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Sendlinger Kletterhalle:Frischluft hat Vorrang

Das Kletter- und Boulder-Zentrum des Deutschen Alpenvereins in Sendling will expandieren - auf Kosten einer Grünfläche. Bei den Bürgern und im Bezirksausschuss regt sich Widerstand gegen dieses Projekt.

Ein guter Grund, eine Grünfläche zuzubauen, findet sich immer. Das war so, als die Idee erwogen wurde, den neuen Konzertsaal in den Finanzgarten der dicht bebauten Maxvorstadt zu verpflanzen, als es um ein Wohnprojekt für die Truderinger Unnützwiese ging oder als das "Sea Life Centre" in einen Hügel des Olympiaparks geschnitten wurde. Auch in Sendling gibt es ein solches Projekt - das Kletter- und Boulder-Zentrum des Deutschen Alpenvereins, dessen aufgrund der Boom-Sportart stetiges Wachstum schon vor zehn Jahren die Fachbehörden kritisch auf den Plan rief. Damals mussten die Eingriffe ins Grün kompensiert werden, nur so wurde der Konflikt aus der Welt geschafft.

Nun wollen die Kletterer wieder einmal expandieren - und wieder liegt ein sogenannter Kompromissvorschlag auf dem Tisch. Dass der Sportverein angesichts des Widerstands in der Bürgerschaft seine Zigtausende von Mitgliedern mobilisiert, um zumindest diese abgespeckte Erweiterung des Kletterparadieses zu unterstützen, ist zunächst einmal legitim. Dass verantwortliche Politiker die Erweiterung, womöglich wahlkampfgetrieben, so deutlich unterstützen, wie sie es zum Teil schon vor der Kompromisslösung getan haben, ist es nicht. Der Hinweis auf die Verbesserung von Sportmöglichkeiten in einer Stadt, die allzu viele Beschränkungen im Sport beklagt, auf die Fahrten ins Gebirge, die sich so vermeiden lassen, mögen zwar Argumente sein, die zu beachten sind.

Politik aber ist nicht nur und nicht immer Kompromiss. Sendling hat Probleme aufgrund seiner Dichte, und es wird noch dichter bebaut. Nur die nahe Isar stellt Erholungsraum zur Verfügung, Grün- und Frischluftzonen gibt es kaum noch. In die letzten vorhandenen Grünachsen hineinzubetonieren, ist deshalb kurzsichtig. Sie sind nicht beliebig vermehrbar, und allerorten werden sie angeknabbert - vom Hachinger Tal im Südosten bis nach Freiham im Westen.

Grünflächen und Frischluftzonen sind für die Allgemeinheit da. Ihren Wegfall dadurch zu kompensieren, dass irgendwo im näheren oder womöglich sogar im weiteren Umfeld ein brachliegender Acker zur Blumenwiese gemacht wird, hilft den Sendlingern nichts. Klettern ist dagegen nicht nur ein Sport, der zugegebenermaßen viele Freunde hat. Er ist für den Alpenverein auch ein Geschäft. Dass dem die Stadtviertelvertreter nicht einfach zustimmen wollen, ist verantwortungsvolle Politik. Auch wenn das am Ende nicht das letzte Wort sein sollte.

© SZ vom 04.03.2020

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