Schauspieler Shenja LacherLieber Altenpfleger als TV-Star

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In der neuen Folge von „München Mord“ spielt Shenja Lacher (rechts) einen Spitzenkoch.
In der neuen Folge von „München Mord“ spielt Shenja Lacher (rechts) einen Spitzenkoch. Susanne Bernhard / ZDF

Der gefeierte Theatermime und Fernsehkommissar Shenja Lacher sucht nach mehr Sinn in seinem Berufsleben. Warum er jetzt lieber eine Ausbildung als Altenpfleger machen will.

Interview von Jörg Seewald

Seine Fans waren erschüttert, als Shenja Lacher 2016 den respektlosen Umgang mit Schauspielern und die autokratischen Verhältnisse am Theater anprangerte und so zornig wie enttäuscht das Münchner Residenztheater verließ. Zuvor hatte er ihnen als Odysseus, Peer Gynt und Prinz von Homburg unvergessliche Theaterabende beschert. Seither ist der 47-Jährige gut gebucht in Film und Fernsehen. Er hatte einen der begehrten Kommissar-Jobs und gibt aktuell einen Spitzenkoch unter Verdacht in „München Mord“. Trotzdem erwägt er ernsthaft, in die Altenpflege umzuschulen.

SZ: Wie kommen Sie ausgerechnet auf Altenpflege?

Shenja Lacher: Ich freu mich, wenn ich 200 oder 300 Leute anrühren oder zum Lachen bringen kann. Aber vielleicht gibt es eine andere Arbeit, die genauso wichtig ist. Gerade die Altenpflege kenne ich aus meiner Zivildienstzeit.

Aber sind Sie nicht ein erfolgreicher Filmschauspieler?

Ich kann nicht wochenlang nichts tun. Dazu kommt es aber, wenn ich zwischen den Filmen auf irgendetwas warte, das vielleicht kommt. Das ist mir einfach zu wenig. Deswegen entstand der Wunsch, mich beruflich noch etwas umzuorientieren und aus dem Kreis zu kommen, in dem ich jetzt bin.

Dabei sind Sie schon breit aufgestellt. Gerade haben Sie eine Single veröffentlicht. „Schweden“ hat sogar Hit-Potenzial.

Danke. Aber nichts spricht gegen Altenpflege. Ich kann gut mit Menschen. Klar auch mit Kindern, aber alte Menschen, das hat mir damals getaugt. Mir macht die körperliche Nähe nichts aus. Ich hatte eine gute, anstrengende Zivi-Zeit. Und wenn man überlegt, was man mit seinem restlichen Leben noch anfängt, liegt das einfach nahe.

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Haben Sie sich das schon alles durchgerechnet? Drei Jahre Ausbildung liegen vor Ihnen.

Ich weiß. Und die will ich auch machen. Wenn dann gescheit und zu 100 Prozent. Aber ich wohne in München und habe Kinder, für die ich sorgen muss. Die Fixkosten hier sind hoch. Ich muss mir das alles ausrechnen. Dass ich dann keine großen Filme mehr drehen kann, muss mir dabei klar sein. Dass ich aber nebenbei weiter Musik machen werde, ist genauso klar – sonst gehe ich ein.

Wie könnte das aussehen?

Die Musik in die Altenpflege zu bringen, finde ich nicht schlecht. Als ich damals die 13 Monate Zivildienst geleistet habe, konnte ich den alten Menschen nur an einem einzigen Nachmittag zur Gitarre etwas vorsingen. Das war’s. Sonst waren wir Vollzeit mit anderem beschäftigt.

Altenpflege ist eine dienende Funktion. Das hat nichts mit der besonderen Behandlung von Schauspielern am Set gemein, oder?

Ich bin mir für nichts zu schade. Warum sollte ich? Ich bin nichts Besseres als irgendwer. Das ist Arbeit. Gute Arbeit ist, wenn sie sinnvoll ist. Ich komme aus einem Haushalt, wo alle malochen, mein Vater sogar noch mit 70. Mir ist der Dünkel fremd zu sagen: Ich bin Schauspieler. Ganz ehrlich: Wenn zwei Monate kein gescheites Angebot kommt, werde ich sehr unruhig.

Ist das eine Typ-Frage?

Rumsitzen liegt mir nicht. Ich habe keine Lust, auf das nächste mittelmäßige Drehbuch zu warten, um dann zu sagen: Ich muss es machen, weil ich die Kohle brauch. Dann drehe ich etwas und stehe nur halb dahinter, darauf habe ich gar keine Lust. Das schmerzt letzten Endes viel mehr als zu sagen: Ich habe etwas Sinnvolles getan mit meinem Leben und meiner Zeit.

Wirklich?

Vor zwei Tagen rief ein Kumpel an, und fragte: Haste Bock eine Woche auf dem Bau zu arbeiten? Das hätte ich sofort gemacht. Ich hatte nur gerade eine Mandelentzündung. Ich bin der Junge, der seine Rechnungen bezahlen muss. Zu warten ist für mich schwer. Ich muss etwas tun. In den letzten zwei, drei Jahren wurde insgesamt weniger gedreht. Es gab viel weniger Angebote.

Wie darf man sich das vorstellen?

Manche Kollegen haben gar nicht gedreht. Viele überlegen, was sie machen können. Die haben alle ihre Rechnungen. Ein halbes Jahr ohne Film ist für die schon sehr schwierig. So schnell kannst du gar nicht gucken, dann kommen die Krankenkasse, Versicherungen und alle Kosten laufen gnadenlos weiter.

Manche Leute könnten fragen, warum gehen Sie nicht fest an die Burg?

Damals waren die letzten zwei Jahre hier am Münchner Theater für mich die Hölle. Die Struktur durch die Leitung war ungut. Diese Art von Abhängigkeit wollte ich nicht mehr. Diese Art von Machtscheiße wollte ich in meinem Leben nicht mehr. So schmerzhaft das auch war – denn Theater war und ist meine große Liebe –  ich musste dem einen Riegel vorschieben. Dabei hatte ich nicht einmal einen Plan B.

Shenja Lacher beim Schlussapplaus 2015 in David Böschs Inszenierung von Kleists  „Prinz Friedrich von Homburg“ am Münchner Residenztheater.
Shenja Lacher beim Schlussapplaus 2015 in David Böschs Inszenierung von Kleists  „Prinz Friedrich von Homburg“ am Münchner Residenztheater. Robert Haas

Ein festes Engagement ist also undenkbar?

Ein Festengagement an der Burg bringt mir nichts. Meine Kinder sind in München. Was soll ich in Wien? Und zum Mitschreiben: Das Burgtheater interessiert mich nicht. Was habe ich mit dem Burgtheater zu schaffen? Wahrscheinlich sitze ich da auch den größten Teil rum. Weil die so ein großes Ensemble haben. Was soll ich denn da?

Was dann?

Dann lieber an ein kleines Haus gehen und eine geile Zeit haben mit einem Team, auf das ich Bock habe, als an so ein großes Haus. Es geht um die Aufgaben. Wenn ich merke, ich verliere mich gerade und weiß nicht, was ich erzählen soll und die regieführenden Personen haben auch keine Ahnung – das macht mich unglücklich.

Gibt es Highlights wie „München Mord“ zu selten?

Ich will mich nicht beschweren. Was ich mache, mache ich mit Herzblut. Eine Rolle wie in München Mord ist ein Geschenk, ein Regisseur wie Anno Saul ist ein Geschenk. Die Kollegen, mit denen ich da arbeiten durfte, sind ein Geschenk. Die Kollegen, mit denen ich ein Stück weit in meinem Traumberuf Koch arbeiten durfte. Das Drehbuch von Friedrich Ani war sehr gut.

Wo liegt dann das Problem?

Ehrlich: Es muss auch was anderes geben als Krimis und Täter. Das ist ein bisschen lahm. Da sage ich: Vielen Dank, ich hatte eine tolle Zeit, ich hatte wirklich tolle Rollen. Vielen Dank, ich komme gut klar, auch mit wenig Geld. Ich muss glücklich sein mit dem, was ich tue. Und wenn das nicht so ist, muss ich Konsequenzen ziehen.

Und wie wäre es als Tatort-Kommissar? Damit kann man auch die Miete zahlen …

Das Angebot gab es bisher nicht. Und ich möchte wirklich niemandem auf die Füße treten. Aber das ist zudem eine Rolle, die mich in meinem Schauspielerleben nicht interessiert. Ich war ja auch Kommissar im „Quartett“. Das ist zu wenig. Die geilen Rollen spielen dann die anderen, die im Milieu stecken oder Probleme haben. Aber nicht falsch verstehen: Ich mag das Format und schau das auch gerne.

Wirklich?

Klar. Ich hab ja auch letztes Jahr im Kölner Tatort mitgespielt. Dietmar Bär und Klaus Behrendt sind ganz feine, kluge Menschen. Das macht Spaß mit denen zu drehen. Ich habe einen Riesenrespekt davor. Aber für mich ist das nix.

Im letzten Jahr war Shenja Lacher (links) mit Christian Tramitz (Mitte) und Michael Brander auch in der Folge „Wenn die Musik spielt“ in der Serie „Hubert ohne Staller“ zu sehen.
Im letzten Jahr war Shenja Lacher (links) mit Christian Tramitz (Mitte) und Michael Brander auch in der Folge „Wenn die Musik spielt“ in der Serie „Hubert ohne Staller“ zu sehen. ARD/Thomas Neumeier

Wie konkret sind Ihre Erinnerungen an die Zeit als Zivi in der Pflege?

Sehr. Das Haus am Schäferberg am Wannsee war auf einer Seite ein Altenheim, auf der anderen, und das war meine Station, befanden sich die Bettlägerigen. Ich habe sie alle gemocht, die Frau Kors, Frau Coburg, Frau Stresow. Ich kann mich an sie teilweise noch mit ihren verschiedenen Krankheiten erinnern. Wenn man gesungen hat mit denen …

Was habe Sie eigentlich bei Ihrem einzigen Auftritt im Altersheim gesungen?

Natürlich deutsche Volkslieder, so etwas wie „Hoch auf dem gelben Wagen“. Das kann jeder, und es sind nur drei Akkorde. Das haben die gemocht.  Wissen Sie, wann ich zuletzt dachte, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt?

Wann war das?

Ich drehe einen Tatort. In dem Film spiele ich einen Arzt im Altersheim. Ich stehe da mit Behrendt und Bär und während wir drehen, kommt die Stationsschwester vorbei und sagt: „Der Herr Soundso ist 93 und wird wahrscheinlich heute sterben. Er hat Schmerzen. Wir versuchen sie zu lindern. Um 18 Uhr kommen die Padres und singen für ihn. Danach ist wahrscheinlich ein kleines Aufbäumen, und danach darf er sterben.“

Und dann?

Wir standen da, schauten uns in die Augen und dachten: Das ist das echte Leben. Ich kam mir in dem Moment so klein vor. Ich spiele einen Arzt, der was spielt … und da ist das echte Leben. Das heißt ja nicht, dass ich den Schauspielberuf nicht abgöttisch liebe. Aber wenn man ihn nicht mehr so ausfüllen kann, dass er einen ausfüllt, dann ist da noch Platz. Was mache ich mit den anderen 40 Prozent?

Ja, was denn?

Etwas, wo man zufrieden nach Hause geht. Ich gehe manchmal unzufrieden nach Hause, weil ich mir sage: Mist, ich habe die Szene nicht geknackt. Menschen kriegen keine richtige Pflege, und ich mache mir Gedanken darüber, dass ich ein Scheiß-Kostüm anhabe.

Sie sind auch Dozent an der Falckenberg-Schule und der Everding-Akademie und bilden so schauspielerischen Nachwuchs aus.

Ja, das macht mir Spaß. Ich habe dadurch auch einen Draht zum Theater. Als Gastdozent kannst du nicht davon leben. Aber es füllt mich aus. Ich bin stolz auf die Studierenden. Altenpflege ohne Arbeit mit den Studierenden oder das Musikmachen kann ich mir nicht vorstellen. Aber es wird einen Weg geben.

Shenja Lacher ist aktuell zu sehen in München Mord: Im Zweifel für den Zweifel (ZDF Mediathek und Samstag, 31. Januar 2025, 20.15 Uhr), und zu hören im Podcast „Die Vermessung der Musik“ (Spotify)

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