Sendling:Sorge um Sendling

Die Besucher der Bürgerversammlung verlangen vom Stadtrat, den Großmarkt nicht einem privaten Investor zu überlassen. Überdies will die Bevölkerung prüfen lassen, wie die zeitweise Verlagerung des Gasteigs das Viertel womöglich negativ verändern könnte

Von Birgit Lotze, Sendling

Was in den nächsten Jahren mit zwei Arealen in Sendling passiert, könnte entscheidende Weichen stellen für das Viertel. Die Besucher der Bürgerversammlung haben am Donnerstag zu beiden großen Themen Forderungen an die Stadt gerichtet. Sie soll zum einen die Zukunft des Großmarkts sichern. Und sie soll dafür sorgen, dass Sendling nicht mittelfristig das Schicksal eines Schlafviertels droht, weil Gewerbe und Handwerk verdrängt und die Weichen einseitig für Wohnungsbau gestellt werden.

Besonders viel Applaus bekam ein Anwohner der Brudermühlstraße, der die Stadt aufforderte, den Großmarkt in städtischer Hand zu behalten und ihn zu modernisieren. Der Stadtrat solle den Beschluss vom Sommer, den Bau einem privaten Investor zu überlassen, zurücknehmen. Dieser verzögere den für das Viertel wichtigen Bau unnötig und stelle den Standort infrage. "Verträgliche Mietpreise für Gewerbetreibende? Das macht kein Privatinvestor", sagte der Antragsteller. In Richtung Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), die als Versammlungsleiterin zu Beginn der Sitzung die "Daseinsfürsorge" der Stadt gewürdigt hatte, wies er darauf hin, dass dazu auch die Versorgung mit Lebensmitteln gehöre.

Mieter auf der Hans Preissingerstrasse 8

Unsichere Zukunft: Künstler auf dem SWM-Gelände.

(Foto: privat)

Die Daseinsfürsorge wurde zum geflügelten Wort des Abends. Die Mieter des Stadtwerke-Areals an der Hans-Preißinger-Straße, die das Gelände für ein Gasteig-Interim aufgeben sollen, wiesen auf die Bedeutung von Kreativen, Handwerkern und Gewerbe hin. Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner betonte, dass das Münchner Kulturzentrum wichtige Punkte der Daseinsfürsorge erfülle. Doch die Stimmung in Sendling ist kritisch, was den Einzug des Kultur-Zentrums mit tausenden Besuchern täglich betrifft. Die Stadt soll, so der Appell, ein Verkehrs- und Parkkonzept erstellen; eine Bürgerin setzte durch, dass geprüft wird, wie der Gasteig durch die Zwischennutzung das Brudermühlviertel verändern werde. "Die Preise steigen. Dann geht der Gasteig wieder. Die Preise für uns bleiben."

Auch stört die Sendlinger, dass es nur eine Machbarkeitsstudie gibt - die des Gasteigs. Einstimmig forderte die Versammlung, die Ideenskizze des Architekten Clemens Bachmann zu prüfen. "Der Charme daran: Nicht nur der Gasteig zieht ein, auch die Mieter bleiben", sagte einer der Musiker aus dem Kreativquartier. Außerdem würden die Kosten für den Interims-Gasteig so niedriger ausfallen.

Auch soll die Stadt nun prüfen, ob die Stadtbibliothek und die Volkshochschule, die der Gasteig-Aufsichtsrat gerne neben der Philharmonie und der Hochschule für Musik auf dem Areal untergebracht sähe, nicht woanders unterkommen können. Sitzungsleiterin Strobl gestand ein, man müsse sich "schon noch mal anschauen, was auf dem Gelände machbar ist". Schließlich gehe es bei dem Interim ja nicht um kleine Geldbeträge. Die Bürger votierten auch dafür, den jetzigen Mietern bezahlbare Räume zuzusichern. Auch soll die Stadt die Kosten für den Bau auflisten und darstellen, wie die Zwischennutzung das Landschaftsschutzgebiet belastet und was die Baumaßnahmen für die Fledermauspopulation auf dem Gelände bedeuten.

Großmarkthalle in München, 2017

Händler auf dem Großmarkt-Gelände.

(Foto: Florian Peljak)

Die Mieter denken auch an die Zeit nach dem Gasteig-Zwischenspiel. So forderte eine Bürgerin, der Stadtrat solle seine Entscheidung, das Gelände nur mit Wohnungen zu bebauen, überdenken und zusätzlich Räume für Kreative und Handwerker schaffen. Einstimmig angenommen wurde ein Antrag, die Stadt solle ein Stadtentwicklungskonzept zum Schutz von Kleingewerbe und Kreativen erarbeiten. Man sehe flächendeckend in München, wie Kleingewerbe und Traditionsfirmen verschwänden, hieß es zur Begründung.

Intensiv beschäftigten sich die Bürger überdies mit dem Bus 134. Dazu stellten Anwohner des Viertels um das frühere Philip-Morris-Gelände an der Zechstraße und der Flößergasse Anträge, die darauf hinauslaufen, dass der Bus weiter durch die Plinganserstraße fahren soll - und nicht durch ihre Straßenzüge. Sie hatten schon im vergangenen Jahr ein positives Votum der Versammlung erhalten, doch die Lokalpolitiker hätten dies ignoriert, hieß es. Die Mühlen der Stadt mahlen langsam, meinte der Bezirksausschuss-Vorsitzende Markus Lutz (SPD) dazu. Die Straße müsse für viel Geld schmaler werden, den Umbau würde man gerne für weitere Verknüpfungen nutzen. Doch stehe die Busführung noch nicht fest.

Weitere Bürgervoten: Die Stadt soll die Südring-Pläne weiter verfolgen. Der Maulkorb- und Leinenzwang für Kampfhunde soll besser kontrolliert, Hunde mit einer Schulterhöhe von über 60 Zentimetern an der Leine geführt werden. Der Westpark soll nicht zur "Eventlocation" verkommen, sondern wieder mehr Naherholungsgebiet und Refugium für Tiere werden. Die Verkehrssituation am Harras soll im Hinblick auf das Wachstum Sendlings geprüft werden. Die Antifaschistin Resi Huber soll ausführlicher auf Schildern gewürdigt werden, als dies bislang der Fall ist.

© SZ vom 28.10.2017
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB