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"Sie sind überall":Münchens kleinste Kuscheltiere

Bärtierchen sind die unglaublich widerstandsfähig. Kürzlich wurden sie auf dem Mond freigesetzt. Harald Waßmer mikroskopiert die Lebewesen im Deutschen Museum. Wie war es für ihn, als sie plötzlich berühmt wurden?

Das war sein Stichwort. 50 Minuten lang hat Harald Waßmer, 57, über die Leistung des Rasterelektronenmikroskops gesprochen. Über Nanometer und Atome, über Magnete und Licht. Vor ihm auf Klappstühlen saßen etwa 20 Leute an diesem Nachmittag im Deutschen Museum, schweigend - "etwas träge", wird Waßmer später sagen. Aber nach 50 Minuten rührt sich ein Mann in der vordersten Reihe. Er schaut auf den Monitor, auf dem ein kleines Tierchen mit Krallen und Saugrüssel zu sehen ist. "Das waren doch die auf dem Mond", sagt der Mann. Und Waßmer, der seit fünf Jahren die mikroskopischen Vorführungen im Deutschen Museum macht, sagt: "Diese Tierchen sind überall."

SZ: Herr Waßmer, vor einigen Wochen zerschellte eine israelische Raumsonde auf dem Mond. Sie sollte dort menschliche Spuren platzieren: Wikipedia-Artikel graviert in Nickelscheiben, DNA-Proben gegossen in Harz - und Bärtierchen. Seitdem reden viele über die Tierchen auf dem Mond, die Sie ja schon seit Jahren mikroskopieren. Wie war das für Sie, als die Bärtierchen plötzlich berühmt wurden?

Harald Waßmer: Ich habe mich gefreut! Wobei man natürlich nicht davon ausgehen kann, dass die Bärtierchen jetzt munter auf dem Mond rumhüpfen. Vielleicht sind sie in einem Behälter, vielleicht finden sie dort keinen Lebensraum. 85 Prozent der Bärtierchen leben in feuchtem Moos - und das wurde auf dem Mond noch nicht nachgewiesen. Aber die Vorstellung ist natürlich toll.

Was fasziniert Sie an den Tierchen?

Sie sind einfach unglaublich widerstandsfähig und robust. Und es gibt über 1200 verschiedene Arten! Stellen Sie sich vor: Ein Bärtierchen kann 85 Prozent seiner Körperflüssigkeit absondern und so bei hohen Minusgraden überleben. Man hat Bärtierchen in der Tiefsee, in der Wüste und in der Arktis gefunden. Sogar Vakuum und radioaktive Strahlung macht ihnen nichts aus.

Klingt so, als wären sie unsterblich.

Das ist natürlich Quatsch. Mich fragte mal ein kleiner Junge im Museum, was passiert, wenn man ein Bärtierchen auf einen Amboss legt und draufhaut. Dann ist es natürlich platt und mausetot. Aber ein Bärtierchen hält Vieles aus: Wenn es sehr kalt ist, zieht es seine acht Beinchen zusammen und kann in dieser Tönnchen-Stellung monatelang überleben. Es verfällt dann in eine Art Dornröschenschlaf. Und wenn die Umgebung wieder warm wird, leben die Bärtierchen weiter, als wäre nichts passiert.

"Bärtierchen sind einfach unglaublich widerstandsfähig und robust", sagt Harald Waßmer vom Deutschen Museum.

(Foto: Deutsches Museum/oh)

Können Menschen denn was von den Bärtierchen lernen?

Japanische Forscher haben herausgefunden, dass die Regenerationsfähigkeit der Tiere enorm hoch ist. Das ist natürlich interessant für die Zellforschung. Und auch die Tatsache, dass Bärtierchen Flüssigkeit absondern können, um hohe Minusgrade zu überleben, könnte für die Kryonik-Forschung ( das Einfrieren von Organismen, die Redaktion) hilfreich sein.

Sie sind seit etwa fünf Jahren am Deutschen Museum und zeigen das mikroskopische Theater. Wie ist die Reaktion der Besucher auf die kleinen Tiere?

Den Menschen fällt es schwer, sich für eine Welt zu sensibilisieren, die sie nicht sehen können. Manche fürchten sich vor den winzigen Tieren, manche finden sie eklig.

Warum?

Ich denke, das hat auch mit der Werbung zu tun: Hausstaubmilben zum Beispiel werden häufig verteufelt. Manche Leute haben ja auch Allergien gegen die Ausscheidungen. Aber vor allem hilft es eben den Matratzenherstellern, wenn sich die Leute alle paar Jahre eine neue Matratze kaufen. Dabei hat die Hausstaubmilbe nichts mit mangelnder Hygiene zu tun - sie frisst ja den Staub, ist also wie ein kleiner Staubsauger.

Kann das Bärtierchen - durch die aktuelle Aufmerksamkeit - ein Botschafter sein für die unsichtbare Tierwelt?

Ja, das war es aber auch schon vorher. Wir haben vor etwa vier Jahren die blauen Plakate in den U-Bahnen aufgehängt, da war auch das Bärtierchen drauf. Ich habe schon Besucher gehabt, die zu mir kamen und sagten, sie wollen genau diese Tierchen sehen mit den Krallen und dem kleinen Rüssel. Es besteht auf jeden Fall Interesse, auch wenn die Besucher mit dem Begriff Bärtierchen natürlich erst einmal nichts anfangen können. In Japan versucht man, den Menschen die kleinsten Tiere übrigens als Kuscheltiere näher zu bringen. Auf Amazon gibt es Amöben, Spinnen und sogar Bärtierchen als Plüschtiere.

Haben Sie sich ein Plüsch-Bärtierchen gekauft?

Nein, das war mir zu kitschig. Wenn es nicht so kitschig wäre, weiß Gott, ich hätte es gekauft. Aber ich habe ein anderes Andenken, schauen Sie.

Er läuft zu einer Schublade und zieht ein rotes Kästchen heraus, auf dem ein silbernes Gummibärchen steht.

Das müssen Sie erklären.

Als ich mal ein Bärtierchen auf eine Klebefolie setzte, um es zu mikroskopieren, ist es nicht auf seine Füßchen geplumpst, sondern auf seinen Hintern. Es saß also auf der Klebefolie und sah aus wie ein Gummibärchen. Also habe ich ein Gummibärchen genommen, es mit Gold-Palladium beschichtet und mir auf den Schreibtisch gestellt.

Seit fünf Jahren macht Harald Waßmer die mikroskopischen Vorführungen im Deutschen Museum und zeigt dabei auch Bärtierchen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wieso denn mit Gold-Palladium?

Damit beschichte ich normalerweise die Bärtierchen, bevor ich sie untersuche, denn sie müssen ja leitfähig sein für das Elektronenmikroskop.

Wie genau untersuchen Sie denn die Bärtierchen?

Also zunächst mal hole ich feuchtes Gras aus der Isar. Dann sauge ich mit der Pipette ein bisschen Wasser ab und untersuche den Tropfen auf Bärtierchen. Anschließend trockne ich sie in einem speziellen Gerät. Bärtierchen haben einen Chitin-Panzer, sie fallen also nicht zusammen, wenn sie trocknen. Sie sind übrigens schneeweiß, wenn sie aus dem Trockner kommen. Und dann beschichte ich sie.

Welche Farbe haben Bärtierchen denn normalerweise?

Die haben hübsche Farben, ganz unterschiedlich. Manche haben ein schmutziges Orange, manche sind lachsfarben. Das fällt gut auf im Moos, wenn man die Bärtierchen unter dem Lichtmikroskop anguckt. Auch wenn sie nicht größer als einen Millimeter werden.

Sie sind von Haus aus kein Biologe, sondern Präzisionsoptiker. Wie sind Sie zu den Bärtierchen gekommen?

Seit meiner Jugend liebe ich Käfer, Insekten und alles, was wuselt. Bevor ich ans Deutsche Museum kam, war ich in Amerika in der Materialentwicklung tätig. Aber das interessierte mich nicht so sehr wie kleine Tierchen.

Und dann?

Als ich dann ans Deutsche Museum kann, habe ich das Elektronenmikroskop nicht dafür genutzt, Metalle zu untersuchen, sondern eben kleine Tiere. Und in der Bücherei habe ich viel gelesen. Am Ende ist es einfach so, dass ich den Besuchern zeigen kann, was mir Spaß macht. Und im besten Fall macht es ihnen auch Spaß - dann ist es perfekt.