Sendling Unter Strom

Lkw, die auf dem Großmarktgelände mit Diesel ihre Ladung kühlen, halten Anwohner für weit belastender als das ebenfalls nahe Heizkraftwerk Süd.

(Foto: Catherina Hess)

Plötzlich geht es doch: Statt stundenlang ihre Ladung mit dieselbetriebenen Aggregaten zu kühlen, können sich Laster auf dem Großmarkt-Areal bald an die Steckdose hängen. Allerdings werden nur zwölf Anschlüsse verlegt

Von Birgit Lotze, Sendling

Die Stinker sollen an den Stecker. Kurz nach dem Leitungswechsel im Kommunalreferat ist offenbar die Bereitschaft gestiegen, möglichst schnell in die Luftqualität auf dem Großmarktgelände zu investieren. Die neue Referatschefin Kristina Frank, die für die CSU das Rathaus erobern will, überraschte den Klimaschutz-Aktivisten Dieter Heber mit der Nachricht, dass die Markthallen München zwar nicht flächendeckend, doch in der Nähe von zwei Hallen jeweils sechs Stromanschlusspunkte installieren wollen. Spätestens diesen Mai sollen sie bereitstehen, so dass die Lkw schon zu Beginn der warmen Jahreszeit mit Strom versorgt werden können.

Dieter Heber hatte seit zwei Jahren vergeblich versucht, die Stadt dazu zu bringen, möglichst schnell den Lastern Strom zur Kühlung ihrer Ladung zur Verfügung zu stellen. Er hat bislang ausnahmslos abweisende Antworten vom Kommunalreferat und den Markthallen bekommen. Solange die Planung für die neue Großmarkthalle nicht feststehe und es keinen Investor gebe, sei es "nicht darstellbar", dafür Geld in die Hand zu nehmen.

Kristina Frank, als Kommunalreferentin auch oberste Markthallenleiterin, findet die Maßnahme hingegen "überfällig". Die Realisierung dieser technischen Möglichkeiten zur Verbesserung der Luftreinhaltung könne aufgrund der aktuellen Lärmbelastung nicht bis zum Neubau der Großmarkthalle warten, sagte sie am Mittwoch der SZ. "Das ist eine nachhaltige Entscheidung, um den Großmarkt langfristig in der Stadt halten zu können."

Darüber hinaus ist die Stadt inzwischen bei der Entscheidung zum Großmarkt-Neubau ein großes Stück weiter. Am Mittwoch hat der Stadtrat bestätigt, dass die Stadt mit der Firma Umschlagzentrum Großmarkt München (UGM) über das benötigte Baurecht und einen entsprechenden Erbpachtvertrag verhandeln soll. UGM ist ein Unternehmen auf dem Großmarktareal, das dort seit 1986 Hallen und Räume an Händler vermietet. Oliver Rob, Sprecher der Standortinitiative "Großmarkt in Sendling. Jetzt" wie auch der UGM, sagt, dass auch UGM nicht auf Stromanschlüsse, sollten sie dann nötig sein, verzichten wolle. "Wir sind noch nicht so weit, dass Details geklärt sind. Aber man braucht eine nachhaltige Lösung."

Auch einige Anwohner des Großmarktes können jetzt wieder durchatmen. Sie hatten mit großer Rückendeckung durch die Bürgerversammlung in Sendling Ende Oktober eine Reduzierung der Lärm- und Abgasemissionen durch den Großmarkt gefordert, die "sofortige, flächendeckende Ausstattung mit Stromtankstellen".

Die zwei Hallen, vor denen das Referat die Stromzufuhr verlegen lassen will, liegen am Rand von Parkplätzen, die etwa 50 bis 150 Meter von den Wohnhäusern entfernt sind. Das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) hatte im Oktober Lärmmessungen in einem der Kinderzimmer vorgenommen und eine "erhebliche Belästigung" festgestellt. Der Lärm gehe vom Schwerlastverkehr, von Gabelstaplern und von laufenden Kühlaggregaten und Motoren der Lkw aus, sagt Thomas Bierwirth, ein Anwohner der Königsdorfer Straße.

Die Maßnahme solle für die nächsten Jahre halten, sagt Frank. "Solange, bis der Neubau steht." Wie viel die Stromanschlüsse kosten sollen, stehe "noch nicht final fest". Die Installation sei nicht wirtschaftlich, aber sinnvoll, was den Lärm, den Immissions- und den Umweltschutz angehe. Es sei nicht geplant, die Lkw einzeln abzurechnen. "Das machen wir so einfach wie möglich - über die Gebühren".

Auf dem Großmarktareal steht ständig eine Reihe von Kühl-Lastwagen - mal fünf, mal auch 40 Fahrzeuge. Viele Fahrer verbringen dort die vorgeschriebenen Ruhezeiten. Die verderbliche Ladung wird dann oft stundenlang mit dieselbetriebenen Aggregaten gekühlt. Diese sollen laut Heber mehr Schadstoffe emittieren als die viel größeren Lkw-Motoren. Dabei seien die meisten Laster so ausgestattet, dass sie sich an eine Stromleitung anstöpseln könnten. Heber errechnete für ein Provisorium mit zwei Anschlüssen Kosten von rund 2000 Euro. Die Markthallen gingen vor einem Jahr von der fünffachen Summe aus.