bedeckt München 18°

Seniorenheim für Schwule:"Nicht mehr verstecken"

Bloß nicht ins Altersheim, hatten die meisten Schwulen bei der Frage zur Gestaltung ihres Lebensabend geantwortet. Nun soll in München das erste Wohnprojekt für homosexuelle Senioren entstehen.

Der 80-jährige Rentner begleitet seinen Besucher zur Hintertür eines Münchner Altersheims. Direkt unter der Videokamera bleibt er stehen - und gibt dem Freund einen Kuss. "Er wollte sich nicht mehr verstecken", sagt der Gründer der Initiative "Gay & Gray", Theo Kempf.

(Foto: Foto: AP)

Doch meistens blieben schwule Senioren stumm, wenn ihre Mitbewohner stolz von den Enkelkindern erzählten. "Sie haben Angst, ausgegrenzt zu werden", berichtet der 59-Jährige mit den kurzen, grauen Haaren. Deshalb soll es in München bald eine Wohngemeinschaft eigens für schwule Senioren geben.

Sieben pflegebedürftige Homosexuelle - mit und ohne HIV - sollen ab April 2008 gemeinsam in einer 260 Quadratmeter großen Wohnung leben. Die Münchner Aidshilfe hat das Projekt ins Leben gerufen. Zurzeit laufen die Umbauarbeiten: Jedes der Zimmer bekommt eine Nasszelle, am gemeinsamen Wohnzimmer wird ein Balkon angebaut.

"Das kostet insgesamt rund 180.000 Euro", sagt Aidshilfe-Sprecherin Diana Zambelli. Vor einigen Wochen kam die Zusage, dass die Stadt München 50.000 Euro dazuschießt. Der Rest wird über Stiftungen finanziert.

Den Anstoß für das Projekt gab laut Zambelli eine Studie, bei der Schwule und Lesben unter anderem die Frage "Wie will ich im Alter leben?" beantworten sollten. "Die meisten sagten: Bloß nicht ins Altersheim", berichtet sie. Zu groß sei die Angst, dort nicht mehr offen homosexuell sein zu können.

Dabei sei die Biografie im Alter von zentraler Bedeutung - gerade bei Demenz. Es sei wichtig, über Dinge zu sprechen, die der Mensch in seinem Leben gemacht habe. "Ohne persönlichen Bezug ist das schwierig", sagt Zambelli.

An den Planungen für das Wohnprojekt ist auch der Geschäftsführer vom Pflegeservice "Pro Vitalis", Andreas Kieckebusch, beteiligt. Auch er betont: "Vertrauen ist sehr wichtig." Die Senioren sollten über alles reden können, nichts verstecken müssen.

Gespräche spielten eine wichtige Rolle bei der psychosozialen Betreuung. Da sei ein "gemeinsamer Kontext" von Vorteil, glaubt Kieckebusch. Deshalb will er den Rentnern eigens einen schwulen Pfleger schicken.

Doch bislang haben erst drei Männer Interesse an dem Wohnprojekt bekundet. Nach Angaben von Kempf leben Schwule im Alter oft sehr zurückgezogen. Viele hätten keine Familie, seien einsam. "Es ist schwer, an sie ranzukommen", sagt er.

Ihre Lebensgeschichte spielt dabei eine große Rolle: Die ältere Generation habe noch die Verfolgung von Homosexuellen unter den Nationalsozialisten erlebt. Doch auch später unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und dem bayerischen Staatssekretär Peter Gauweiler (CSU) hätten sie ein schweres Los gehabt.

"Der Paragraf 175 war bis in die 70er Jahre gültig", erinnert sich Kempf, der auf dem Land sehr katholisch erzogen wurde und lange Jahre brauchte, um zu seiner Homosexualität zu stehen. "Männer kamen ins Gefängnis, weil sie schwul waren", berichtet er. Diese Erfahrungen hätten Spuren hinterlassen.

Kempf kritisiert jedoch, dass viele Schwule sich nicht mit dem Alter auseinandersetzen wollten. "Es gibt eine große Abwehr gegen das Thema", sagt er. Er glaubt, dass fehlende "schwule Altersbilder" ein Grund dafür sind. Das Ideal von Oma und Opa mit vielen Enkelkindern gilt für sie nicht.

Im Fernsehen und der Werbung gibt es keine homosexuellen Rentner, das Bild von Schwulen ist schrill und jung. "Sie übernehmen keine Verantwortung dafür, wie sie später alt werden wollen", sagt der 59-Jährige. "Irgendwann ist es zu spät und andere bestimmen über sie."

In Hamburg, Köln und Berlin sind ähnliche Wohnprojekte geplant - alle nur für schwule Männer. Lesbische Frauen bräuchten keine Hilfe durch Institutionen, sagt Zambelli: "Sie organisieren sich selbst." In München gebe es längst eine WG mit lesbischen Seniorinnen.

© ddp
Zur SZ-Startseite