Städtebauliche Entwicklung Was sich Münchner vom Stadtviertel der Zukunft wünschen

Bei der Veranstaltung des Planungsreferats in der Grundschule an der Ruth-Drexel-Straße können Münchner ihre Vorstellungen auf gelbe Zettel schreiben.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Kaum ein Thema wird in der Stadtpolitik so kontrovers diskutiert wie das geplante neue Quartier im Nordosten. In Workshops können nun Bürger ihre Wünsche äußern. Das erste Treffen läuft überraschend harmonisch ab.

Von Dominik Hutter

Was denn jetzt eigentlich aus den bereits vorhandenen Varianten wird, fragt ein Mann gleich an der ersten Schautafel. Aus der "Perlenkette", der "Küstenlinie" und "Beiderseits des Hüllgrabens" - mit Beteiligung der Bürger erarbeiteten Ideen, wie man auf den weiten Flächen im Münchner Nordosten am geschicktesten die geplanten Neubauten verteilt. Diese Modelle seien jetzt erst einmal vom Tisch, antwortet ein Mitarbeiter des Planungsreferats. Es darf ganz neu geplant werden. In einem europaweiten Ideenwettbewerb, den der Stadtrat bereits beschlossen hat.

Und für den die Stadt noch Anregungen aus der Bürgerschaft sucht. Ideen vorstellen und Ideen einsammeln, so ist das Ganze gedacht. Rund 230 Bürger folgen der Einladung des Planungsreferats, das am Samstag die nagelneue Schule im Prinz-Eugen-Park mit Infotafeln bestückt hat, zahlreiche Mitarbeiter stehen für Fragen zum neuen Stadtquartier im Nordosten bereit. Am Ende kleben mehrere hundert gelbe Wunschzettel an den Pinnwänden. Von "keine Hochhäuser" über "autofreies Quartier" bis zu "phantasievolle Neubauten, nicht lauter Schuhschachteln".

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600 Hektar ist die Fläche groß, die sich östlich von Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen befindet - sie besteht derzeit überwiegend aus Feldern. Wenn Freiham ganz im Westen einmal fertig ist, wird der Nordosten die nächste große Erweiterung der Stadt sein. Für 10 000, 20 000 oder auch 30 000 Einwohner - diese Frage ist nach den Debatten der vergangenen Monate inzwischen wieder offen. Es darf in allen Dimensionen geplant werden - wobei man an den gelben Zetteln eine klare Tendenz ablesen kann: Je weniger neue Einwohner, desto besser.

Es geht friedlich und konstruktiv zu im Schulhaus an der Ruth-Drexel-Straße, was wohl auch daran liegt, dass das alles überlagernde Reizthema SEM diesmal nicht im Vordergrund steht. Die "Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme", ein aufs Allgemeinwohl ausgerichtetes Planungsinstrument für große Neubauviertel, ist vor allem ein Reizthema für Grundstückseigentümer. Es geht um deren Beiträge für die soziale und verkehrliche Infrastruktur, um die Bodenpreise und um die "ultima ratio" Enteignung, falls die Interessen eines Einzelnen die gesamte Planung zu kippen drohen. Das ist weniger etwas für die breite Masse, und für die Immobilienbesitzer hatte das Planungsreferat bereits am Vortag eine separate Veranstaltung organisiert.

Weit fortgeschritten sind die Planungen noch nicht.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Komplett ohne SEM-Hickhack läuft es auch am Samstag nicht. "Keine SEM" steht gleich auf mehreren Zetteln, aber eben auch "unbedingt SEM" oder "Gemeinwohlmodell (=SEM) statt Investorenplanung". Eine eindeutige Tendenz ist nicht erkennbar, auch wenn die Debatte der vergangenen Monate doch sehr stark von den lautstarken Protesten der SEM-kritischen Grundstücksbesitzer geprägt wurde. Den Besuchern der Dialogveranstaltung geht es eher um die Grundzüge des geplanten neuen Stadtteils. Um Ladenflächen, einen Badesee und die Untertunnelung der S-Bahn-Strecke. Die wird von vielen Bürgern vehement gefordert, ist aber ohnehin - wie auch die Verlängerung der U 4 - fester Bestandteil der offiziellen Vorgaben. Konkrete Pläne gibt es ja noch nicht.

Das ist auch eines der Ziele der Veranstaltung: Den Münchnern klarmachen, dass die Stadtplaner sich zwar schon viele Gedanken gemacht haben und dass es bestimmte Prinzipien gibt, wie ein modernes Stadtviertel auszusehen hat. Festgezurrt ist aber noch nichts. Auch nach dem Wettbewerb, im Januar 2020 voraussichtlich, soll es noch "keine Darstellung einzelner Gebäude oder der Architektur" geben, steht auf einer Infotafel. Noch sei nichts "grundstücksgenau".

Bürgerinnen und Bürger informieren sich über die bisherigen Planungen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Was wohl auch eine Botschaft an jene sein soll, die bereits vor Plattenbauten und seelenlosen Menschensilos warnen. Vor ungelegten Eiern sozusagen, denn bislang gibt es im Nordosten keinen einzigen fixen Bauplatz. Es gibt keine Vorgaben, wie hoch die Häuser sein sollen und auch noch keine einzige Fassade. Nach dem Wettbewerb wird man immerhin eine Vorstellung davon haben, wo ein Stadtteilzentrum Platz finden könnte, welche Flächen zu Parks werden, wie man U-Bahn und Trambahn verlängert und wie viele Menschen dereinst dort eine Wohnung finden können. Im Juli, wenn das Preisgericht zehn Entwürfe ausgewählt hat, soll es eine weitere Bürgerdebatte geben. Und dann noch eine, wenn im Januar 2020 erste Ergebnisse vorliegen.

Mit vielen Vorschlägen rennen die Münchner im Planungsreferat offene Türen ein. Mit Forderungen, der Spekulation einen Riegel vorzuschieben etwa, aber auch mit der Forderung, Schulen, Kindergärten und die U-Bahn sollten zum Einzug der ersten Bewohner schon vorhanden sein. Dass dieses Prinzip in München bereits funktioniert, belegt beispielsweise der Schulbau im Prinz-Eugen-Park, der bereits fertig ist, während die Wohnhäuser gerade noch entstehen. Oder in Freiham, wo in den neuen Schulen bereits unterrichtet wird - auf einer leeren, weiten Fläche.

Ebenfalls deckungsgleich mit den Ideen der städtischen Planer sind Forderungen nach dezentralen Einkaufsmöglichkeiten: Geschäfte, Kneipen und Restaurants in den Erdgeschossen der Häuser statt eines Großmarkts auf der grünen Wiese. Allerdings ist auch klar, dass dies ohne Dichte nicht funktionieren kann: Wo Läden hinsollen, muss es auch genügend Kunden geben. Was übrigens auch für die U-Bahn gilt, die bei höheren Einwohnerzahlen bessere Realisierungschancen hat. Das Planungsreferat würde ohnehin am liebsten schrittweise vorgehen: Für 30 000 Einwohner planen, damit man nichts von vornherein ausschließt. Und dann schrittweise bauen, je nach Bedarf. Es geht ohnehin um eine Planung für Jahrzehnte.

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