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Sexuelle Belästigung:Nachts auf der Straße hätten in der Situation viele geschrien

Am Rand stehen mehrere Security-Angestellte und verfolgen das Zappeln zum Chartmusik-Remix ausdruckslos. Pro Nacht setzt Besitzer Beyer 20 bis 25 Menschen ein, die für Sicherheit sorgen. "Die sind immer ansprechbar für unsere Gäste", sagt er. Den jungen Mann am Treppenabgang weist jedoch niemand zurecht. Immer wieder hält er vorbeigehende Mädchen am Handgelenk fest.

Erst nach längeren Befreiungsversuchen und wenn das letzte Lächeln verschwunden ist, lässt er wieder los. Nachts auf der Straße hätten in so einer Situation wohl viele bereits geschrien. Warum er das macht? "Spaß", sagt er und ergänzt auf Nachfrage: "Weil ich stärker bin." Keine unbeholfene Anmache also, sondern eine Machtdemonstration.

Sexualdelikte

Die Münchner Polizei hat im vergangenen Jahr in Bars oder Clubs neun schwerwiegende Sexualdelikte registriert. 2014 waren es sechs, 2011 dagegen noch 19 Fälle. Die Beleidigungen auf sexueller Grundlage in Nachtlokalen bewegen sich mit 18 bis 20 Fällen seit vier Jahren auf nahezu gleichem Niveau. Allerdings sind in diesen Zahlen etwa nicht die Vergehen erfasst, die auf dem Heimweg passieren. Außerdem geht die Polizei von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele Opfer sexuelle Übergriffe nicht anzeigen.

Insgesamt ist die Zahl der angezeigten Sexualdelikte in den vergangenen fünf Jahren zurückgegangen. 2015 wurden im Stadtgebiet 717 Sexualdelikte registriert, fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Darunter fallen sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Exhibitionismus, verbotene Prostitution und Zuhälterei sowie Pornografiedelikte. Nicht enthalten sind Beleidigungen auf sexueller Grundlage, etwa verbale Angriffe oder Tätlichkeiten unterhalb der Schwelle zur sexuellen Nötigung, zum Beispiel "Busengrapscher". 2015 wurden 358 Fälle im Stadtgebiet angezeigt.

3.30 Uhr, Ortswechsel. Es ist brechend voll in der Milchbar, einem Club an der "Feierbanane" in der Sonnenstraße. Wer sich hier einen Weg durch die Menge bahnen möchte, muss Geduld haben und Körperkontakt in Kauf nehmen. Statt kurzen Kleidchen und Muskelshirts dominieren Hipsterbärte und schwarze Klamotten. Die Partygäste bewegen sich ruhiger, wippen trotz ihres Alkoholpegels lieber cool mit dem Kopf, anstatt ausgelassen zu tanzen. Niemand pirscht sich von hinten heran. Zur Begrüßung halten die Männer lieber förmlich die Hand hin.

Angefasst wird trotzdem, aber lieber heimlich. Im Gedränge kommt es zu ungewollten Berührungen. "Da hat man schnell mal eine Hand am Po oder zwischen den Beinen", erzählt eine Münchnerin, die ihren Namen lieber nicht sagen möchte. Das könne zwar auch mal unabsichtlich passieren, aber an Zufall glaubt sie nicht. Dem Türsteher würde sie trotzdem nicht Bescheid sagen, lieber keinen Stress machen. "Oft kann man ja nicht mal sagen, von wem die Hand kam." Um nicht fälschlicherweise beschuldigt zu werden, hält ein Freund von ihr im Getümmel demonstrativ die Hände in die Luft. "Ich will zeigen: Ich mache nichts", erklärt er.

Kriegen die Sicherheitsleute Konflikte mit, reagieren sie schnell. An der Bar kommt es zu einer Schlägerei. Noch bevor die meisten Gäste etwas mitbekommen, sind die vier Involvierten bereits vor die Tür verbannt. "Gewaltdelikte kommen im Nachtleben öfter vor als sexuelle Übergriffe", sagt Dierck Beyer. Jakob Faltenbacher von der Milchbar bestätigt diesen Eindruck, will sonst aber nicht gerne über das Thema Belästigung sprechen.

Offensiv geht in München vor allem einer das Problem an: David Süß, Inhaber des Harry Klein an der Sonnenstraße. Andere Clubbesitzer verweisen gerne auf ihn. Das Harry Klein ist ein Elektroclub mit einem Ruf weit über München hinaus. Auf der Tanzfläche wenden die meisten das Gesicht dem DJ und nicht einander zu. Es gibt weniger suchende Blicke durch die Menge nach neuen Bekanntschaften, ins Gespräch kommt man eher an der Bar oder beim Rauchen vor der Tür. "Uns ist wichtig, dass alle Gäste sorglos feiern können. Deshalb passen die Türsteher, aber auch das Bar- und Toilettenpersonal aktiv auf, dass nichts passiert", sagt Süß.

Doch nicht nur im Club kann es zu Übergriffen kommen, wer sich draußen aufhält, ist oft ein besonders leichtes Opfer für Übergriffe, sagt Birgit Treml, Vorsitzende von Condrobs. "Im Club wird man im Gedränge zwar schneller betatscht, aber gefährlicher ist es da, wo man niemanden zur Hilfe rufen kann", sagt sie. Das sei eher im öffentlichen Raum der Fall, weil sich hier niemand verantwortlich fühle.

Auch deswegen patrouillieren jedes Wochenende von 23 bis 4 Uhr zwei Streetworker des Vereins entlang der Feierbanane. Finanziert werden sie von der Stadt. Sie schreiten zum Beispiel präventiv ein, wenn sich Frauen männliche Begleiter für den Heimweg anbieten. "Wir sprechen Menschen an, die so aussehen, als ob sie nicht wüssten, von wem sie da Gesellschaft haben", sagt Treml. Wenn dem so ist, übernehmen sie den Fall, besorgen dem Mädchen ein Taxi.

Mittlerweile ist es halb fünf Uhr morgens. Die Clubs leeren sich, die Partygäste machen sich müde auf den Heimweg. Die meisten von ihnen haben eine unbeschwerte Nacht verbracht, manche sind gegen ihren Willen angefasst oder belästigt worden. Eine ganz normale Partynacht. Oder eben nicht.

© SZ vom 15.12.2016/bhi
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