Die größte Überraschung im Show-Business in München kommt dieser Tage aus Montreal. Wieder mal. „Ovo“ heißt sie, und wer des Lateins mächtig ist, fragt sich sogleich: Was wird da wohl aus dem Ei krabbeln? Es sind Insekten. Pfui, Spinne? Nein, Hü-hüpf! Die 53 Artisten dieses Spektakels des kanadischen Entertainment-Konzerns Cirque du Soleil schlüpfen in die Haut, oder besser: Kostüme von Insekten. Wer schon als Kind auf Biene Maya stand und sehen will, wie sich ein paar Grillen sich auf Blütenblättern (Trampolinen) über die Klatschmohnwiese katapultieren, findet hier reichlich Nektar.
Warum freuen sich so viele Menschen immer, wenn der Cirque du Soleil sein Kommen ankündigt? Weil die Macher – in dem Fall die mit dem Laurence Oliver Awards ausgezeichnete Tänzerin Deborah Colker – immer wieder neue Stoffe erfinden, in die sie ihre Weltklasse-Artistik einwickeln. Daraus entstand ein Repertoire aus mehreren Dutzend Stücken – da stört es dann auch wenig, dass in diesem Fall „Ovo“ schon 17 Jahre alt ist und in seiner etwas leichtgewichtigen Arena-Version nur fünf Tage lang in der Olympiahalle und nicht im eigenen Zelt gastieren wird (27. bis 31. Januar 2027).
An Neuem und Besonderem wird das Publikum momentan nicht gerade verwöhnt. Die Branche setzt auf bewährte Stoffe, also auf das, was schon mal zog und immer noch zieht. So nimmt das Deutsche Theater nun wieder „Sister Act“ auf, die Nonnen-Krimi-Komödie unter dem Motto „Glitzer, Gospel, Gänsehaut – vom Nachtclub ins Kloster“. Das Musical zum himmlisch komischen Film mit Whoopi Goldberg macht immer wieder Laune (17. bis 27. Juni).

Ansonsten ist schon auffallend, wie viele Tribute-Shows zu Pop-Größen das Deutsche Theater in dieser Saison im Programm hat, was bisher eher die Domäne der Veranstalter im Brunnenhof war. Wenn nun noch das Beatles-Musical „All You Need Is Love“ wiederkehrt (15. bis 19. Juli), dann immerhin mit viel Erfolg im Rücken und den „Doppelgängern aus Las Vegas“, sowie dem feierlichen Anlass „60 Jahre Beatles in München“. Das Deutsche Theater zeigt zusammen mit Herbert Hauke und dem Portal „Munich City of Music“ bereits von 19. Juni eine Ausstellung zum München-Auftritt der „Bravo-Beatles-Blitztournee“ von 1966.
Ganz so viel hat der Abend „Help! A Beatles Tribute“ im Brunnenhof nicht zu bieten, aber immerhin eine schöne Open-Air-Atmosphäre und die größten Hits der fabelhaften Vier aus Liverpool (25. Juni).
Wie gesagt, man findet derzeit einige Dopplungen im Show-Plan. Am 1. Juli zum Beispiel bricht eine „Discomania“ („The Ultimate 70s & 80s Live-Show“) im Brunnenhof aus, und „D.I.S.C.O.“ ist auch der Titel und der Vibe in der neuen Varieté-Show im GOP-Theater (18. Juli bis 4. Oktober). Hommagen an Queen gibt es zwei im Brunnenhof (23. Juli, 11. August) und an Abba gleich drei (26. Juni, 1. August, 22. August).

Ein überaus zugkräftiges Thema, wenngleich ein weitaus schwerwiegenderes, ist das Schicksal der Gruppe „Die Weiße Rose“. Lange dauerte es, bis sich jemand traute, die Geschichte der jungen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime auf die Musical-Bühne zu bringen. Singend und tanzend in den Tod? Muss ja auch nicht wirklich sein, dachten sich damals viele, bevor das Stück im Festspielhaus Neuschwanstein herauskam. Und dann war es doch eine Sensation, wie fein die Umsetzung des Buches von Vera Bolten gelang; der SZ-Kritiker lobte es durchweg, auch weil Alex Melcher eine Musik dazu fand, die die Stimmung traf und dennoch „echte Hits“ wie „Heut und in Ewigkeit“ lieferte.
Das Stück kann man sich bei seiner Wiederkehr ans Deutsche Theater also durchaus ein weiteres Mal anschauen (2. bis 5. Juli). Und man könnte es sich sogar noch einmal in einer ganz anderen Fassung ansehen, nämlich gespielt von Jugendlichen. Denn der Verlag des Stückes hat die Aufführungsrechte auch dem Wittelsbacher-Gymnasium eingeräumt, jener Schule, auf der Willi Graf 1938 sein Abitur machte. Die Schüler zeigen ihre Inszenierung an drei Tagen im Fat Cat (17. bis 19. Juli).
Der Erfolg des Weiße-Rose-Musicals zeigt, dass es sich immer lohnt, nach den schwierigen, ungewöhnlichen, anderen Stoffen zu suchen. Wer dabei von Anfang an dabei sein will, sollte einmal zu „Die Schreib:Maschine“ schauen (17. Juli, Deutsches Theater). Das ist Deutschlands einzige offene Bühne für Musical-Autoren und -Komponisten. Hier können die Kreativen ihre Entwürfe ausprobieren, in szenischen Lesungen mit Songs und Klavierbegleitung. Musicals in ihrer rohesten Fassung, quasi frisch aus dem Ei geschlüpft.

