Sendling Kunst am Berg

Eigentlich wollte der Münchner Maler Denis Stepanovic nach Berlin. Dann machte er einen Spaziergang durch Sendling und alles kam ganz anders. Heute betreibt er dort in einer ehemaligen Spenglerei sein Atelierhaus "Bergschmiede"

Von Jutta Czeguhn

Er ist drauf und dran, seine Koffer zu packen. Wie so viele Künstler hat Denis Stepanovic genug von dieser teuren Stadt, diesem geltungssüchtigen München, das es allen so schwer macht, hier ihren Platz zu finden. Er ist unterwegs auf der Pfeuferstraße, das ist in Sendling, nicht weit vom Stemmerhof. Seine Freundin ist dabei. Ziemlich genervt von seinem Gejammere, zeigt sie auf ein altes Haus und fordert ihn auf: "Mach's doch wie immer, geh' einfach rein und frag' nach!" Stepanovic will nicht als Feigling dastehen, also durchquert er den Hof mit der Hausnummer 38 und läutet.

Was dann geschehen ist, klingt märchenhaft, doch es muss so gewesen sein. Schließlich sitzen wir - mehr als drei Jahre später - im Atelierhaus "Bergschmiede". In einer Art Wohnzimmer oder Barstube mit Sofa und einer kreativ zusammengewürfelten Möblage. Hinter der Theke, einem tonnenschweren Monster, das ein Maschinen-Vorleben in einem Spenglerbetrieb hat, steht Denis Stepanovic. Er kocht Tee, auf dem Tisch steht ein Riesenglas Honig, produziert von den 160 000 Bergschmiede-Bienen. Abwarten und Tee trinken? Stepanovic ist im Moment das glatte Gegenteil von gelassen, denn es ist noch viel vorzubereiten. An den Wänden im Raum lehnen Gemälde, die meisten sind noch verpackt, eben erst vorbeigebracht von Künstlern, die dabei sein wollen bei "Kunst am Berg" an diesem Wochenende.

"Die Öffnung des Diamanten" heißt dieses Werk von Franziska von Faber-Castell, das Denis Stepanovic in der Weihnachtsausstellung zeigt.

(Foto: Catherina Hess)

Auf einem großen Tableau ist unschwer Angela Merkel zu erkennen. Als Johanna von Orléans, "Die Öffnung des Diamanten", heißt das Bild. Über 30 Werke werden zu sehen sein bei dieser ersten, kleinen Sendlinger Variante der großen Münchner Jahresgaben-Ausstellung.

Aus einem Raum irgendwo im Atelierhaus dringt Gesang, eine Frauenstimme. Sopranistin Sabine Lahm hat dort ihr Gesangsstudio, gerade arbeitet sie mit einer jungen Opernsängerin aus Berlin. Zwölf Ateliers auf zwei Etagen hat Stepanovic insgesamt zu vermieten im lang gezogenen Bau. Eingezogen sind mittlerweile Maler, Fotografen, Opernsänger, Klangkünstler, Designer und die Band Me + Marie, ein Projekt von Maria de Val, die einmal zum ladinischen Trio Ganes gehörte und nun mit dem Schweizer Roland Scandella neue Wege geht. In einem der Ausstellungsräume finden regelmäßig Yogakurse statt. Im Vorderhaus auf dem Gelände ist eine Bildhauerwerkstatt untergebracht, die aber auch als Radlwerkstatt genutzt wird. Ein offener Kunsthof soll die Bergschmiede sein, es gibt Ausstellungen und einmal im Monat Live-Musik aus der Singer-Songwriter-Ecke, ohne laute Boxen. Zwischen 40 und 50 Leute kommen regelmäßig zu diesen Konzerten, für die Denis Stepanovic kaum Werbung macht. Oft ist der Eintritt kostenlos, eine Hutspende stets willkommen.

Die Bergschmiede als Location hat sich bei Musikern und Labels herumgesprochen. "Ich bekomme viele Bewerbungen", erzählt Stepanovic, der selbst erstaunt ist, wie sich alles in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat. So ganz organisch. Damals, an der Hofhaustür, hatten ihm die Vormieter, die am Ausziehen waren, die Telefonnummer des Eigentümers in die Hand gedrückt. Ein Erbe aus alter Sendlinger Familie, der heute ausgerechnet in Berlin lebt und dort in der Kunstszene sehr aktiv ist. Stepanovic konnte ihn für seine Idee gewinnen, aus dem ehemaligen Spenglerbetrieb ein Atelierhaus zu machen. Doch gab es da eine Bedingung: "Nur wenn Du Finanziers hinter Dir hast." Klingt nach einer hohen Hürde, doch Stepanovic wandte sich an seine Sammler, die prompt Unterstützung zusagten, allerdings einen Gesamtverantwortlichen haben wollten. So trat Gastronom Michael Käfer auf den Plan und gründete zusammen mit Stepanovic eine GbR. Die steht nun unter dem Mietvertrag.

Der einstige Spengler- und Schreinerbetrieb war im Anwesen an der Pfeuferstraße 38 untergebracht.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Jahr lang wurde saniert, renoviert, mit viel Eigenleistung, Freunde halfen. Seine Mieter suchte Stepanovic anfangs über Kleinanzeigen, heute hat er mehr als genug Bewerber. Auch aus Berlin. Dann musste ein Name gefunden werden für das Atelierhaus. Das Logo zeigt im Profil einen bärtigen Männerkopf, der einen Hammer über der Schulter trägt. "Wir haben es dem Schmied von Kochel nachempfunden", sagt Denis Stepanovic, der sich für den Anführer des Bauernaufstandes in der "Sendlinger Mordweihnacht" begeistern kann. Der Bezug zum Viertel war dem gebürtigen Münchner wichtig, so führte eines zum anderen und schließlich zum Namen "Bergschmiede".

"Ich bin hier Hausmeister, Hausmädchen, Vermieter, Elektriker, Kurator und, und, und", zählt Stepanovic auf. Eigentlich aber ist er Maler, hat an der Akademie der Bildenden Künste in München in der Klasse von Markus Oehlen studiert, den er seinen "Punk-Professor" nennt. Im Moment bringe er nicht mehr als ein, zwei Bilder zustande, sagt Stepanovic. Zu groß sei noch die innere Unruhe, die die Verantwortung für das Atelierhaus mit sich bringe, auch wenn es großartig sei, "dieses Baby aufwachsen zu sehen". Mittlerweile steht das Haus finanziell unabhängig da, erwirtschaftet sogar ein kleines Plus. "Wenn Du's schlecht machst, bist Du draußen, wenn Du's zu gut machst, auch" - diese Warnung seines GbR-Partners Michael Käfer hat Stepanovic aber immer im Ohr. Er weiß, dass der Kunsthof auf einem Filetgrundstück steht, für das es viele Begehrlichkeiten gibt. Zu viele Sorgen möchte sich Denis Stepanovic aber nicht machen. 2019 will er ein wenig von der Verantwortung abgeben und wieder zu malen beginnen, in seinem Atelier gleich neben der Bar.

Heute zeugt nur noch die Werkbank, die zur Bar umgebaut wurde vom damaligen Geschehen.

(Foto: Catherina Hess)

"Kunst am Berg", Verkaufsausstellung mit junger zeitgenössischer Kunst, Pfeuferstraße 38, Samstag, 15. Dezember, 12 bis 22 Uhr, Sonntag, 16. Dezember, 12 bis 17 Uhr.