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Sendling:Ungefiltert in die Umwelt

Die Brudermühlbrücke ist Teil des Mittleren Rings. Der umweltschädliche Reifenabrieb läuft mit dem Niederschlagswasser direkt in die Isar ab.

(Foto: Robert Haas)

Bürger fordern, die Brudermühlbrücke öfter zu reinigen. Denn der Reifenabrieb wird mit dem Niederschlagswasser direkt in die Isar geschwemmt. Auch auf der John-F.-Kennedy-Brücke wird nur einmal wöchentlich sauber gemacht

Wie häufig sollten Isar-Brücken gereinigt werden? Seitdem kürzlich der Münchner Stadtrat die mögliche Verschmutzung des Flusses durch Autoreifenabrieb thematisiert hat, sind auch viele Bürger aufmerksamer geworden. Ein Ehepaar, Anlieger der Isar, hat jetzt angefragt, ob die Brudermühlbrücke nicht öfter gereinigt werden könne. Der örtlich zuständige Sendlinger Bezirksausschuss hat die Anfrage an das fachlich zuständige städtische Baureferat weitergeleitet.

Die Anfrage könnte weitere Anträge im Münchner Stadtrat nach sich ziehen. Denn auf der Brudermühlbrücke, Teil des Mittleren Rings, wird laut Baureferat nur einmal wöchentlich trocken und nass gereinigt. Dabei betrachtet die Verwaltung die Reinigung bei den meisten Brücken als die aktuell einzige Möglichkeit, um zu verhindern, dass mit dem Niederschlagswasser auch umweltschädliches Mikroplastik in die Isar abfließt.

Die Stadtratsfraktion der Grünen hatte im Sommer die Stadtverwaltung gefragt, inwieweit Reifenrückstände von Fahrzeugen dafür verantwortlich sein könnten, dass der Anteil an Mikroplastik in der Isar von München flussabwärts relativ hoch ist. Forscher der Universität Bayreuth hatten einen Anstieg der Partikelkonzentration um das Zehnfache zwischen der Messstelle in Baierbrunn vor München bis zur Messstelle Moosburg festgestellt. Dabei wurde allerdings kein Reifenabrieb gefunden, sondern andere Kunststoffteilchen. Als Mikroplastik werden Plastikstücke bezeichnet, die fünf Millimeter und kleiner sind.

Die Grünen im Stadtrat bezogen sich in ihrer Anfrage daher auch auf eine übergreifende Studie des Fraunhofer Instituts vom vergangenen Sommer. Danach ist Reifenabrieb in Deutschland der Hauptverursacher von Mikroplastik. Rund ein Drittel der anfallenden Mikroplastik-Emissionen im Land geht dieser Studie zufolge auf Rückstände durch Reifen zurück. Mikroplastik gerate vor allem über Niederschlagswasser in die Umwelt, heißt es in der Fraunhofer-Untersuchung. Durch Regen werde der Reifenabrieb nicht nur in die Kanalisation gespült, sondern nahezu überall hin.

Wasser von Isarbrücken fließt in der Regel ungefiltert in den Fluss - zusammen mit Straßendreck und kleinen Plastikteilchen. Das Münchner Baureferat informierte im Stadtrat darüber, dass das Schmutzwasser nur an der Luitpoldbrücke an der Prinzregentenstraße und an der relativ neuen Thalkirchner Brücke am Tierpark zurückgehalten werde. Andere Brücken in München haben keine Vorrichtungen dafür, sie können deshalb nur gereinigt werden. Laut dem Referat werden die Fahrbahnen von Münchner Isarbrücken fünfmal wöchentlich gereinigt. Ausgenommen von diesem Rhythmus sind neben der Thalkirchner Brücke zwei Brücken, die Teil des Mittleren Ringes sind: die John-F.-Kennedy-Brücke am Englischen Garten und eben die Brudermühlbrücke beim Flaucher, die das Sendlinger Ehepaar gerne häufiger gereinigt sähe. Diese werden lediglich einmal wöchentlich gereinigt. Das Baureferat begründete den Reinigungsrhythmus auf Nachfrage mit den Vorgaben in der Straßenreinigungssatzung. In dieser Satzung sind die städtischen Straßen nach Klassen eingeteilt, die wiederum festlegen, wie häufig die jeweilige Straße gereinigt werden muss. Für Änderungen von Satzungen ist die Vollversammlung des Stadtrats zuständig.

Mikroplastik ist in Deutschland laut der Studie des Fraunhofer Instituts für fast drei Viertel der Kunststoff-Emissionen verantwortlich. Makroplastik - darunter fallen Plastiktüten und andere achtlos weggeworfene Kunststoffprodukte - stellt 26 Prozent. Mehr als ein Kilogramm Mikroplastik allein durch die Reifenrückstände soll jeder Bewohner Deutschlands jährlich im Durchschnitt hinterlassen. Demnach entstehen in München jährlich mehr als 2000 Tonnen Reifenabrieb, die mehr oder weniger gefiltert in die Umwelt gelangten, befürchten die Grünen.

© SZ vom 22.01.2019
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