Sicherheitsexperte Eine Entscheidung beschert ihm unruhige Nächte

Sauer war damals Mitte 30. Nicht lange nach der Zlof-Sache traf er eine bemerkenswerte Entscheidung: Er stieg beim Staat aus und machte sich selbständig. Man meint, so ein Beschluss sei ein Klacks für einen mutigen Mann wie Sauer, dem bei seinen Einsätzen schon mal die Kugeln um die Ohren flogen. Oder war es doch schwer, diese eine Sicherheit aufzugeben, diese Bürgerliche-Existenz-Sicherheit beim Staat? Sauer grinst. Es ist ein Oh-ja-Grinsen. "Ich hatte einige unruhige Nächte", sagt er. Es war noch dazu die Zeit, in der er ein Haus baute, sich niederließ. "Mein Chef sagte, ich spinne", erzählt Sauer.

Aber er war von seiner Idee überzeugt. Nein, er war sogar "felsenfest" überzeugt. "Ich war ja als SEK-Mann bei vielen Fällen von Erpressung und Entführung dabei, und es war immer so, dass die Entführten und ihre Angehörigen unvorbereitet waren", sagt er. "Da musste man präventiv was machen." Entführungsprophylaxe sozusagen; die Leute vorbereiten. Und sie beschützen. In England oder den USA gab es solche Beratungsfirmen bereits. "Aber vor allem die bodenständigen deutschen Mittelständler wollen nicht erst in New York anrufen, damit sie Hilfe bekommen", sagt Sauer. "Die wollen jemanden in der Nähe haben, der schnell da ist."

Ein Schreibtischjob? Nicht sein Ding

Und es gab noch ein anderes Motiv für Sauer bei seiner Entscheidung, sich selbständig zu machen: Mit 38 ist Schluss beim SEK, man landet oft am Schreibtisch. "Einige meiner Kollegen sind da richtig versauert", sagt er. Büro? Nicht sein Ding. Walfried O. Sauer braucht das Abenteuer. Er war 15, als er sah, wie die GSG 9 die Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu erstürmte. Terroristen, die mit der RAF verbündet waren, hatten das Flugzeug entführt. Es waren schwere Tage im Herbst 1977, für Entführte, Angehörige, Besatzung und Politiker; der eben verstorbene Helmut Schmidt war damals Kanzler. "Die hohe Professionalität der GSG 9 hat mich fasziniert", sagt Sauer heute. Damals staunte er. Und er verehrte wohl, mitten im Erwachsen-Werden, die männlichen Helden. Und wollte so etwas auch machen.

Deutscher Herbst 1977

Tage des Terrors

Die neue Firma, die er anfangs alleine betrieb, wuchs schnell. Sauer hatte gute Kontakte, und der Anschlag auf das World Trade Center 2001 spielte ihm in die Karten, so hart es klingt. "Wir haben damals Krisenstäbe gebildet und Krisenpläne am Fließband erarbeitet", erzählt Sauer. Heute, nach Paris, ist es ähnlich.

In Europa sind Entführungen fast immer finanziell motiviert

Es sind Ausnahmesituationen, auch wenn sich die Attentate der Islamisten in Europa häufen. Generell gilt: Im arabischen Raum, Asien oder Lateinamerika können Entführungen auch politische Hintergründe haben, in Europa sind sie fast immer finanziell motiviert. "Von den 30 reichsten Deutschen im Manager-Magazin hatten 21 schon mit Entführungen oder versuchten Entführungen zu kämpfen", sagt Sauer. Er und seine Mitarbeiter schulen die Angehörigen, das Hauspersonal und die Kinder. Meistens geht es darum, die Wahrnehmung der potenziellen Entführungsopfer zu schärfen: Steht da seit Wochen ein roter Golf in der Seitenstraße? Sitzt da jemand am Steuer? Bewegt sich jemand auffällig in der Nachbarschaft?

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Interview
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Und schließlich geht es bei den Trainings auch darum, wie man sich als Entführter verhalten soll. Auf keinen Fall darf man den Täter wissen lassen, dass man ihn erkannt hat. "Das ist das Todesurteil", sagt Sauer. Sieben Prozent aller Entführungsfälle weltweit enden mit dem Tod.