenstein dieses Jahr behalten. Denn am Christbaum in der Joseph-Seifried-Straße 27 hingen neben roten Kugeln auch viele Wunschzettel. "Ich möchte Leute finden, die die gleichen Interessen haben wie ich", steht auf einem, "Frauentreff", "Flohmarkt" oder "Tischtennis im Winter" auf anderen. Die Wünsche kommen nicht von Kindern, sondern von den Anwohnern der Siedlung, darunter auch vielen Senioren. Den Christbaum haben Ehrenstein und ihre Kollegin Sigrid Möbs vom Nachbarschaftsprojekt "Wir am Lerchenauer See" vor den Feiertagen in ihrem Büro aufgestellt. Denn sie wollen erfahren, was die Menschen in der Siedlung am nötigsten brauchen. Die beiden Quartiersmanagerinnen der Diakonie Hasenbergl arbeiten seit einem halben Jahr in den Räumen der evangelischen Kapernaumkirche und wollen in den nächsten Jahren die Nachbarschaft im Quartier beleben. "Hilfe zur Selbsthilfe" nennen die beiden das.

An der spontanen Wunschzettelaktion haben sich rund 30 Menschen beteiligt. "Nicht schlecht", findet Sarah Ehrenstein, die sich um Projekte für Senioren kümmert. Neben vielen kleinen Wünschen hätten sich Schwerpunkte ergeben, die ihre Arbeit in Zukunft begleiten werden: "Wir brauchen dringend einen Nachbarschaftstreff an einem neutralen Ort." Seniorentreffen im Viertel werden von den Kirchengemeinden angeboten, ein konfessionsloses Angebot gebe es bisher nicht. Dabei haben sehr viele Senioren einen Migrationshintergrund, viele von ihnen sind nicht christlich. Und zum nächsten Alten- und Service-Zentrum (ASZ) müssen die Senioren bis ins Hasenbergl fahren. Für viele ist das zu weit. Schon der Treppenaufgang in den ersten Stock zu den Arztpraxen in der Lassallestraße 95 ist für sie eine große Hürde, denn es gibt keinen Aufzug.

Die Quartiersmanagerinnen (von links)Sigrid Möbs und Sarah Ehrenstein wollen dieVersorgungssituation und damit die Lebensqualitätder Menschen verbessern.

(Foto: Florian Peljak)

Die Praxen und das heruntergekommene Ladenzentrum sind ein weiteres großes Thema unter den Anwohnern. Zwar hat ein Investor neue Wohnungen angekündigt, aber wann und ob es losgeht, das ist bislang noch völlig unklar. Ebenso, was dann mit den Arztpraxen und dem Bäcker im Erdgeschoss passiert. Ein Bäcker als strategische Infrastruktureinrichtung, das zeigt in welcher Lage sich der Stadtteil befindet. Der nächste Supermarkt liegt außerhalb der Siedlung, für viele Senioren ist das eine halbe Weltreise. "Darum sind Einkaufshilfen so wichtig", erklärt Quartiermanagerin Ehrenstein.

Das hat sich auch beim starken Schneefall der vergangenen Woche gezeigt, bei dem viele ältere Menschen keinen Schritt vor die Türe setzten konnten. Die Quartiersmanagerinnen wollten schnell reagieren und haben nun einen Einkaufsdienst für den Notfall eingerichtet. "Wenn jemandem das Essen oder die Medikamente ausgehen, dann kann er uns anrufen", sagt Ehrenstein. Neben ehrenamtlichen Helfern kann sie auch "Passt", die mobile Haushaltshilfe der Diakonie, anfragen.

Das Quartier in den Räumen der evangelischen Kapernaumkirche.

(Foto: Florian Peljak)

Der Einkaufsdienst ist aber nicht nur für den Notfall gedacht, sondern ist ein ständiges Angebot des Stadtteilprojekts. "Die Menschen sollen uns kontaktieren, dann können wir individuell abklären, was sie benötigen". Viele wüssten gar nicht, dass sie Hilfe beim Einkaufen oder Putzen bekommen, sich beim Arzt- oder Friedhofsbesuch oder zu einer Kulturveranstaltung begleiten lassen können. Auch über Einsamkeit, Pflegegrade und zusätzliches Geld über die Grundsicherung werden die Senioren in den eigenen vier Wänden beraten. Das geschieht bei einem "präventiven Hausbesuch", einem stadtweiten Angebot der Münchner ASZ, der Beratungsstelle Wohnungen und der Altenhilfe Hasenbergl.

Hilfe für Senioren zu organisieren, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Quartier. Ein Viertel aller Bewohner sind über 65 Jahre alt. Zudem gibt es überdurchschnittlich viele alleinstehende über 80-Jährige, viele von ihnen Männer. Das hat die Diakonie in einer dreijährigen Sozialraumanalyse herausgefunden. Auf ihrer Grundlage und mit Geldern der Deutschen Fernsehlotterie entstand im vergangenen Jahr das Stadtteilprojekt. Das richtet sich allerdings nicht nur an Senioren. "Um die Weihnachtswünsche zu erfüllen, braucht es ein lebendiges Viertel", weiß Ehrenstein. Und das entstehe nur, wenn alle mitmachen, egal ob Jung oder Alt, alleinerziehend, mit oder ohne Migrationshintergrund.

Kontakt zu "Wir am Lerchenauer See" unter Telefon 089 / 31 40 01 84 oder per E-Mail an ehrenstein@diakonie-hasenbergl.de.