Kurzkritik:Sanfter Zauber

Lesezeit: 1 min

Sheku und Isata Kanneh-Mason im Prinzregententheater.

Von Harald Eggebrecht

Wie wohltuend, wenn ein Cellist nicht krachend auf dem Instrument herumfuhrwerkt, nicht in der Tiefe grunzt und in den Höhen gellend kräht! Also sein Spiel nicht auf den "eigenen menschlichen Schwierigkeiten" aufbaut, wie der legendäre Cellomeister Janos Starker sarkastisch meinte, wenn einer ächzend, stöhnend und mit technischer Mühsal doch nicht zum Ziel der Musik kam.

Sheku Kanneh-Mason ist das krasse Gegenteil davon: Die Elastizität seiner Bogentechnik ist phänomenal, das Verhältnis zwischen Bogendruck und -zug bewunderungswürdig, das Wissen um und das Gefühl für die je richtige Bogengeschwindigkeit staunenerregend. Der schlanke, nicht sehr große, aber intensive, auch im Fortissimo nie derbe oder gar ordinäre Ton bestrickt durch sanfte Gesanglichkeit, tenorale Dichte und federnde Kraft. Vibrato ist hier kein Gelee für alle Gelegenheiten, sondern dient der Intensivierung nach Maßgabe der jeweiligen Musik. Dass im Prinzregententheater gejubelt wurde, hat neben den wunderbaren Fähigkeiten des Cellisten genauso mit den nicht minder fabelhaften Talenten von Isata Kanneh-Mason am Klavier zu tun, die auch nichts tut, was von der Musik ablenken könnte.

Die Geschwister spielen aus einem symphonischen Geist, sodass die grundverschiedenen Sonaten von Ludwig van Beethoven (op. 102,1) vom Briten Frank Bridge (zwischen 1913 und 1917 entstanden) vom Armenier Karen Khatchaturian, Neffe des berühmten Aram (1966 komponiert) und von Dmitri Schostakowitsch unmittelbar entstanden. Beethovens Plötzlichkeiten von Schönheit des Gesangs gegen rhythmischen Furor trafen die beiden so direkt wie sie bei Bridge spätromantisches Aufbrausen und impressionistische Phasen realisierten. Khatchaturians großbogiges, ausdruckssüchtiges Stück erfüllten sie mit Energie und Leidenschaft. Und für Schostakowitschs bitteren Witz, Melancholie und virtuose Aggressivität setzten sie sich so unmissverständlich ein, dass nach dem wilden zweiten Satz der Saal sofort lostobte. Ovationen, zwei Zugaben aus dem International Songbook.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB