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Shakespeare im Münchner Residenztheater:Viele Buh-Rufe, dünner Applaus

Der große Simplifizierer des deutschen Theaters macht aus Shakespeares Figuren wilde, unkontrollierte und total übersexte Kreaturen - aus dem Verwirrspiel um die Suche nach dem richtigen Partner wird ein einziges Zerr-, Rammel- und Beißschauspiel. Zombies im Liebeswahn. Bedauernswerte Kreaturen. Die ferngesteuert wirkenden Gesten konterkarieren oft den Text Shakespeares, den die Darsteller mal dahinmurmeln, mal herausschreien und in wenigen Momenten wirklich in den Mittelpunkt stellen. Die Adaption des Stücks ist derart frei, dass nur noch einige Monologe an den Ursprungstext erinnern.

Der Sommernachtstraum ist auch für moderne Inszenierungen ein dankbares Stück: Die zweite Handlung, in der eine Gruppe Handwerker Ovids Theaterstück Pyramus und Thisbe zur Aufführung bringen möchte, bietet reichlich Raum für Slapstick. So auch bei Thalheimer: Die Schauspieler fluten die Bühne mit Theaterklamauk der besten Sorte und spülen damit zwischenzeitlich die ganze Düsternis der Haupthandlung davon.

Es sind die einzigen Szenen, die dem Münchner Publikum zu gefallen scheinen. Hier lachen sie aus vollem Halse. Den Rest der Inszenierung schmähen dagegen viele Zuschauer - vor allem die älteren - mit Worten wie "albern", "totaler Schrott" und "die totale Zeitverschwendung".

Als ein Darsteller - noch im ersten Akt - seine Hose herunterlässt, verlassen zahlreiche Theatergäste den Saal. Nach der Pause bleiben viele Plätze unbesetzt. Am Ende gibt es nur dünnen Applaus, dafür deutlich vernehmbare Buh-Rufe. Bleibt die Frage, ob Thalheimers Inszenierung für das Münchner Publikum zu modern, zu zeitgemäß ist.

Der Regisseur teilt am Ende des Stücks über eine Figur seine Botschaft dem Publikum mit: "Wir sind nicht hier, um Euch zu gefallen." Und: "Ihr sollt verstehen, was Ihr verstehen wollt." Es ist ein schlauer Schachzug, den Original-Schlussmonolog, in dem um Applaus gebeten wird, restlos zu streichen. So applaudiert das Publikum alleine der Inszenierung des Nebenplots.

Insgesamt kann Thalheimers Sommernachtstraum nicht überzeugen. Eine neue Perspektive verschafft er dem Shakespeare-Stück nicht, vielmehr folgt er gängigen Manierismen. Da nerven die baumelnden Penisse weniger als die aggressive Überzeichnung, welche die Schauspieler ihren Figuren angedeihen lassen - ohne ihnen wirklich Kontur und Persönlichkeit zu geben.

© Süddeutsche.de/afis

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