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Sendling:Fehlender Anschluss

Lokalpolitiker kritisieren bei der Präsentation der Pläne für die neue Großmarkthalle, dass keine Anbindung an die Bahn vorgesehen ist. Anwohner befürchten noch mehr Lastwagen im Viertel

Von Birgit Lotze, Sendling

Grundsätzlich befürworten die Sendlinger die geplante neue Großmarkthalle. Große Chancen für das Stadtviertel versprechen sich die Lokalpolitiker im Stadtviertel von der riesigen Fläche, die frei werden soll, wenn sämtliche Hallen, derzeit noch über das Areal verstreut, in einem Komplex versammelt werden: Tausende bezahlbare Wohnungen, eine neue Grundschule, Platz für Infrastruktur.

Doch ähnlich zwiespältig wie die Stadtgestaltungskommission vor zwei Wochen bei einer ersten Vorstellung des Projektes reagierten auch die Zuhörer bei der Präsentation im Bezirksausschuss (BA) Sendling. Die Frage stellte sich, ob ein großer Großmarktkomplex mit 68 Metern Höhe, wie ihn der Investor vorstellte, noch verträglich ist. Die Schäftlarnstraße sei schon heute keine Prachtallee, sagte Anja Berger (Grüne). Doch im Konzept stelle sie sich zwischen Heizkraftwerk Süd und Großmarkt als eine Schlucht mit "Riesenmauern" dar. "Das ist nicht schön, da durchzuradeln."

Dass das Verkehrskonzept noch nicht weiter ausgearbeitet ist, stieß den Lokalpolitikern allerdings am meisten auf. Klar ist derzeit nur, dass nicht vorgesehen ist, die Großmarkthalle wieder an das Schienennetz anzuschließen. Die Nachfrage nach der Zulieferung beantwortete Oliver Rob, der Sprecher des Investors, des auf dem Großmarkt tätigen Umschlagzentrums Großmarkt München (UGM), ganz eindeutig: Handel mit Schienenanbindung sei heute nicht üblich; Lkw seien die deutlich flexibleren Verkehrsmittel. Ein Gleisanschluss sei auch nie Thema bei den Verhandlungen mit der Stadt gewesen. "Wir halten uns an die Beschlusslage."

Fünf Etagen hoch soll der Großmarkt entlang des Heizkraftwerks Süd gebaut werden, darüber Büros für 3000 Mitarbeiter und öffentlich zugängliche Dachgärten. Simulation: Architekturbüro Gunter Henn

"Verkehrstechnisch sehr kurz gedacht, die Bahnanbindung aus dem Blick zu lassen", fand CSU-Sprecher Michael Kaiser. Ein Land wie Italien - von dort kamen früher die meisten Züge am Großmarkt in Sendling an - könne jederzeit ein Transitverbot für Lkw erwägen. "Wenn die große Verkehrspolitik sich ändert, dann stehen wir mit unserer Großmarkthalle ziemlich isoliert da." Der Vorsitzende des Bezirksausschusses Markus Lutz (SPD) forderte, den Gleisanschluss nicht aufzugeben. Die Schienenanbindung sei immer eine Forderung des BA gewesen. Der Stadtrat habe sich allerdings dagegen entschieden.

Dass nach einer Erneuerung des Großmarktes noch mehr Lastwagen durch das Viertel fahren, das fürchten die Anwohner, vor allem in der Brudermühlstraße. Der Verwaltungsbeirat eines Wohnkomplexes sprach in der Sitzung davon, dass der Lieferverkehr seinen Nachfragen nach weitgehend über die Brudermühlstraße geführt werden solle, und nicht, wie von der Bürgerversammlung im November gefordert, über die Schäftlarnstraße und die Brudermühl- und Candidbrücke in Tunnel und McGraw-Graben. "Die Auswirkungen auf die Lebensqualität im Viertel sind enorm", sagte der Anwohnervertreter. Schon jetzt seien die Straßen überlastet, die Bewohner litten massiv unter Lärm- und Schmutzemissionen.

Das zweite Obergeschoss des geplanten Großmarkts: Nicht nur für Händler und Gastronome - jeder soll Zutritt bekommen. Simulation: Architekturbüro Gunter Henn

Markus Lutz begrüßte, dass der neue Großmarkt auch ein Anziehungspunkt werden soll, sowie dass, anders als jetzt, die Bevölkerung Zugang bekommt, Dachgärten geöffnet werden, auch eine Etage des Marktkomplexes. Er forderte Möglichkeiten, vom Großmarktareal zur Isar zu gelangen, wenn es am Boden nicht klappe, müsse man auch Möglichkeiten in der Luft in Betracht ziehen. Lutz drang auf ein Verkehrskonzept, auf die Einrichtung öffentlicher Verkehrsmittel. Anja Berger forderte vom städtischen Planungsreferat, schnell ein Verkehrskonzept vorzulegen, notfalls ohne breit angelegte, zeitaufwendige Studien. Angesichts von 3000 neuen Arbeitsplätzen, von mehr als tausend neuen Bewohnern und neuen Nutzungen sei es offensichtlich, dass die U 3 das nicht packe. "Auch eine neue Bushaltestelle allein wird da nicht reichen."

Die anwesende Vertreterin des Planungsreferates Julia Biller sieht die Verwaltung noch am Anfang einer Neuentwicklung. Die Eckdaten seien großräumig angelegt: Auch der Schlachthof, das ehemalige Viehhofareal und der Gasteig müssten in die Planung eingebunden werden. Noch habe man keine Gutachten, keine Prognosen, Voraussetzungen für einen Aufstellungsbeschluss. "Wir stehen tatsächlich von der Überprüfung her erst ganz am Anfang." Das Verkehrskonzept werde bereits "fachlich diskutiert". Für Fragen zur künftigen Flächennutzung auf dem frei werdenden Areal sei es noch zu früh: "Jetzt haben wir noch keine Vorstellungen." In der Stadtgestaltungskommission vor zwei Wochen hatte es geheißen, dass das Baurecht für die neue Großmarkthalle in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 geschaffen sein solle. SPD-Sprecher Ernst Dill forderte das Planungsreferat auf, möglichst bald die Bevölkerung in die Planung einzubinden.

© SZ vom 05.02.2020
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