Sendling:Erst kam Pegida, dann der Verfassungsschutz

Jetzt will Giovanni C. hinschmeißen. Endgültig. Er überlegt, zurück nach Italien zu gehen mit seiner Frau, die Münchnerin ist. Die ganze Geschichte wird ihm mittlerweile unheimlich. Der Verfassungsschutz war nach SZ-Informationen mehrmals da, das Lokal steht offenbar unter Beobachtung, seit sich Pegida das Restaurant als Stammtisch ausgesucht hat.

Am 7. März beschmierten dann Unbekannte die Fassade des Hauses. "Nazis verpisst Euch", stand an der Hauswand. Schon am nächsten Tag hatte der Wirt das wieder überpinselt, aber Pegida Bayern machte am selben Tag mit einem Foto der Schmiererei fragwürdige Werbung für das Lokal: "Bitte geht mit euren Familien und Freunden, wenn ihr einen Wirt braucht, und überlegt euch dabei, wie wir dem Wirt noch helfen können! Der Wirt wird seit Januar unseretwegen systematisch genötigt und geschädigt."

Wird er das? Seit Mai vergangenen Jahres gibt es eine Initiative der städtischen Fachstelle gegen Rechtsextremismus und des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Sämtliche Münchner Wirte wurden angeschrieben, um sie über Angebote zur Unterstützung aufzuklären, wenn Extremisten in Münchner Lokalen Stammtische planen. "Wir bieten keinen Raum für rechtsextreme Propaganda", sagte damals der Wiesnwirt und stellvertretende Dehoga-Kreisvorsitzende Christian Schottenhamel.

Wirt müsste nicht an Pegida vermieten

"Wenn Wirte Unterstützung benötigen, stehen wir gerne zur Verfügung", sagt Miriam Heigl von der Fachstelle gegen Rechtsextremismus, die direkt dem Oberbürgermeister Dieter Reiter unterstellt ist. In diesem Sinn schaltete sich deshalb der Sendlinger Bezirksausschuss ein, als er vom Pegida-Stammtisch in seinem Stadtteil erfuhr.

Dessen Vorsitzender Markus S. Lutz teilte dem Wirt am 8. März mit, dass Pegida "seit Oktober 2015 durch das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird". C. sei nicht verpflichtet, "an diese Leute zu vermieten, für sie zu reservieren oder sie zu bewirten".

Der Wirt reagierte. Auch, weil die Brauerei gehörig Druck machte. Sie "distanziert sich klar und eindeutig von populistischem beziehungsweise extremistischem Gedankengut und entsprechenden Gruppierungen". C. habe in Absprache mit der Brauerei und dem Rathaus "bereits mit den Pegida-Gästen gesprochen, um die Position deutlich zu machen", sagte der Unternehmenssprecher der SZ auf Anfrage.

Protest von Linksaktivisten

Das taten der Wirt und seine Mitarbeiter auch am vorvergangenen Montagabend. Eine Pegida-Aktivistin kam frühzeitig zum Treffpunkt ins Lokal und wurde zwar von einem Kellner herzlich umarmt, jedoch mit dem Hinweis, dass an diesem Abend keine weiteren Pegidisten erscheinen würden. Tatsächlich wurde nach SZ-Informationen dem Pegida-Chef Heinz Meyer an jenem Abend der Eintritt verwehrt, der sich dann auch wieder verzog.

An diesem Montag ist Pegida jedoch für den Wirt offenbar zunächst kein Problem mehr. Pegida ist wieder da, zumindest ein paar von den Aktivisten. Dem Wirt geht es nicht um Politik, sondern um den Umsatz, betont er immer wieder. Das Problem sind aber eine Handvoll Linksaktivisten, die um 22 Uhr aus Protest gegen Pegida an die Scheiben des Lokals trommeln. Die Polizei ist schnell am Einsatzort und vertreibt die jungen Leute.

Von all dem Trubel bekommt Birgit W. jedoch nichts mit. Sie trifft erst nach den Fenstertrommlern in ihrem Stammlokal ein und genießt nach dem Pegida-Aufmarsch mit ihren Gesinnungsgenossen ihren frischen Fisch.

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