Süddeutsche Zeitung

Sicherheit:Diese Wachdienste sind derzeit in München unterwegs

Verbrechen gab es immer schon. Im Vergleich dazu ist die Polizei eine moderne Schöpfung. Einst, im Mittelalter, war es Bürgerpflicht, Übeltätern ins Handwerk zu pfuschen. Wer Zeuge eines Verbrechens wurde, schrie laut "Zeter und Mordio". Und wer das Gezeter vernahm, war zur Hilfe verpflichtet. Zumindest theoretisch. Wie bis zum heutigen Tag, so galt auch damals: Jeder darf einen Verbrecher festhalten und der Staatsmacht übergeben. Juristen sprechen vom Jedermannsrecht. Damals aber gingen die Pflichten eines jeden Mannes deutlich weiter: Normale Bürger mussten nachts Streifendienste übernehmen. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich durch ein "Wachtgeld" frei. Im Jahr 1457 verwandelte die Stadt München den Sicherheits-Ablass schließlich in eine allgemeine Steuer und bezahlte mit den Einnahmen "Scharwächter". Wenn man so will, begann vor 560 Jahren die Geschichte des städtischen Sicherheitsdienstes.

Wenn sich im Laufe der Jahrhunderte eines für München konstatieren lässt, dann das: Früher ging es wüster zu. Die Stadt wird immer sicherer, gleichzeitig tummelt sich mehr und mehr Sicherheitspersonal auf ihren Straßen und Gassen, in ihren Tunnels und Zügen. Der neue Sicherheitsdienst der Stadt ist nur das aktuellste Beispiel einer Beschützer-Vielfalt, die von außen betrachtet zunehmend verworren erscheint. Wer ist für was zuständig? Wer darf was tun? Und: Braucht München so viel Sicherheitspersonal?

Der kühle Blick auf statistische Daten darf die Sicht auf Schicksale nicht verschleiern. Dennoch ist Nüchternheit in aufgeheizten Zeiten ratsam. Die Fakten sagen erstens: München war und ist die sicherste Großstadt Deutschlands. Und zweitens: München wird immer sicherer. In 20 Jahren ist die Zahl der Straftaten um 15 Prozent gesunken. Und das, obwohl im gleichen Zeitraum die Bevölkerung um rund 270 000 Menschen gewachsen ist. Auch die Zahl der Gewaltverbrechen ist rückläufig, um zwölf Prozent in zehn Jahren.

Auch wenn einem der grässliche Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum 2016 noch besonders schmerzvoll in Erinnerung ist, die Schüsse auf eine junge Polizistin in Unterföhring vergangene Woche, oder wenn man an den Tod Dominik Brunners 2009 denkt - solche Gewaltexzesse sind kein neues Phänomen. Der Terroranschlag auf das Oktoberfest ist nunmehr 37 Jahre her. Das Olympia-Attentat geschah vor 44 Jahren. Und vor beinahe 100 Jahren wurde Ministerpräsident Kurt Eisner auf offener Straße erschossen.

Über die verstreichenden Jahrzehnte hinweg investierte die Stadt mehr und mehr in ihre Sicherheit. Und wenn man der Statistik Glauben schenken darf, zahlt sich das aus. Das neueste Beispiel ist der "Kommunale Außendienst" der Stadt, kurz KAD. 106 Mitarbeiter sollen, sobald sie eingestellt und ausgebildet sind, vor allem am Hauptbahnhof, dem Alten Botanischen Garten, dem Sendlinger-Tor-Platz und dem Stachus auf Streife gehen. Schusswaffen tragen sie keine, dafür aber eine stichsichere Weste und ein Reizspray. Sie dürfen ein bisschen mehr, als das Jedermannsrecht erlaubt. Sie können Platzverweise und Geldbußen aussprechen, dürfen Verdächtige durchsuchen und künftig auch auf eine Wache mitnehmen, die allerdings erst noch geschaffen werden muss. Der KAD soll vor allem eine zusätzliche sichtbare Präsenz schaffen an jenen Orten der Stadt, an denen es abends auch mal heftiger zugeht. Es ist aber bei Weitem nicht der einzige Dienst, der in der Stadt für Ordnung sorgen soll.

Die Ehrenamtlichen werden nicht gezielt zu Brennpunkten geschickt

Die Polizei selbst hat 1995 eine "Sicherheitswacht" gegründet. Im Gegensatz zu dem mittelalterlichen Modell besteht sie allein aus Freiwilligen. Sie absolvieren eine Ausbildung, legen eine Prüfung ab und gehen dann in Wohnsiedlungen oder Parks auf Streife. Anders als beim KAD, werden die Ehrenamtlichen nicht gezielt zu Brennpunkten geschickt, stattdessen laufen sie durch Perlach und Haar, durch Neuhausen oder den Olympiapark. Ihre Zahl ist noch geringer, als die des KAD, zuletzt waren 58 Freiwillige im Einsatz. Sie sollen Ansprechpartner für besorgte Bürger sein und Verdächtiges der Polizei melden. Den Helden spielen sollen sie nicht.

Auch die Sicherheitskräfte unter der Erde dürfen prinzipiell nur das Hausrecht durchsetzen und getreu dem Jedermannsrecht Personen festhalten, bis die Polizei kommt. Bei der Münchner U-Bahnwache gibt es allerdings eine Besonderheit: Die Ordnungskräfte tragen eine Schusswaffe. Bei der Gründung der Wache 1989 sei das eine Forderung der Polizei gewesen, erklärt MVG-Sprecher Matthias Korte. Der Stadtrat habe die Entscheidung abgesegnet. Die Mitarbeiter, die von der Securitas beschäftigt werden, brauchen eine waffenrechtliche Erlaubnis und werden vom KVR überprüft. Die Dienst-Revolver sollen vor allem abschreckend wirken, sagt Korte. In 28 Jahren sei noch kein einziger Schuss abgefeuert worden. Die Personalstärke wurde zwischen den Jahren 2006 und 2009 massiv aufgestockt, seitdem blieb sie bei etwa 140 Kräften konstant.

270 Mitarbeiter sorgen bei der DB für Sicherheit

Die Deutsche Bahn beschäftigt ebenfalls einen eigenen Ordnungsdienst, allerdings ohne Schusswaffen. 270 Mitarbeiter der DB-Sicherheit sehen in Zügen und auf Bahnhöfen im Raum München nach dem Rechten. Ausgerüstet sind sie mit einem Teleskopstock, Pfefferspray, Handfesseln und einer Sicherheitsweste. Auch hier ist die Personalstärke seit Jahren ungefähr gleich geblieben. Nach dem Angriff auf Dominik Brunner am S-Bahnhof Solln wurde aber die Videoüberwachung an den Außenästen massiv ausgebaut.

Die Liste der Ordnungskräfte ist damit lange nicht beendet. Ein weiteres Beispiel sind private Sicherheitsdienste, die im Auftrag der Stadt an der Isar oder auf der Wiesn Präsenz zeigen. Sie alle reichen aber nicht ansatzweise an die Personalstärke der Polizei heran. Zählt man die Beamten des Präsidiums, der Bundespolizei und des Landeskriminalamts zusammen, kommt man auf rund 12 400 - die Hundertschaften der Bereitschaftspolizei nicht mal eingerechnet. Wenn es wirklich ernst wird, bleibt auch den Sicherheitsdiensten nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen. Gegen ein bisschen Unterstützung hat die nichts einzuwenden. Das Präsidium betont aber unmissverständlich: "Es gibt kein Sicherheitsdefizit in München."

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SZ vom 24.06.2017/eca
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