Süddeutsche Zeitung

Was läuft an Shows?:"Hänsel und Gretel" als Hip-Hop-Spektakel

Lesezeit: 2 min

Die weltmeisterliche Breakdance-Gruppe Flying Steps verläuft sich in ihrem neuen Stück im virtuellen Wald. Und beim neuen Festival "Go Drag! Munich" verwandelt sich die Stadt.

Von Michael Zirnstein

Der Begriff des Showmasters ist aus der Mode gekommen, vielleicht gleichzeitig mit dem Abdanken von Thomas Gottschalk als "Wetten, dass...?"-Allmächtiger. Im Fernsehen gibt es nur noch "Hosts". Diese "Gastgeber" geben den Rahmen vor für die eigentlichen genialen Universaldilettanten. Wie Joko und Klaas, die die Show eben nicht meistern, sondern absichtlich scheiternd selbst zur Show werden. Und was ist mit den MCs, den Masters of Ceremonies im Hip-Hop? Ein Showmaster im Sinne deutscher Wohnzimmer sind die freilich nicht, aber die Hip-Hop-Kultur hat durchaus die größten Schauwerte im Pop-Bereich.

Das liegt an den vielen Ausdrucksformen der heuer nun auch schon 50 Jahre alten Jugendbewegung. Zum Rappen, DJ-ing und Sprayen kommt noch der Breakdance. Gerade in dieser Disziplin finden sich wahre Meister der Show. Zum Beispiel die Flying Steps aus Berlin. Das Tanz-Kollektiv gewann mehrmals diverse als Weltmeisterschaften gehandelte Streetdance-Wettbewerbe wie die Battle of The Year und stellten 2000 mit Benny Kimoto einen Weltrekordhalter im Headspin, also Kopfkreiseln. Auch außerhalb der Szene wurden sie von 2010 an berühmt, als sie in "Flying Bach" das "Wohltemperierte Klavier" mit Popping und Locking und Contemporary Ballet aufmischten. Seitdem tourten sie, sogar mit einem Zauberprogramm, vor mehr als einer Million Zuschauer in 50 Ländern durch die Konzerthallen.

Und jetzt verlaufen sie sich im Wald: In ihrem neuesten Streich, zu bestaunen am Freitag, 31. Mai, im Circus Krone, knöpfen sie sich den deutschen Märchenklassiker schlechthin vor: Fying Hänsel & Gretel. Da fliegt die Hexe nicht auf dem Besen, sondern wirbelt breakend durchs Lebkuchenhaus - das durchaus für die Verheißungen der Social-Media-Welt stehen darf. Arme Kinder lassen sich vom Bling-Bling der Influencer-Hexe locken und mästen. Aber die Flying Steps heben wie immer nicht nur ab, sondern kennen den Boden, über den sie wirbeln, etwa die alte Humperdinck-Oper. Oder, wie Christoph Hagel, Opern-Regisseur und Meister dieser Schau, sagt: "Wir bewegen uns auf der Bühne: dem ältesten virtuellen Raum der Welt."

Die große Illusion beherrschen im Showgeschäft wenige so gut wie die Drag-Künstler. Wobei "Drag" einer Legende nach keine neumodische Erfindung ist, sondern auf Shakespeare zurückgeht. Der schrieb in seinen Stücken neben die Rollenbeschreibungen für die männlichen Schauspieler oft "Dressed As Girl". Das Festival Go Drag! Munich feiert nun zum ersten Mal groß auf vielen Bühnen vom Pathos Theater bis zum Gasteig HP8 die Kunst des Cross-Dressens in München. Ob als Queens, Kings oder Quings - die Drags beweisen sich in 30 Veranstaltungen an fünf Tagen mit "Glitzer und Glamour, Tiefgang und Tragik, großen Gefühlen und viel Witz", mit Schminke, Kostümen, Dance-Moves, Lipsync-Performances und mehr als die wahren Meister der Show.

So kehrt Cora Frost als Peter Frost aus Berlin in ihre Heimat für ein Rockkonzert zurück (4. Mai, Schwere Reiter) und Ruby Tuesday lädt zum Special von Münchens einziger Herrenimitatorinnen-Revue "Kings of Munich" (3. Mai, Drehleier). Wer sich von Pandora Nox, Gewinnerin des Drag-Race Germany, in einem Workshop die besten Drag-Moves beibringen lässt und im Make-up-Kurs von Cameltoe Schminktipps abholt und schließlich beim Drag-Flohmarkt im Pathos (5. Mai) den geeigneten Fummel abstaubt, kann selbst zum Showmaster werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6628996
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.