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Serie "Schauplätze der Geschichte":Halali im Moor

In den dichten Wäldern vor den Toren der Stadt entwickelt sich am 5. Oktober 1648 aus einer Jagdpartie der Schweden das letzte Gefecht des Dreißigjährigen Krieges. Die bayerisch-kaiserlichen Truppen schlagen den Feind auf dem sumpfigen Gelände in der Nähe von Allach in die Flucht, München bleibt die Plünderung erspart

Von Berthold Neff

Lockte die Linde, die sich heute an der Nederlinger Straße in den Himmel reckt, schon im Frühsommer des Jahres 1648 die Bienen an? Verbreitete süßlichen Duft, während die Bauern aus dem Weiler Noederling an ihr vorbei schlurften, erschöpft von der Arbeit auf den Feldern und in steter Angst, von marodierenden Soldaten dahingemetzelt zu werden? Kann sein, denn die Röth-Linde vor Gut Nederling, benannt nach dem Landschaftsmaler Philipp Röth, der Jahrhunderte später unter ihr mit seiner Staffelei saß, gilt als einer der ältesten Bäume Münchens. Sie stand vielleicht schon, als vor mehr als 350 Jahren das ganze Land darniederlag, verwüstet vom Krieg und der unerbittlichen Pest.

Der süßliche Geruch jedoch, der am 5. Oktober 1648 im Nordwesten Münchens die Luft erfüllt, ist ein Zeichen des Todes. Hunderte Soldatenleiber liegen unter den Eichen im Kapuzinerhölzl. Viele der Toten sind unter ihren Pferden begraben, auf denen sie gerade eben noch im Galopp auf morastigen Wegen entkommen wollten.

Es ist die letzte Schlacht des Dreißigjährigen Krieges, der am 23. Mai 1618 damit begann, dass die Protestanten beim Böhmischen Ständeaufstand die Statthalter des katholischen Landesherrn aus dem Fenster der Prager Burg warfen. Aus dem Religionskrieg entwickelt sich ein Ringen um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das ganz Europa erfasst. Und da der Bayern-Herzog Maximilian I. neben dem Kaiser die prägende Gestalt der Katholischen Liga ist, bleibt Bayern nicht lange vom Krieg verschont. Anfangs siegen die Kaiserlichen, feiern am 8. November 1620 in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag einen großen Sieg gegen das böhmische Ständeheer. Kurz darauf fällt die protestantisch geprägte Oberpfalz an Bayern, Maximilian I. steigt, nun schon 50 Jahre alt, zum Kurfürsten auf und setzt mit Hilfe der Jesuiten die Rekatholisierung seiner neuen Gebiete durch.

Das Kriegsglück wendet sich, als der schwedische König Gustav II. Adolf mit seiner Armee am 6. Juli 1630 auf Usedom landet. Knapp zwei Jahre später steht er vor München. Der Hofstaat hat sich aus dem Staub gemacht, mitsamt der Staatskasse. Weil die Stadtmauer noch lückenhaft ist, erscheint es den Bürgern aussichtslos, sich auf eine Belagerung einzulassen. Auf Knien überreichen ihre Honoratioren dem Schweden-König die Schlüssel der Stadt.

Am 17. Mai 1632 zieht Gustav Adolf mit drei Regimentern in die Stadt ein. Die Bürger müssen zähneknirschend hinnehmen, dass der Schwede die Stadt nur verschont, wenn er dafür 300 000 Reichstaler erhält. Das ist viel Geld, mehr als ein Drittel der schwedischen Steuereinnahmen eines Jahres, wie Manfred Peter Heimers vom Stadtarchiv München ausgerechnet hat. Und München muss akzeptieren, dass der König als Faustpfand 42 Geiseln nimmt, die er nach Augsburg verschleppt. Erst zwei Jahre später werden sie befreit.

Gustav Adolf zeigt sich als großmütiger Sieger und rühmt die Stadt, mit Blick auf das verwüstete Umland, als "goldenen Sattel auf dürrer Mähre". Er bleibt aber nicht lange, sein fähigster Gegner, Albrecht von Wallenstein fordert ihn heraus. In der Schlacht bei Lützen verliert Gustav Adolf am 6. November 1632 sein Leben, mit 38 Jahren. Zwei Kugeln treffen den "Löwen aus Mitternacht", er stürzt aus dem Sattel und wird von seinem Pferd mitgeschleift. Dann wuchtet ihm ein kaiserlicher Soldat den langen Panzerstecher durch das Koller aus Elchleder, andere reißen dem toten König die Rüstung vom Leibe, lassen ihn nackt auf dem Schlachtfeld zurück, zwischen tausenden von Toten.

Das ist das Schicksal vieler Menschen in dieser Zeit. Die Truppen beider Seiten wüten nicht nur auf dem Schlachtfeld, sie verwüsten auch das Land. Der lange Krieg hat die Soldaten verrohen lassen. Maurus Friesenegger, seit 1640 Abt von Kloster Andechs, schildert die Schrecken des Krieges in seinem Tagebuch: "Seitdem die Kaiserlichen eingerückt und hauptsächlich den Distrikt zwischen der Isar und dem Lech besetzt halten, wünscht Jedermann die noch besseren Schweden." Oberbayern verliert mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung. Die Soldateska wütet, und Abt Friesenegger konstatiert: "Solche Bestien macht der anhaltende Krieg aus den Menschen."

Die Wohlhabenden flüchten Richtung Süden, die Menschen aus dem Umland suchen den Schutz der Stadt: "Es war eine schaudernde Confusion und Lamentation und in allen Gassen und vor den Toren, ein fürchterliches Gedränge von Mensch und Viehe, wobei die Reichen ihre Reichtümer auf geladenen Wägen hinaus und die Armen ihre Armut auf blutenden Rücken hinein schleppten", notiert der Abt. Diejenigen, die es in die Stadt schaffen, bestaunen auf dem Marktplatz die Mariensäule, die Maximilian I. im November 1638 errichten ließ als Dank dafür, dass München und Landshut die Zerstörung erspart blieb.

Aber noch ist die Gefahr nicht gebannt. Obwohl in Münster und Osnabrück die Verhandlungen zum Westfälischen Frieden laufen, geht der Krieg weiter. Im Frühjahr 1648 fügen die Schweden und die (katholischen) Franzosen den Truppen von Kurfürst Maximilian I. bei Zusmarshausen eine weitere schwere Niederlage zu. Im Sommer 1648 schlagen die Schweden ihr Lager zwischen Landshut und Moosburg auf. Anfang Oktober machen sie sich plündernd zum zweiten Mal auf den Marsch Richtung München. Erwägen sie eine Attacke? "Ir Anschlag were, wie die Sag gangen, auf München gewest", notiert Frater Ludwig Rieger im Birgittenkloster Altomünster. Die Stadt verschanzt sich jetzt aber hinter breiten Wällen und mächtigen Bastionen.

Carl Gustav Wrangel, der schwedische Oberbefehlshaber, lässt es zunächst ruhig angehen. Der 35 Jahre alte Generalmajor mit ausgeprägtem Faible für Heroen (seine Söhne nennt er Hannibal, Augustus Gideon und Achilles) hat sein Hauptquartier bei Dachau aufgeschlagen, das die Schweden schon 1632 geplündert hatten. Am Morgen des 5. Oktober 1648 überkommt ihn die Jagdlust. Es ist neblig in den Wäldern zwischen den Dörfern Alla im Norden und Kemnaten weiter südlich, also etwa zwischen Allach und Nymphenburg. Wrangel wird von seinen Dragonern und Lanzenreitern geschützt. Im Jagdeifer bemerken sie nicht, dass die kaiserlich-bayerischen Truppen im Anmarsch sind. Sie ziehen, unter dem Oberbefehl von Feldmarschall Octavio Piccolomini, von München aus Richtung Dachau. Die Truppen werden befehligt vom General der Kavallerie Johann von Werth, dem kaiserlichen Feldmarschall Graf Montecuccoli und dem bayerischen Feldmarschall Adrian von Enkevort.

Der Angriff überrascht die Schweden, sie flüchten in Panik, viele versinken im sumpfigen Untergrund, etwa 200 von ihnen fallen im Kampf, etwa 1000 geraten in Gefangenschaft. General Wrangel verliert seinen vergoldeten Degen und flüchtet zu Fuß. Er soll nur deshalb entkommen sein, weil er einem flüchtenden Hirsch folgte, der einen Weg durch den Sumpf fand.

Im Auftrag von Piccolomini, der als besonders kunstsinnig galt, schuf der flämische Maler Pieter Snayers ein großformatiges Gemälde der Schlacht, mit dem Titel "Die Affäre bei München" (zu jener Zeit pflegte man Schlachten auch als "Affären" zu bezeichnen). Piccolomini gab Snayers für "Die Affäre bei München" nicht nur die Bildgröße vor, sondern stellte auch klar, wie die Truppen darzustellen seien.

Der Maler postiert Piccolomini auf einen (erfundenen) Feldherrnhügel, von wo er seine Befehle gibt und die kaiserlich-bayerischen Schwadronen ausschwärmen lässt, auf der Jagd nach den Schweden. Die insgesamt zwölf Gemälde der Piccolomini-Serie, die seine größten Erfolge als Feldherr zeigen, sind heute im Heeresgeschichtlichen Museum Wien ausgestellt.

Hätte Wrangel das Gemälde "Die Affäre bei München" je zu Gesicht bekommen, hätte er es sicher genauso verbrannt wie alles, was ihm bei seinem Rückzug in den Weg kam. In Dachau stecken Schweden und Franzosen die Pfarrkirche nochmals in Brand. Knapp drei Wochen später ist der Krieg zu Ende, München und ganz Bayern atmen auf. Wrangel aber, der in Feuchtwangen die Nachricht vom Frieden vernimmt, trampelt wütend auf seinem Hut herum. Und das, obwohl sich für ihn der Krieg schon ausgezahlt hatte, er saß auf einem Privatvermögen von etwa einer Million Reichstalern. Der Krieg frisst seine Kinder und ernährt seine Herren.

Am Dienstag: Die Schlacht bei Hohenlinden 1800 ist ein Wendepunkt bayerischer Geschichte.

© SZ vom 08.09.2014

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