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Serie: Frauen machen Politik:"Wir sogenannten bürgerlichen Frauen sind noch am stärksten vertreten"

Bei der Landtagswahl am 12. Januar 1919, bei der erstmals Frauen wählen dürfen, erlitt Eisners Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) eine desaströse Niederlage. Die USPD gewann gerade mal drei Sitze, die acht Frauen, die den Sprung ins Parlament schafften, kandidierten für andere Parteien. Ellen Ammann, Aloisia Eberle, Marie von Gebsattel und Therese Schmitt saßen für die katholisch geprägte Bayerische Volkspartei (BVP) im Landtag, Emilie Maurer und Aurelie Deffner für die SPD sowie Käthe Günther und Rosa Kempf für die liberale Deutsche Demokratische Partei DDP.

Rosa Kempf, eine Landarzttochter aus Niederbayern, war Lehrerin und setzte sich insbesondere in puncto Familie und Arbeitswelt für die Rechte der Frauen ein. Auch sie hatte nach der Ausrufung des Freistaats dem Provisorischen Nationalrat angehört. Und dort war Kempf die erste Frau, die vor einem bayerischen Parlament eine Rede hielt. Dabei kritisierte sie, dass auch nach der Revolution die Frauen zu wenig in die politische Arbeit eingebunden seien. Sie vermisse Bäuerinnen im Gremium, ebenso Arbeiterinnen.

"Wir sogenannten bürgerlichen Frauen sind noch am stärksten vertreten. (. . .) Wir hatten auch einen Frauenrat gebildet, aber dieser Frauenrat erhielt hier keine Vertretung, ebensowenig wie der sozialdemokratische Frauenrat nicht zugezogen worden ist." Auch als Landtagsabgeordnete machte sie sich für Fraueninteressen stark, doch genug Zeit, ihre Forderungen durchzusetzen, hatte sie nicht. Bei der vorgezogenen Landtagswahl im Juni 1920 scheiterte ihre Kandidatur. In der NS-Zeit wurde Rosa Kempf, die bis dahin als Dozent für Nationalökonomie arbeitete, kaltgestellt. Sie starb 1948 in einem Pflegeheim bei Darmstadt.

Ellen Ammann

Ellen Ammann

(Foto: OH)

Ellen Ammann, 1870 in Stockholm geboren, war eine Pionierin der katholischen Frauenbewegung. Sie studierte in ihrer Heimatstadt Heilgymnastik, wobei sie den Münchner Mediziner Ottmar Ammann kennenlernte und heiratete. In München engagierte sie sich unter anderem im "Marianischen Mädchenschutzverein" und in der Bahnhofsmission, die sich um Mädchen vom Land kümmerte, welche zur Arbeitssuche in die Stadt kamen. Im Gegensatz zu Pazifistinnen wie Lida Heymann, Anita Augspurg oder die Münchner Zoologin Margarethe Selenka war Ellen Ammann durchaus kriegsbegeistert.

Und obwohl sie dem Frauenstimmrecht ehedem eher skeptisch gegenübergestanden hatte, kandierte sie im Januar 1919 für den Landtag und wurde gewählt. Dreizehn Jahre lang saß sie dort auf den Fraktionsbänken der BVP, in ihren Reden setzte sie sich besonders für die Jugendfürsorge, Wohlfahrtspflege sowie ein verbessertes Gesundheitswesen ein - das alles auf konservativer Basis. Am 22. November 1932 brach sie nach einer Rede im Landtag zusammen und starb noch in derselben Nacht.

Weitaus radikaler war die Münchner Bäckerstochter Hedwig Kämpfer, die eine führende Rolle in der USPD spielte und zwischenzeitlich aus Bayern ausgewiesen wurde. Kämpfer gehörte zu den Gründerinnen des "Bundes Sozialistischer Frauen", der sich Ende 1918 in München konstituierte. Im Revolutionstribunal, das während der ersten Rätepublik am 10. April 1919 eingerichtet wurde, war Hedwig Kämpfer die einzige Richterin unter 27 Männern. Ihrem Vorsatz, keine Todesurteile zu fällen, blieb sie treu; bei Gerichtsverhandlungen, schrieb Lida Heymann, habe sie "mit ernster Entschiedenheit, der nie warme Menschlichkeit fehlte", agiert.

Lida Gustava Heymann

Lida Gustava Heymann

(Foto: dpa)

Nach der blutigen Niederschlagung der Revolution wurde Hedwig Kämpfer verhaftet, doch bereits im Juni 1919 war sie offenbar wieder frei und kandidierte auf der Liste der USPD für den Stadtrat. Kämpfer errang ein Mandat, übrigens ebenso wie die Sozialpolitikerin und Frauenrechtlerin Luise Kiesselbach, die für die DDP kandidiert hatte, von 1913 bis 1929 Vorsitzende der Vereins für Fraueninteressen war und in der Wohlfahrtsarbeit große Verdienste erwarb. Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, floh Hedwig Kämpfer mit ihrem Mann nach Paris. Dort starb sie am 6. Januar 1947 an einer Kohlenmonoxidvergiftung, offenbar verursacht von einem defekten Küchenherd.

Während des Zweiten Weltkriegs war Kämpfer in ein Internierungslager nahe der spanischen Grenze deportiert worden. Dort wurde sie krank, und als sie ein deutscher Beamter fragte, was er mit ihr anfangen solle, sagte sie laut dem Bericht einer Zeugin: "Liegen lassen sollen S' mich! Und wenn ich schon verrecken soll, dann lieber hinter französischem als hinter deutschem Stacheldraht (. . .) Wir sind Frankreich zu Danke verpflichtet, dass es so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, wie kein anderes Land in Europa."

Damals und heute - in der nächsten Folge diskutieren Sabine Csampai, von 1990 bis 1996 Bürgermeisterin in München, und die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen Jamila Schäfer über Frauen in der Politik.

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