Süddeutsche Zeitung

Serie "Alte Meister":Bestformer

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Der gebürtige Rumäne Kurt Szilier verpasste als Turner seine besten Jahre. Nach seiner Flucht fand er in der Bundesrepublik zwar offene Türen vor, aber keine Konzepte für die Förderung von Talenten. Von seinen Erfahrungen profitieren heute Spitzenathleten wie Marcel Nguyen

Von Stefan Galler

Ein Donnerstagnachmittag in der Sporthalle des Landesleistungszentrums an der Höglwörther Straße: Etwa ein Dutzend Kinder sind an den Turngeräten zugange, alle zwischen neun und 13 Jahre alt. Mittendrin steht ein Mann und gibt seine Anweisungen. "Jetzt kann ich es", sagt ein kleiner drahtiger Kerl mit für sein Alter erstaunlich definierten Armmuskeln. Kurt Szilier, der Landestrainer des Bayerischen Turn-Verbandes, nickt wohlwollend. Dem Drahtigen sagt er: "Übe es noch ein paar Mal, dann schaue ich es mir an." Ein anderer junger Athlet fragt nach, ob er jetzt Felgen am Barren trainieren soll. "Ja, das kannst du alleine."

Szilier, 59, in Rumänien geboren, ist Respektsperson, aber auch Kumpel und Lehrer für die jungen Turner. Und er kann einen Erfolg aufweisen, der ihm das größtmögliche Vertrauen seiner Talente sichert: Er hat Marcel Nguyen zu einem Weltklasse-Athleten geformt, der dank der Arbeit mit Szilier zwei olympische Silbermedaillen gewonnen hat. In Rio sollen weitere folgen. Deshalb ist es auch etwas ganz Besonderes, wenn der Star mal wieder im Leistungszentrum trainiert, so wie im Vorjahr. "Bevor er wieder zur Bundeswehr zurückgegangen ist, war er anderthalb Jahre sehr oft bei uns", sagt Szilier. "Für alle Nachwuchsleute, die bei mir trainieren, ist es ein absolutes Highlight, wenn so ein Mann gleichzeitig in der Halle ist."

Nguyen war nach seinem Kreuzbandriss im Herbst 2014 sozusagen vorübergehend zurück nach Hause gekommen. "Er wirkte damals schon sehr geknickt", sagt Szilier, "da musste ich ihn ein bisschen aufbauen". Seit seinem neunten Lebensjahr trainiert Nguyen bei Szilier. Damals hatte Richard Hörle, Trainer in Nguyens Heimatverein TSV Unterhaching, den Buben beim Landestrainer empfohlen. "Ich habe schon bald gesehen, dass er großartiges Potenzial hat", sagt Szilier. Das gelte aber auch für Lukas Dauser, der wie sein Klubkollege bei den Olympischen Spielen in Brasilien an den Start geht: "Zwei meiner Jungs bei Olympia, das ist schon eine tolle Sache."

Er selbst wird nicht nach Brasilien fliegen. Das geht schon alleine deshalb nicht, weil Sziliers Anwesenheit in München vonnöten ist. Praktisch täglich steht er entweder an der Höglwörther Straße oder in der Sportarena in Unterhaching an den Geräten. Und an jedem Trainingstag stehen drei Schichten mit den verschiedenen Altersklassen auf dem Plan: vormittags, nachmittags, früher Abend. Dazu kommen Sichtungen, Lehrgänge und zahlreiche Wettkämpfe, zumeist am Wochenende. Die enorme Belastung der wenigen hauptamtlichen Übungsleiter im deutschen Sport - ein Thema, bei dem sich der Turnlehrer in Rage reden kann: "Der Beruf des Trainers ist doch hierzulande gar nicht existent. Wenn man diesen Job nicht attraktiver gestaltet, so dass gute ehemalige Sportler Interesse bekommen und davon leben können, wird es mit den meisten Sportarten in Deutschland bergab gehen", wettert Szilier. Man spare da an der falschen Stelle. Das Formen von Talenten passiere an der Basis, in den Vereinen, und genau dort gebe es praktisch keinerlei staatliche Unterstützung. Wenn dann doch einmal Talente mit Perspektive den Weg an die Spitze schafften, sei das "purer Zufall".

Mittlerweile unterstützen ihn beim Fördertraining für die Besten des Freistaates immer öfter junge Trainer, etwa vom USC München oder TSV Unterföhring. Auch an diesem Nachmittag sind zwei ehrenamtliche Coaches mit in der Halle. Nur deshalb kann sich Szilier die Zeit für ein Interview nehmen. Und er kommt immer mehr in Fahrt, erzählt etwa von seiner nächsten großen Entdeckung, Felix Remuta, 18, wie Nguyen und Dauser aus den Reihen des TSV Unterhaching, auch er mit großem Potenzial gesegnet. "Jetzt beginnt für ihn das harte Leben", sagt der Trainer und meint den bevorstehenden Übergang vom Schüler- zum Männerturnen. Wenn er diese Phase gut überstehen sollte, dann sei der Weg für Remuta in die internationale Klasse durchaus möglich.

Kurt Szilier weiß, wovon er redet. Schließlich zählte er seinerzeit selbst zu den besten Turnern der Welt. Sein Karrierehöhepunkt war die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau 1980, als er mit der rumänischen Riege im Mannschaftsmehrkampf den vierten Rang belegte. Zwei Pünktchen fehlten zu Bronze, das sich damals die Ungarn schnappten. In der Mehrkampf-Einzelwertung belegte Szilier Rang 14. "Es waren halt die Boykottspiele", sagt Szilier fast entschuldigend. Die Platzierungen seien auch deshalb so gut ausgefallen, weil einige große Turnnationen damals aus Protest gegen die russische Invasion in Afghanistan fehlten. Dennoch denke er gerne an die Spiele zurück. Und er konnte diese Erfolge bestätigen, wurde 1981 Studentenweltmeister im Mehrkampf, mit der Mannschaft und am Pauschenpferd. Im selben Jahr holte er an diesem Gerät Silber bei der Europameisterschaft.

Szilier, der aus der westrumänischen Stadt Lugoj stammt und schon als Gymnasiast in die Kaderschmiede des Ceauşescu-Regimes in der Hauptstadt Bukarest eingegliedert wurde, war als Deutscher aus dem Banat jahrelang weitgehend von Wettkämpfen im Westen ferngehalten worden. "Man fürchtete, ich würde mich absetzen", sagt er. Tatsächlich nutzte Szilier 1982 einen Wettkampf in Deutschland, um sich von der Nationalmannschaft zu entfernen. Er kam bei Bekannten in Frankfurt am Main unter, knüpfte sogleich Kontakt zum Deutschen Turner-Bund (DTB). Weil er Deutsch konnte, ging es auch mit der Einbürgerung schnell voran. Dennoch litt Szilier unter den Veränderungen: "Es war damals nicht leicht für mich. Plötzlich standen mir alle Türen offen, das musste ich erst einmal verkraften", sagt er. Persönlich mag er sich frei gefühlt haben. Seinen "Beruf" konnte er jedoch wegen einer dreijährigen Sperre, die der rumänische Verband beim Weltverband erwirkte, nicht ausüben: "Ich war damals 25 Jahre alt, habe somit eigentlich meine besten Jahre als Turner verloren." Immerhin durfte er 1984 bei den deutschen Meisterschaften starten - er sicherte sich vier Titel, nämlich im Mehrkampf, an Ringen, Barren und Reck.

Und dann war da noch die Romanze mit Nadia Comăneci, der damals weltbesten Turnerin, die 1976 und 1980 insgesamt neun olympische Medaillen gewonnen hatte, davon alleine fünf goldene. Szilier, der heute mit Frau und Tochter in München lebt, konnte dem bis heute größten rumänischen Sportstar über seine Fluchtpläne nichts erzählen, zu sehr stand das prominente Pärchen unter Beobachtung des Staatsapparats. Nachdem er sich in den Westen abgesetzt hatte, soll Comăneci in eine Lebenskrise gestürzt sein, von der sie sich erst durch ihre eigene Flucht 1989 in die USA erholen konnte. Mit Kurt Szilier hatte sie nie wieder Kontakt.

Bisher erschienen: Andrea Eisenhut (23.7.)

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SZ vom 28.07.2016
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