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Sendling:Gold aus der Tüte

Beim Magic Slam im Stemmerhof kommt es darauf an, das Publikum zu verzaubern und zu überzeugen. Der 15 Jahre alte Leo Motte erhält für seine Tricks bei seiner Premiere die meisten Stimmen und den ersten Preis

Zwei Männer halten ein dickes Seil jeweils an seinen Enden. Sie sind nervös. Einer ist rot im Gesicht. Er schwitzt. Ganz ruhig ist es. Eine junge blonde Frau in langem hellblauen Abendkleid sitzt zwischen ihnen. Auf einem Barhocker. "Damit werden Sie mich jetzt fesseln", sagt sie bestimmt. Und lächelt. Jetzt gibt es kein Halten mehr: Das Publikum bricht in schallendes Gelächter aus.

Beim Magic Slam in der Bühne im Stemmerhof an der Plinganserstraße 6 können sich die Zuschauer nicht einfach zurücklehnen. "Wir sind hier ja nicht bei Netflix", bringt es Moderatorin Ruby Tuesday - die außerhalb der Bühne Verena Gremmer heißt - auf den Punkt. Sie hat sich in Schale geworfen, bietet richtig Glamour auf: Glitzer-Make-Up, künstliche Wimpern, Irokesen-Frisur. Sie trägt einen schwarzen, mit Nieten bestückten Body und einen langen Umhang. Ihr Kollege Markus Laymann hat sich für die klassische männliche Abendgarderobe entschieden: Anzug, aber mit roter Fliege.

Neben den Moderatoren sind heute andere Akteure wichtig: Fünf Magier versuchen, das Publikum zu verzaubern und so von sich zu überzeugen, dass sie am Ende die meisten Stimmen erhalten. Denn wer am Ende siegt, bekommt einen ganz besonderen Preis: "Das Objekt der Begierde ist der goldene Cup", verkündet Laymann und hält einen kleinen Gegenstand in die Luft, der aussieht wie ein Gewürzstreuer. Aber er ist in der Tat goldfarben.

Mit Gold und Silber behängt ist so manch ein Zuschauer. Alle haben sich schick gemacht. Den magischen Abend versüßen sich die Gäste mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier. Die lockere Art der Moderatoren und die fünf kreativen Zauberer bewirken, dass die Stimmung gut ist. Die Reaktionen reichen von ungläubigen "Ahs" bis hin zu tosendem Applaus.

Magic Slam

Die beiden Männer aus dem Publikum fesseln Catherine Hering, aber ohne Mühe befreit sie sich in Windeseile - wie von Zauberhand.

(Foto: Jennifer Sandmeyer/oh)

Die Magier sind so unterschiedlich wie das Publikum. Der eine ist ein Entertainer, der auch musikalisch auf seiner Mundharmonika glänzt. Der andere trickst ohne große Worte. Aber was sind das für Menschen, die ihr Leben dem Zaubern widmen? Die Tische zum Schweben bringen, Gedanken lesen können, Gegenstände verschwinden und wieder auftauchen lassen?

Einige von ihnen feiern an diesem Abend Premiere: Für den 15-jährigen Nachwuchszauberer Leo Motte ist es der erste Auftritt beim Münchner Magic Slam. Er ist der jüngste Teilnehmer. Und er hat die Zuschauer mit seinem ersten Trick gleich in der Tasche. Dazu braucht er nur einen Zauberwürfel und eine braune Papiertüte. Den verdrehten Zauberwürfel legt er sorgfältig in die Tüte hinein. Er hält sie oben zu, schnippt einmal mit den Fingern, öffnet die Tüte. Und siehe da: Der Zauberwürfel ist gelöst. Die Zuschauer staunen.

Die einzige Zauberin des Abends heißt Catherine Hering. Die 22-Jährige ist extra aus Österreich angereist. Auch sie tritt zum ersten Mal beim Magic Slam auf. Mit 15 Jahren hat sie das Zaubern für sich entdeckt. Alles begann mit einer Zaubershow, die sie im Fernsehen sah. Das habe sie sofort fasziniert. "Ich wollte das unbedingt auch ausprobieren", erzählt die 22-Jährige. Also kaufte sie sich ihre ersten Requisiten, übte einfach drauflos. Die ersten Auftritte folgten im Familienkreis. Aufgeregt war sie nicht. "Meine Mama war nervöser als ich", erinnert sie sich und lacht. Ihre Show kam gut an. Der Grundstein für ihre Zauberkarriere war gelegt. Davon leben kann sie aber noch nicht. Um sich über Wasser zu halten, arbeitet sie in einem Büro, alles andere als eine magische Welt. Ihr größter Wunsch lautet deshalb: nur noch Zaubern.

Magic Slam

Daniel Arnold ist erfolgreicher Tischtennisspieler - und Zauberer. Die Freiwillige aus dem Publikum unterstützt ihn bei einem mathematischen Zahlentrick.

(Foto: Jennifer Sandmeyer/oh)

Den Wunsch nach dem goldenen Cup hat noch ein anderer. Der schon ganz andere Preise und Medaillen gewonnen hat. Er ist, wie ihn Moderator Laymann ankündigt, "der wohl beste Zauberer in ganz", er legt eine künstliche Pause ein, "Untersendling". Die Zuschauer lachen. Daniel Arnold betritt die Bühne. Wenn er nicht zaubert, spielt er gerne Tischtennis. Und das gar nicht mal so schlecht: Bei den Paralympischen Spielen gewann er sogar insgesamt drei Goldmedaillen. Ob er auch diesen Preis mit nach Hause nehmen darf? Wie sehen es die Zuschauer?

"Machen Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch", ruft Markus Laymann am Ende ins Publikum. Beschwingt - und manche wohl auch beschwipst - erheben sich die Zuschauer von den Sitzen. Anders als bei anderen Slams entscheidet hier nicht der Applaus über den Sieg. Die Zuschauer stimmen mit zwei Casino-Chips für ihre beiden Favoriten ab. Am Schluss wird ausgezählt. Ruby Tuesday öffnet den Umschlag, auf dem "Gewinner" steht. Noch während sie feierlich Leo Motte als Sieger verkündet, regnet es silberne Konfetti von der Decke. Der junge Magier nimmt die Glückwünsche entgegen, strahlt und sagt später ganz bescheiden: "Also ich habe nicht damit gerechnet, dass es gleich klappt".

© SZ vom 17.01.2020
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