Süddeutsche Zeitung

Sicherheitskonferenz:Fast 2000 Menschen demonstrieren gegen Sicherheitskonferenz

Lesezeit: 3 min

Von Martin Bernstein und Tom Soyer

Kathrin Gebhardt würde sich selbst als "undogmatische Linke" bezeichnen. Eine solidarische Gesellschaft ohne Rassismus und Militarismus, das ist der Traum der 60-Jährigen. Deshalb ging die Cutterin aus München früher schon auf die Straße, gegen die "Wehrkundetagung" im Bayerischen Hof am Promenadeplatz. Später wurde die Tagung in "Sicherheitskonferenz" umbenannt, der Inhalt war weitgehend der Gleiche. Gebhardt demonstrierte weiter und engagierte sich im "Aktionsbündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz". Jetzt ist sie wieder unterwegs für den Frieden.

An diesem Samstag haben sich etwa 1900 Menschen in der Münchner Innenstadt versammelt. Die Polizei spricht von einem "sehr verhaltenen Zulauf" und "eher ruhigeren Samstag" ohne Vorfälle. Die Veranstalter selbst zählen knapp 3000 Demonstranten. Die Polizei begleitet mit 450 Beamten die verschiedenen Kundgebungen und kontrolliert nur die Identität von etwa 20 Personen, die es für eine gute Idee gehalten haben, eine Abkürzung zur Demo zu suchen - durch den Sicherheitsbereich hindurch. Eine Person wird festgenommen, wegen eines Vorfalls vor einem Jahr.

Gewaltsame Übergriffe gibt es nicht, nur manchmal fliegen derbe Parolen - und ein-, zweimal auch Konfetti. "Sehr zufrieden" mit dem ruhigen Verlauf zeigt sich Münchens Polizeivizepräsident Werner Feiler. Wer schon länger dabei ist, vermutet sogar die vielleicht kleinste Anti-Siko-Demonstration aller Zeiten.

Alles ruhig also in der Stadt, jedoch: Die richtigen Spannungen werden kaum sichtbar, weil sich die politischen Schwergewichte eben im Luxushotel Bayerischer Hof einfinden, man möchte fast sagen: verschanzt haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht oder der russische Außenminister Sergej Lawrow, ungefähr 100 weitere Staats- und Regierungschefs, Außen- und Verteidigungsminister sind da. In München sind an diesem Wochenende 4000 Polizisten im Einsatz, blockieren in einem Sicherheitsbereich um das Hotel die Zufahrten.

Wer dagegen draußen mit Gebhardt unterwegs ist, hat ein bisschen den Eindruck, auf einer Art Familientreffen zu sein. Auf einem Familientreffen der Linken. Ständig ruft jemand Gebhardt "Hallo!" zu, ständig kommt jemand vorbei, der umarmt werden will.

Gebhardt liebt diese Begegnungen mit Weggefährten, die alle friedlich mitmarschieren, zwischendrin über Privates reden, herzlich lachen - bei aller ernsten Solidarität. Sie sagt: "Eigentlich sind wir wohl 'Linke Autonome', aber ich mag diese Schubladen nicht." Das Wort sei diskreditiert, obwohl so viele gute, schlaue Menschen dabei seien. Das sagt sie und umarmt flugs den nächsten "Herrn Doktor" aus dem weiten Kreis ihrer Demo-Bekannten.

Man kennt sich, vielleicht vom gemeinsamen Demonstrieren - schließlich hat sich an den Gründen, warum demonstriert wird, wenig geändert. Ein Beispiel: Im Bayerischen Hof spricht Lawrow davon, dass der Kalte Krieg noch nicht zu Ende sei. Die Nato, das nordatlantische Verteidigungsbündnis, führe sein Erbe fort. Man dachte ja, diese Zeiten seien längst vorbei, fühlt sich im Zustand eines permanenten politischen Déjà-vus.

Von Parteien hält Gebhardt darum auch nicht viel. Die hätten ja zum Beispiel auch bei der Flüchtlingskrise versagt und zugelassen, dass in einem bestens überwachten Mittelmeer ständig Flüchtlinge sterben. Wenn also die Sprecher auf den Kundgebungen gegen die "Waffendealer, Kriegsstrategen, Klimafeinde und Fluchtverursacher im Bayerischen Hof" wettern, dann spricht ihr das aus dem Herzen.

Flüchtlinge und Abschiebungen sind denn auch ein bestimmendes Thema auf den Bühnen der Demonstranten, darunter sogar ein von der Feuerwehr ausrangierter Spritzenwagen. Wolfgang Blaschka, auch er ein alter Kämpe der Friedensbewegung, dirigiert von dort aus den Demonstrationszug, erklärt, warum es zunächst nicht weitergeht. Und vertreibt den Wartenden die Zeit mit einem selbstverfassten Polit-Gedicht. Gleich hinter dem Spritzenwagen laufen etwa 150 Flüchtlinge mit. Die wiederkehrenden Forderungen: sichere Fluchtwege, weltweite Abrüstung, keine Abschiebungen für Flüchtlinge, ein Ende der Abschottung, die Anerkennung aller Asylanträge in Deutschland, die Abschaffung der Nato, und auf keinen Fall mehr Geld für Streitkräfte oder Panzer, wie die USA unter Präsident Donald Trump das nun wiederholt gefordert haben. Das Spektrum reicht weit, und doch haben viele der Demonstranten das unbestimmte, ungute Gefühl, dass alles irgendwie zusammenhängt.

Am Mittag haben sich etwa 850 Menschen auf dem Stachus zur Auftaktkundgebung versammelt. Anschließend setzt sich der Zug in Bewegung, der angeführt vom linken Motorradclub "Kuhle Wampe" über den Odeonsplatz zum Marienplatz wandert. Eine 300-köpfige Gruppe bildet gleichzeitig eine Menschenkette durch die Fußgängerzone. Während des Zugs stoßen immer mehr Menschen dazu, bis zur Schlusskundgebung am Marienplatz fast 1900 Menschen zusammengekommen sind. Die Passanten in der Fußgängerzone in der Altstadt lassen sich von dem Trubel kaum stören.

Kathrin Gebhardt findet, dass das ein Problem ist. Das mit den Kriegen, das stehe doch schon in den Medien, sagt Gebhardt, aber keiner nimmt es ernst. Die Leute gäben sich heutzutage eher dem "Daumenballett" hin, sagt sie - gemeint ist damit das Tippen auf den Smartphones. Aber niemand handle, sagt die Filmemacherin. "Deshalb ist es gut, auf die Straße zu gehen."

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