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Serie: Frauen machen Politik:Vorkämpferinnen der Freiheit

Friedenskundgebung auf der Theresienwiese in München, 1918

Bei einer Kundgebung am 7. November 1918 auf der Theresienwiese fordern die Menschen den Rücktritt des Kaisers - darunter viele Frauen.

(Foto: SZ-Photo)

Während des Ersten Weltkriegs begannen sich in München die Frauen zu politisieren. Mit der Einführung des Wahlrechts zogen etliche von ihnen in die Parlamente ein.

In seinen Erinnerungen an den Revolutionär Felix Fechenbach, die im November 1968 posthum in der Süddeutschen Zeitung erschienen, berichtete der Schriftsteller Oskar Maria Graf über die Atmosphäre im Münchner Wirtshaus "Goldener Anker" während des Ersten Weltkriegs. "In dieser kleinen Gastwirtschaft begann buchstäblich die bayrische Revolution. Was saß denn da neben dem grauhaarigen, bebrillten, immer belebten, immer geistreichen Kurt Eisner?

Vier oder fünf ganz Getreue, rundherum etliche oppositionelle SPD-Proleten, USPDler, Intellektuelle und vor allem kriegsmüde Proletarierinnen, Frauen mit ausgelaugten Gesichtern, zerarbeiteten Händen und entschlossenen Augen. Sie waren eigentlich die Nüchternsten, die Mutigsten. Sie arbeiteten in den Granatfabriken, waren Straßenbahnschaffnerinnen, schufteten sonst wo und erzählten von ihren Nöten, von den Schwierigkeiten der Agitation unter ihren Kolleginnen, und sie machten Vorschläge. (. . .) Sie waren die ersten, die in München, in jenem grauenvollen Kriegswinter, die ersten Hungerdemonstrationen wagten."

Tatsächlich waren es vor allem Frauen, die sich schon in den ersten Kriegsjahren für den Frieden engagierten, mutige Pazifistinnen wie die Lehrerin Marie Zehetmaier, die wegen ihres politischen Engagements aus dem Schuldienst entlassen und in die "Irrenanstalt" Eglfing-Haar eingewiesen worden war. Weil die Männer im Krieg waren, übernahmen häufig Frauen ihre Arbeitsplätze, nicht zuletzt auch in der Rüstungsindustrie. Die Erfahrungen, die sie dort sammelten, Erfahrungen der Solidarität und des Zusammenwirkens, ermutigten sie, sich politisch zu engagieren.

Anita  Augspurg, 1899

Die Frauenrechtlerin Anita Augspurg sitzt in ihrem Münchner Haus.

(Foto: SZ Photo)

Die Sorge um ihre Männer und Söhne an der Front sowie die zunehmende Lebensmittelknappheit machten viele Frauen allmählich immun gegen die Kriegspropaganda und den Hurrapatriotismus im Kaiserreich. Bereits im Sommer 1916 versammelten sich Frauen auf dem Marienplatz zu ersten Hungerprotesten. Gut ein Jahr später, am 14. August 1917, schrieb der Stadtchronist: "Am Nachmittag sammeln sich trotz der wiederholten polizeilichen Warnungen und ernsten Abmahnungen in der Presse neuerdings Frauen auf dem Marienplatz. Da sie von dort weggewiesen werden, ziehen sie zum Regierungsgebäude, von dem sie durch ein größeres Schutzmannaufgebot in kurzer Zeit ohne besondere Vorkommnisse zerstreut werden." Besonders verdächtig waren der Obrigkeit die Feministinnen Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann, die sich mit außerordentlichem Engagement für den Frieden einsetzten.

Anita Augspurg, die das Fotoatelier Elvira mit seiner berühmten Jugendstilfassade in der Von-der-Tann-Straße führte, und Heymann waren auch bedeutende Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht. In ihrem Buch "Sozial bis radikal" schreibt Adelheid Schmidt-Thomé über eine Demonstration, die die beiden Feministinnen während des Frauenstimmrechtskongresses 1912 in München veranstalteten: "Sie organisierten einen Korso mit 20 Kutschen, in den Farben der Suffragetten (weiß, purpur, grün) geschmückt, und fuhren durch die Stadt bis zum Englischen Garten. Die Frauen hatten daran viel Freude, die Stadt nahm das Ganze wohlwollend zur Kenntnis, aber die große Wirkung blieb aus."

Luise Kiesselbach

Luise Kiesselbach

(Foto: SZ-Photo)

Es dauerte noch sechs Jahre, bis Frauen wählen und gewählt werden durften, und dazu war eine veritable Revolution nötig. Gewiss, die Köpfe der Revolution vom November 1918 waren zumeist Männer, nicht zu unterschätzen ist jedoch die Rolle, die die 1882 als Tochter jüdischer Eltern in Warschau geborene Sonja Lerch im Vorfeld des Umsturzes spielte. Die hochgebildete kosmopolitische Frau hatte mit Kurt Eisner und anderen Revolutionären den Streik der Arbeiter der Münchner Rüstungsbetriebe im Januar 1918 organisiert, sie trat als Rednerin gegen die Kriegspolitik und für die Interessen des Proletariats auf. Nach dem Zusammenbruch des Ausstands wurde sie wegen Landesverrats verhaftet, am 29. März fand man sie erhängt in der Isolierzelle des Gefängnisses Stadelheim auf. Ob sie tatsächlich Selbstmord begangen hatte, wie es offiziell hieß, haben die Behörde nie ernsthaft untersucht.

Im Vorwort ihres Buchs "Brotmarken und rote Fahnen", in dem es um die Frauen in der bayerischen Revolution geht, richtet Christiane Sterndorf-Hauck den Blick auf ein berühmtes Foto, das die Friedensdemonstration am 7. November 1918 auf der Theresienwiese zeigt, die der Auftakt zur Revolution war: "Auf dem Foto sind ungewöhnlich viele Frauen zu sehen, jedenfalls gemessen an der Zeit und dem Anlass: einer politischen Demonstration, die wenig später mit dem Sturz einer ganzen Gesellschaftsordnung enden sollte, der bayerischen Monarchie."

Antonie Pfülf

Toni Pfülf

(Foto: SZ-Photo)

Dem gleich nach der Revolution gegründeten Provisorischen Nationalrat, einer Art Übergangsparlament, gehörten acht Frauen an, unter ihnen Anita Augspurg, Aloisia Eberle für die christliche Gewerkschaft, Hedwig Kämpfer für den Landesarbeiterrat und Luise Kiesselbach als Vertreterin des Rats geistiger Arbeiter. Die Präsenz von ein paar weiblichen Abgeordneten im Nationalrat darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die revolutionären Gremien männlich dominiert waren. Die Sozialdemokratin Toni Pfülf, später Abgeordnete im Reichstag, beklagte sich im Dezember 1918 beim Arbeiter- und Soldatenrat: "Auch heute sehe ich nur fünf Frauen im ganzen Arbeiterrat. Das kann so nicht gehen. Wenn Sie eine Frau nicht als totes Gegengewicht gegen die Revolutionierung haben wollen, so müssen Sie die Frau politisieren."