SZ-Serie „Tut gut“Reisen mit dem Segelflieger: „Als würden einem Flügel wachsen“

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Isolde Wördehoff auf dem Flugplatz in Königsdorf.
Isolde Wördehoff auf dem Flugplatz in Königsdorf. Robert Haas

Mit 17 Jahren fing Isolde Wördehoff das Segelfliegen an. Es blieb ihre Leidenschaft bis ins hohe Alter. Heute hat sie Glücksgefühle, wenn sie jungen Piloten zusieht, wie sie sich in die Lüfte erheben.

Martina Scherf

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Der Himmel über Königsdorf glänzt in schönstem Bayern-Blau, der Dunst der vergangenen Tage hat sich verzogen. Im Hintergrund heben sich die Bergrücken der Voralpen ab, Benediktenwand, Jochberg, Herzogstand. Der Windsack am Rand der Startbahn weht leicht nach Westen. Klare Sicht, mäßiger Ostwind, ein idealer Flugtag.

Isolde Wördehoff, 83, öffnet das Tor zur Halle 2 auf dem Gelände des Segelflugzentrums Königsdorf. Ein paar Flugzeuge sind schon draußen. Die anderen warten noch darauf, dass ihre Besitzer kommen und sich mit ihnen in die Lüfte schwingen. Fünf Jahrzehnte lang stand auch das Flugzeug der Wördehoffs in dieser Halle: ein Standard Cirrus. Es war „ein Rennpferd“, sagt die Pilotin, bis zu 220 Stundenkilometer schnell. Und es trug ihre Initialen als Kennung: WI, „Whiskey India“ nach dem internationalen Funkalphabet.  An vielen Wettbewerben hat Isolde Wördehoff mit diesem Flugzeug teilgenommen.

Vor fünf Jahren haben sie es verkauft – nach 50 Jahren und tausenden Flugstunden. Schweren Herzens gab die Pilotin das Fliegen auf. Aber noch immer kommt sie mehrmals die Woche zum Flugplatz. Sie hilft den Kameraden, die Maschinen aus der Halle zu rangieren, räumt das Fliegerheim auf, fiebert bei Wettkämpfen mit und verfolgt am Computer die jungen Piloten auf ihren Langstreckenflügen. Die Flieger aus Königsdorf, sagt sie, gehören zu den besten in Deutschland und Europa. Wenn sie gefragt wird, gibt sie dem Nachwuchs auch mal Tipps. Denn kaum jemand blickt auf eine so lange Fliegerkarriere zurück. Schon gar keine Frau.

Manchmal sitzt sie aber auch einfach nur in der „Loggia Himmelszelt“ und schaut den anderen beim Starten und Landen zu. „Dann fliege ich im Geiste mit in die Berge, fühle diese unendliche Sehnsucht und schwelge in Erinnerungen. Das ist noch immer eine große Kraftquelle.“

Ein Segelflugzeug wird über dem Flugplatz Königsdorf hochgezogen.
Ein Segelflugzeug wird über dem Flugplatz Königsdorf hochgezogen. Robert Haas

Ein Motor brummt. Da kommt auch schon eine kleine Propellermaschine ins Blickfeld, ein schlankes Segelflugzeug im Schlepptau. Sie rollen auf die Startbahn, der Pilot gibt Gas, Sekunden später heben sie gemeinsam ab.

Wie zwei Vögel erklimmen sie den Himmel, drehen eine Kurve Richtung Berge, dann klinkt sich der Segelflieger aus. Von da an ist er ganz allein auf sich gestellt, lautlos schwebend, immer den Aufwind suchend.

Die Piloten lesen die Wolken, Cumulus, Stratus, Cirrus. Sind sie dicht geballt? Sehen sie aus wie ein Amboss, der womöglich ein Gewitter ankündigt? Bilden sie einen Bart? Auch Bäume und Kornfelder beobachten die Flieger, um den Wind einzuschätzen. Sie lassen sich von einem Hangwind nach oben tragen, surfen auf einer Leewelle am Berg oder schrauben sich im Thermikschlauch einer Wolke, eben diesem „Bart“, höher. Manchmal zeigt ihnen ein kreisender Bussard den Aufwind an.

Die Landschaft lesen zu können, sei entscheidend, sagt Isolde Wördehoff. Wenn es gut läuft, hangeln sie sich von Thermik zu Thermik und legen bis zu 1000 Kilometer oder mehr zurück. Dazu braucht es aber sehr viel Erfahrung. „Das Schönste ist es, wenn man die richtigen Entscheidungen getroffen hat und so ein weiter Streckenflug gelungen ist.“

Viele Meisterschaften ist Isolde Wördehoff geflogen.
Viele Meisterschaften ist Isolde Wördehoff geflogen. privat

Ihr Mann Jürgen Wördehoff, ehemaliger Dasa-Ingenieur und ebenfalls ausgezeichneter Flieger, sitzt neben ihr in der Loggia Himmelszelt. Seit 58 Jahren sind sie verheiratet. Gemeinsam engagieren sie sich bis heute in ihrem Fliegerverein in Königsdorf. „Er hat mich immer unterstützt“, sagt sie. Viele Male ist sie die Deutschen Frauenmeisterschaften geflogen, „ich habe ganz Deutschland von oben gesehen.“ Ihr Mann fuhr mit. „Ich war ihr Caddy“, sagt er, „saß am Boden und hoffte, sie kommt wieder gut runter.“ Einmal, als die Thermik nicht mehr reichte, sei er mit dem Hänger losgefahren und habe sie auf einem Acker eingesammelt.

Gemeinsam flogen sie 1986 mit Freunden in vier Motorseglern von Königsdorf in die Bretagne, erstes Ziel war der Mont St. Michel. Dann die Atlantikküste runter nach Süden, die riesigen Dünen an der Biskaya entlang – „und nirgends eine Möglichkeit zur Notlandung.“ Einmal um Spanien herum und über die Camargue und die Alpen zurück. GPS gab es noch nicht. Sie hatten Landkarten an Bord. Wetterprognosen holten sie bei ihren kurzen Stopps ein. Verständigt haben sie sich per Funk. 14 Tage waren sie unterwegs, ein großes Abenteuer, sie schwärmen noch heute davon.

Am liebsten saß Isolde Wördehoff aber allein im Cockpit. „Freiheit“, sagt sie, das sei es, dieses schier unbeschreibliche Gefühl, als würden einem Flügel wachsen, dem Himmel so nah. „Alles da unten ist dann so klein, ich habe dabei immer tiefe Demut empfunden.“

Der Traum vom Fiegen begann für sie mit 17 Jahren.
Der Traum vom Fiegen begann für sie mit 17 Jahren. privat

Siebzehn Jahre war die Münchnerin alt, als ein Bekannter ihres Vaters sie 1959 mit auf den Flugplatz in der Fröttmaninger Heide nahm.  Die Klosterschülerin war vom ersten Moment an begeistert. „Ich wollte unbedingt selbst fliegen.“ Ihr Vater habe Verständnis gezeigt für den Wunsch seiner Tochter. Sie las alles, was sie zum Thema Fliegen finden konnte, Mechanik, Meteorologie, Strömungstechnik, machte schon bald den Pilotenschein für Segel- und Motorsegelflug, lernte Fallschirmspringen. Beim Fliegerverein des Entwicklungsrings Süd, aus dem später die Dasa, heute EADS, hervorging, packte sie Fallschirme. Und lernte dort ihren Mann kennen.

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Vier Freunde treffen sich regelmäßig morgens im Schyrenbad und durchpflügen das Becken. Eine Stunde, ebenso sportlich wie meditativ, die sie zur Arbeit schweben lässt.

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Trotz der Bekanntheit von Pionierinnen wie Hanna Reitsch, die schon Kampfflugzeuge für die Nazis erprobt hatte, und Elly Beinhorn, mit der Isolde Wördehoff befreundet war, – eine Frau im Cockpit blieb eine Exotin. „Leider gibt es bis heute nur wenige Frauen, die das Durchhaltevermögen haben und Wettbewerbe fliegen“, sagt sie. Obwohl sie selbst alles versucht hatte, dies zu ändern. Neben ihrem Beruf als Angestellte der Bayerischen Börse betrieb sie Verbandsarbeit. Gegen die männliche Dominanz wurde sie Präsidentin des Luftsportverbandes Bayern, engagierte sich für den Frauensport im Deutschen Aero Club, organisierte Meisterschaften. Was die Männer darüber dachten, interessierte sie nicht. Sie kämpfte und setzte sich oft durch.

Segelfliegen ist aber nicht nur ein schöner Traum. Es ist ein gefährlicher Sport, der einen Respekt vor der Natur und den Gesetzen der Physik lehrt. Als ihr Trainer tödlich verunglückte, hörte Isolde Wördehoff mit den Wettbewerben auf. Auch eine gute Freundin stürzte ab und starb. Da wollte sie, Mutter eines Sohnes, das Schicksal nicht länger herausfordern. Wobei, es war nie ihre Sache, bis zum Äußersten zu gehen, obwohl sie das Leistungsabzeichen in Gold „mit Strecken-Diamant“ besitzt. „Ich bin dankbar, dass es das Schicksal gut mit mir meinte und dass ich eine verständnisvolle Familie hatte“, sagt sie.

Und heute zehrt sie von den Erinnerungen. „The Sky was mine for a while, heißt es in einem Gedicht – was für ein Glück, dass ich das erleben durfte.“

Da landet der Segelflieger wieder. Sanft setzt er auf der Piste auf. Blickt herüber zur Loggia Himmelszelt und winkt der Pilotin zu. „Das tut gut“, sagt Isolde Wördehoff und lächelt. „Wir sind hier wie eine Familie.“

In unserer Serie „Tut gut“ stellen wir in loser Folge Münchnerinnen und Münchner vor, die durch eine Tätigkeit oder an einem besonderen Ort Glück und Zufriedenheit finden.

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