Serie "Buch oder Byte" Das Glück des Findens

Bei ihrem Einstieg ließen sie die Branche aufhorchen: die Hanser-Lektoren Martin Kordić (links) und Florian Kessler.

(Foto: Catherina Hess)

Die jungen Hanser-Lektoren Martin Kordić und Florian Kessler über ihre neue Aufgabe

Interview von Antje Weber

Diese Nachricht ließ die Branche aufhorchen: Martin Kordić (31) und Florian Kessler (33) verstärken beim Hanser Verlag künftig das Lektorat für deutschsprachige Literatur. Kordić war zuvor Lektor bei Dumont und wurde gerade mehrfach für seinen Debütroman "Wie ich mir das Glück vorstelle" ausgezeichnet; Kessler hat unter anderem als Literaturkritiker eine Debatte über konforme Arztsohn-Literatur provoziert und ein Buch über "Mut Bürger" veröffentlicht - bei Hanser.

SZ: Warum treten Sie als Doppelpack an?

Martin Kordić: Die Gespräche hatten sich so entwickelt. Wir haben ja vor Jahren bei der Literaturzeitschrift Bella Triste schon kurz zusammengearbeitet. Ich fand die Idee gut und wollte mich drauf einlassen.

Florian Kessler: Ich komme ja von außerhalb, und für mich ist das großartig. Auch die Vorstellung, dass es hin- und hergehen kann, vielleicht mehr Brainstorming gibt.

Kordić: Im Idealfall schaukelt sich das gegenseitig hoch.

Muss man zum Lektor geboren sein? Herr Kordić, Sie sind gleichzeitig Schriftsteller. Herr Kessler, Sie sind Literaturkritiker. Wie wollen Sie das künftig verbinden?

Kordić: Ich will so weitermachen wie bisher. Ich habe immer geschrieben, und das Lektorieren kam durch das Studium und die Zeitschriften-Arbeit dazu - bevor ich mir richtig bewusst war, dass ich da Lektoratstätigkeiten mache. Ich habe das Gefühl, dass dieses Schranken-Denken, wer was macht, in der Literatur, viel, viel stärker ist als in anderen Kunst-Disziplinen wie Musik oder Theater. Ich denke, dass sich das eher befruchtet.

Kessler: In diesem "Dazu sollte man geboren sein" steckt ja auch ein bestimmtes Bild vom Lektor drin: der diskrete Kritiker, so ein bisschen Eckermann. Viele der Lektoren, die ich kenne, verhalten sich ganz anders. Heutzutage geht es viel um Diskussion, um mitmachen, einander kennen. Ich kenne viele Leute, die verschiedene Sachen machen, die nicht in das Berufsbild passen - und so will ich das auch halten.

Inwieweit verändert sich also das Berufsbild Lektor?

Kordić: Ich mache das ja erst seit sechs Jahren. Die Veränderung merke ich, wenn ich mit Kollegen spreche, die schon länger dabei sind und noch andere Geschichten und Abläufe erzählen. Ich habe das Gefühl, dass Produktionsprozesse und künstlerische Begleitung früher ruhiger waren, nicht so hektisch - auch im Buchhandel und in der Presse. Die Taktung, die Aufregung erfolgt in kürzeren Zyklen.

Spielt da auch die höhere Schnelligkeit durch die Digitalisierung hinein?

Kessler: Allgemein wird Öffentlichkeit immer wichtiger, weil durch die Digitalisierung immer mehr Leute teilnehmen können. Heute debattiert auch ein Theater-Dramaturg, den man früher nicht bemerkt hat, über Facebook mit. Das ist ja erst mal eine sehr schöne Entwicklung. Auch Verlage geben nicht mehr nur die Bücher bei der Buchhandlung ab, sondern unternehmen viel mehr, um mitzudiskutieren. Das wird auch den Beruf des Lektors verändern.

Wo sehen Sie Ihre Rolle, was wird bei Hanser von Ihnen erwartet?

Kordić: Dass wir das bestehende Programm und die Tradition des Hauses weiter begleiten und gleichzeitig auch neue Stimmen ins Programm bringen.

Kessler: Hanser hat ja eine besondere Position dadurch, dass es bereits einen tollen, großen Stamm an Autoren hat. Mit Wolfgang Matz als Lektor und zuerst Michael Krüger und jetzt seit kurzem Jo Lendle als Verleger ist im Programm für deutschsprachige Literatur über die Jahre hinweg unglaublich viel geschehen. Es geht also gar nicht darum, sofort alles neu aufzubauen, sondern das erst einmal mitzupflegen. Und sich dann gemeinsam mit den anderen zu überlegen, was noch dazukommen kann. Natürlich werden wir eher für die jüngeren Autoren zuständig sein.

Wo wollen Sie denn die neuen Stimmen finden? Sie haben beide in Hildesheim Literatur studiert - fahren Sie da künftig als suchende Lektoren hin?

Kordić: Ich werde so weitersuchen wie bisher, nicht gezielt auf einen Ort oder ein Medium beschränkt. Sondern eher dauerhaft beobachten, über Literaturzeitschriften, auf Wettbewerben, in Hildesheim, Leipzig. . . Aber es kann auch mal sein, dass man zum Beispiel einen kleinen Text in einem Programmheft eines Theaters liest - wenn mich der bewegt, dann entstehen Gespräche, bei denen es zwei, drei Jahre dauert, bis man überhaupt über einen Roman spricht. Das ist der Weg, wo ich selbst aktiv werde. Der andere ist, dass natürlich auch sehr viel über Agenturen ins Haus kommt und man sich das gut anschaut.

Kessler: Was mir daran gut gefällt, ist: Überraschbarkeit herstellen. Die Membrane aufmachen und auch abseits der ausgetretenen Wege gucken.

Kordić: Ja, permanent mit offenen Augen durch die Welt gehen und auf sich selbst hören, wo man selbst drauf anspringt. Wo man sieht, etwas hat einen besonderen Witz oder da steckt eine Geschichte drin.

Worauf springen Sie jeweils an? Was ist für Sie heute gutes Erzählen?

Kessler: Für mich gibt es nicht das eine gute Erzählen. Es geht darum, den Blickwinkel zu erweitern und viele Stimmen zuzulassen, Vielheit und Buntheit herzustellen. Ich werde immer misstrauisch, wenn es heißt, dass es gerade die eine große Strömung gebe - ich finde, das muss aktiv durch Lektorate verhindert werden!

Kordić: Natürlich hat man, sobald man in einem Verlag arbeitet, einen professionellen Blick auf Erzählkonzepte. Doch was mich als Leser eines Textes berührt, das kann ich gar nicht so genau analysieren. Ich kann nur feststellen, dass die Bücher der Autoren, mit denen ich zusammengearbeitet habe, sehr unterschiedliche Zugriffe haben - sei es ein 1000-seitiger Deutschland-Familienroman oder ein kurzer Text, der poetisch mit Sprache arbeitet.

Gibt es denn Themen, die Sie als junge Lektoren besonders interessieren?

Kessler: Vielleicht ist da ein Unterschied zwischen uns beiden: Unterhaltsame Texte finde ich oft gar nicht so unterhaltsam. Ich möchte schon, dass es auf irgendeine Weise gesellschaftliche Relevanz entfaltet. Und das würde ich gar nicht so sehr an Themen festmachen, sondern an Formen. Der Roman entwickelt sich - zum Beispiel in David Wagners "Leben" - ja immer mehr in Richtung Non-Fiction. Das ist auch bei der digitalen Hanser-Box so, für die ich bereits Texte bearbeitet habe: Da weiß man manchmal gar nicht so genau, was das ist - literarische Schilderung? Essay?

Kordić: Ich kann es nur abstrakt halten: Ein Text springt mich nur dann an, wenn ich das Gefühl habe, dass es darin um alles geht. Dass die Erzählstimme mit einer solchen Energie oder Kraft aufgeladen ist, dass ich das Gefühl habe, hier schreibt einer um sein Leben. Da ist mir egal, ob das hochliterarisch ist oder poetisch oder unterhaltsam. Solange ich diese Kraft spüre und sie mich mitreißt, bin ich gefangen.

Kurzum: Wie stellen Sie sich das Glück als Lektor vor?

Kessler: Also, ich war auch vorher glücklich. Aber das Feng Shui oder das Karma hier bei Hanser ist wirklich sehr, sehr gut: Meine Vorstellung des Glückes ist also bereits erreicht. Und ich stelle mir auch so ein Finde-Glück vor: dass man zur richtigen Zeit das richtige Werk findet, die richtige Person. Dass alles sich fügt und alles passt.

Kordić: Das größte Glücksmoment ist für mich, wenn man schon früh mit einem Autor arbeitet, ohne dass es jemand mitbekommt, und das ist dann fertig und findet Bestätigung: Das ist ein schöner Moment.

Nächste Folge: Piper-Verlag