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Selfstorage-Häuser:Besser als die Besenkammer

Aktenberge, Modelleisenbahnen, Wohnungseinrichtungen und mehr: Viele Münchner nutzen die zahlreichen Selfstorage-Häuser, in denen Wichtiges und Liebgewordenes auf Zeit sicher eingelagert werden kann

Von Birgit Lotze

Ein bisschen wirkt Jutta Schmidt hinter dem Tresen im Foyer von "My Place" wie eine Concierge. Dabei kommen über den roten Teppich gar keine Bewohner vorbei, sondern Mieter ganz anderer Art. Jutta Schmidt organisiert den Selfstorage an der Landsberger Straße. Von außen wirkt der Bau wie eine Hochgarage, im Innern tun sich riesige Flure auf, Tür an Tür. 1400 Abteile auf 7000 Quadratmetern, zählt Jutta Schmidt auf. Fünf Stockwerke, mehr als tausend Kunden.

Selfstorage - das steht für flexibles Mieten von Lagerräumen, also das Lösen von Stauproblemen. Das Geschäftsmodell kommt aus den USA. Die Branche ist noch jung in München: My Place begann an der Landsberger Straße vor 13 Jahren. Der Marktführer aus Österreich hat inzwischen sechs dieser Häuser in der Stadt. Einer der Mitbewerber in München ist die Firma Zeitlager. Deren Geschäftsführer Roland Tubbesing hat Selfstorage in den USA schätzen gelernt und fand es "unheimlich praktisch". Zurück in München, nutzte er die Chance, "den Markt mitzugestalten". Das war vor elf Jahren, inzwischen bietet er drei Lagerhäuser an.

In München, wo jedem Bürger im statistischen Schnitt nicht mal 38 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung stehen, steigt das Bedürfnis nach Stauraum offenbar rasant. Und so haben sich in den vergangenen zehn Jahren viele Storage-Anbieter in einem Ring um die City breitgemacht: Lagerbox, Lagerland und Lagerrent im Münchner Osten, Lagerwelt am Allacher Bahnhof, Isar-Container und SB-Lager in Garching. Eine Firma namens Box-Concept stellt den Container sogar direkt vor die Haustür, belädt und transportiert ihn dann ab. Der Selfstorage-Markt wachse stark, sagt Zeitlager-Marketingchef Christoph Mohr, die Branche boomt.

...Spielzeug, das für die Enkelkinder aufbewahrt wird.

(Foto: Andrea Nash)

Fast zwei Drittel der Nutzer sind angeblich Privatleute. Viele nutzen die Abteile als Kellerersatz, andere deponieren komplette Wohnungseinrichtungen. In vielen der Boxen sollen solche Akten lagern, die Kanzleien lange aufbewahren müssen. Die Storage-Anbieter erzählen von Kisten mit Trachten, die zur Wiesnzeit für den Verkauf herausgeholt werden, von Krippen und Kerzen für den Christkindlmarkt. Es komme auch vor, dass jemand seine Modelleisenbahn aufbaut. Von den meisten Kunden wisse man allerdings nichts, viele wollten anonym bleiben.

Bei Jutta Schmidt ist Christian Claaszen vorgefahren. Der Theaterschauspieler will nach einer monatelangen Tournee einige Utensilien deponieren. Vielleicht besitze er zu viele Dinge, sagt er. Aber er trenne sich auch ungern: "Und diese Lösung ist wesentlich günstiger als eine größere Wohnung." Melanie Fürst wiederum hat ihre Zimmereinrichtung aus ihrer Wohngemeinschaft vorübergehend eingelagert. Sie ist bei ihrem Freund eingezogen, die beiden sind auf Wohnungssuche.

Von zwei Quadratmetern Lagerfläche bis weit über hundert Quadratmeter ist alles drin. Ein Preisbeispiel: Sieben Quadratmeter kosten monatlich zwischen 65 und 95 Euro; ein solcher Raum bietet den Platz für die Einrichtung einer 70-Quadratmeter-Wohnung. Und die Monatsmiete beinhaltet einigen Komfort: Die Gebäude sind kameraüberwacht und alarmgesichert, von morgens bis 22 Uhr abends kann man an sein Abteil. Und die Storage-Anbieter versuchen sich auch in Nischen: Zeitlager hat an der Boschetsriederstraße eine zweite Kelleretage ausgehoben. Dort stapeln Weinhändler und -kenner ihre Flaschen. Begehrt sind auch Plätze im Car-Storage; dort stehen Oldtimer, Motorräder überwintern. An der Landsberger Straße hat ein Stretchlimousinen-Service zwei überlange Plätze in der Tiefgarage gemietet. Nein, drehen könnten die da unten nicht, heißt es, eingeparkt wird rückwärts.

Platz für alle Fälle: In den abschließbaren Abteilen finden sich Möbel, wichtige Unterlagen oder...

(Foto: Andrea Nash)

Die Lager sind auch Umschlagplatz. Bei My Place holen sich Monteure morgens aus ihren Abteilen das Werkzeug, Außendienstmitarbeiter versorgen sich mit Zigaretten, die auf Automaten verteilt werden müssen. Auch ein Augustiner-Laster wartet in der Schlange, Getränkelieferant Heiko Becker lässt vor seinem Lagerabteil sogar für seine Tour im Großraum München anliefern: "Das ist für mich die günstigste Lösung."

Kleinere Umzugsfirmen, die die klassische Einlagerung ohne abschließbare Abteile anbieten, haben längst das Nachsehen; sie erleben die Storage-Branche als massive Konkurrenz. "Ohne langfristige Kunden hätten wir unsere Lagerfläche schon längst aufgegeben", sagt Haubir Algaf, Geschäftsführer von Löwen-Umzug an der Westendstraße. Bei ihm konnte man schon einlagern, da gab es nicht ein Storage-Haus. Doch inzwischen interessierten sich nur noch diejenigen dafür, die bei einem Umzug einlagern müssten: "Früher hatten wir zehn mal so viele Anfragen, auch langfristige."

Ab und an sollte man den Lagerpreis für Dinge, die vorübergehend einen anderen Platz brauchen, allerdings durchrechnen. Melanie Fürst hat für das Aufbewahren ihrer WG-Ausstattung bereits mehr als tausend Euro bezahlt. Davon hätte sie die ganzen Sachen auch komplett neu kaufen können, mahnt ihre Mutter. Stimmt, sagt Melanie Fürst, doch hänge eben auch Herzblut dran. Sie hofft auf die Traumwohnung.

© SZ vom 21.04.2015
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