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Seelsorge:Das Maschinengewehr Gottes

Pater Gabriel ist häufig bei den Bundespolizisten am Münchner Hauptbahnhof.

(Foto: Stephan Rumpf)

Pater Gabriel arbeitet als Seelsorger bei der Bundespolizei. Er macht flapsige Witze und nimmt kein Blatt vor den Mund. Der soll katholischer Pfarrer sein? Ja, halleluja, das ist er.

Es dauert keine drei Sekunden, dann ist klar, warum der Mann diesen Spitznamen abbekommen hat: Der 46-Jährige redet wie ein Wasserfall, gestikuliert, grinst, macht flapsige Witze, packt sein Gegenüber im übertragenen Sinn und zieht es einfach mit. Ein Mann wie ein Tornado. Er sagt gleich, dass er sich um Klischees und Hierarchien nicht schert, keine Hemmschwellen hat und auch beim Thema Sexualität kein Blatt vor den Mund nimmt. Für ihn zählt nur der Mensch, egal ob Muslim, Ausgetretener oder Ungläubiger. Und er will von seinen "Schäfchen" geduzt werden. Der soll katholischer Pfarrer sein? Ja, halleluja, das ist er.

Pater Gabriel trägt die blaue Uniform der Bundespolizei und ist zuständig für das seelische Wohl von etwa 5000 Beamten. Ach ja: Nebenbei jettet der niederbayerische Pfarrer mehrmals im Jahr nach Rom, denn im Vatikan ist er als Generalpostulator der Prämonstratenser für Heilig- und Seligsprechungsprozesse zuständig.

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"Ich habe keine Kirche, ich habe mein Auto und fahr' zu den Menschen", sagt Pater Gabriel, während er zügig durch den Münchner Hauptbahnhof marschiert. Auf der Schulterklappe, wo die Polizisten die Dienststerne zur Schau tragen, da prangt bei dem 46-Jährigen ein goldenes Kreuz. Er grüßt zwei Männer in Uniform, plaudert in der Raucherecke mit einem Beamten und quatscht eine junge Bundespolizistin an, wo sie denn herkomme. Das ist die "Geh-hin-Seelsorge", wie Pater Gabriel sie praktiziert. Dieses "komm zu mir, ich bin der Mächtige", mit dem kann er nichts anfangen. Papst Franziskus, sagt er, sei auch als Bischof in die Slums gegangen.

"Hey Pfarrer, hast mal fünf Minuten?" So hauen die Polizisten ihren Seelsorger an. Und sie wissen, dass sie ihm alles sagen können, weil er der Schweigepflicht unterliegt. "Er kann Themen aufgreifen, die für uns als Vorgesetzte schwer erreichbar sind", sagt Jürgen Vanselow, der Leiter der Inspektion am Hauptbahnhof. "Er ist nicht zum Missionieren da. Es geht nicht um die Kirche, es geht um die Menschlichkeit."

Als vor gut einem Jahr Hunderttausende von Flüchtlingen am Hauptbahnhof ankamen, da seien viele Beamte an ihre Belastungsgrenze gekommen, hat Pater Gabriel bemerkt: Überstunden ohne Ende, die Not der Menschen zu sehen - und zugleich von Einheimischen attackiert zu werden, wenn man mit Flüchtlingen über den Bahnhof ging. "Dann die Wiedereinführung der Grenzkontrollen, die verschärfte Terrorlage, Zweifel an einem Einsatz, Sinnfragen. "Es gibt einfach Beamte, die können diese Themen nicht abschütteln und nehmen sie mit heim", erzählt Pater Gabriel. Wobei sich bei posttraumatischen Störungen sein Kollege von der evangelischen Fraktion, Oberpfarrer Ingo Zwinkau, am besten auskennt. Gabriel und Zwinkau sind auch Teil eines "Notfall- und Beratungsnetzwerks", das die Bundespolizei Südbayern 2012 auf die Beine gestellt hat. Es gibt Ärzte, Sucht- und Sozialberater, Sozialwissenschaftler - und die beiden Pfarrer.

Seine Freunde hielten ihn schlichtweg für verrückt

Mit Kirche hatte Markus Wolf, so heißt Pater Gabriel eigentlich, bis zum Alter von 13 Jahren nichts am Hut. Bis er in Würzburg im Firmunterricht saß "und der Pfarrer die richtigen Worte sagte, er hat mich eingebunden". Nach der Trennung seiner Eltern wohnte er damals beim Vater. Als er dann zu ministrieren anfing, fand er in der Kirche einen Sinn, "ich habe sie als Ort zum Entfalten empfunden". Sein Vater dachte, das sei ein Spleen, der bald wieder verginge. Seine Freunde hielten ihn schlichtweg für verrückt. Und als er sich entschloss, Pfarrer zu werden, da war seine ganze Familie dagegen. Nur die Berliner Oma fragte Enkel Markus bis zu ihrem Tod immer wieder: "Wo bist du zu Hause?"

Nach dem Theologiestudium in Regensburg und Rom fand er schließlich seinen Platz: im Kloster Windberg, einer Abtei des Prämonstratenserordens in Niederbayern. 25 Männer leben dort. Sie betreuen sechs Pfarreien, machen Seelsorge bei der Bundespolizei, bei der Bundeswehr und im Straubinger Gefängnis. Ob es ihm nicht schwer gefallen sei, als junger Mann auf das weltliche Leben zu verzichten, auf Sexualität, auf Familie? "Nein, die Gemeinschaft fördert mich", sagt er. Wenn er abends heim kommt mit seinem rollenden Seelsorgermobil, sind da die Mitbrüder, "denen erzähl' ich meine Geschichten vom Tag". Sein Leben, seine Berufung, das Kloster - er findet das spannend. "Diese Bandbreite würde ich nicht gegen ein Haus mit Schrebergarten eintauschen wollen."

Jetzt saust Pater Gabriel die Treppen nach oben in die Büros der Bundespolizei. Still sitzen, das ist momentan nicht so sein Ding. Die blauen Augen hinter der schwarz-umrandeten Brille ruhen auf dem Gegenüber. Er erzählt von Beamten, die ein Problem mit ihrer Sexualität haben. "Homosexualität und Polizei ist ein schwieriges Thema." Er kenne viele Beamten, die nicht den Mut für ein Coming-Out hätten. Pater Gabriel holte den Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Bundespolizei und bat ihn, im berufsethischen Unterricht der Anwärter zum Thema Toleranz zu referieren. Er kennt Polizisten, die überschuldet sind, gemobbt werden, die unter Burnout und Depressionen leiden. Und er hatte ein Jahr, in dem sich vier Beamte das Leben nahmen. "Ich kannte sie alle." In Uniform zelebrierte er eine Beisetzungsfeier, ein Gedenken für die Angehörigen, eine kleine Besetzung des Bundespolizeiorchesters spielte.

"Du Pfarrer, Du bist so cool, könntest Du uns trauen?"

Pater Gabriel beerdigt auch Ausgetretene oder Nicht-Getaufte, begleitet Wiederverheiratete ins Standesamt. Und auch in kirchenpolitischer Hinsicht ist er, was den Zölibat anbelangt, kritisch eingestellt. Er öffnet sich für die Sorgen der Menschen. Und bei der Bundespolizei sei der Ton ohnehin ein anderer als in einer Pfarrgemeinde. "Du Pfarrer, des war fei nix", das bekommt er auch zu hören. Noch lieber sind ihm natürlich Sätze wie: "Du Pfarrer, Du bist so cool, könntest Du uns trauen?" Er kann das alles. Neben seinem Job, der ihn alle sechs bis acht Wochen unangemeldet in jede einzelne Bundespolizeiinspektion des Direktionsbereichs Süd- und Ostbayern führt.

Am Münchner Flughafen wurde ein kleines Zimmer eingerichtet, dorthin können Polizisten kommen, wenn sie länger mit ihm reden wollen. Sie schütten ihr Herz aus, und er zündet jeden Tag eine Kerze für die Kollegen an. Er hat eine Postkarte entworfen mit einer brennenden Kerze, Polizisten im Hintergrund und er als Comic-Pfarrer. Die schickt er dann dem, dem es gerade dreckig geht. Eine Geste, die bei vielen ankommt. Außerdem versucht der "Streetworker", bei Seminaren die Sorgen der Polizisten aufzugreifen. Inspektionsleiter Vanselow sagt dazu, dass die Belastungen oft enorm seien. "Bahnleichen, persönliche Angriffe, schwere Beleidigungen gegen unsere Beamtinnen - bei uns gehören die Seminare zum Dienst." In einem haben die Teilnehmer ein Comic-Heft kreiert. "10 x 10 Gebote für die Bundespolizei", heißt es. Die Gebote sollen zeigen, was für einen guten Polizisten selbstverständlich ist. Pater Gabriel hat seinem obersten Chef, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, das Heft 2009 zugeschickt. Und der gratulierte prompt zu "dieser gelungenen Publikation".

Pater Gabriel muss wieder los, wie ein ICE rauscht er durch den Tag. Ja, räumt er ein, das sei auch anstrengend. An manchem Sonntag geht er zur Supervision bei einem Priester im Bistum Augsburg. Um die eigene Seele zu reinigen. Ruhe findet er auch in seinem Kloster, wo er jeden Abend seit 26 Jahren an dem gleichen Platz im Chorgestühl steht. "Da kann ich dann auch sagen: ,Gott, kümmere Du Dich jetzt, ich fang morgen wieder an'."

Morgen, ja da stehe eine Reise nach Rom an, erzählt er noch vor dem Aufbruch. Pater Gabriel führt derzeit vier Heilig- und zwei Seligsprechungsprozesse in fünf Ländern von Rom aus. "Dieses wissenschaftliche Arbeiten mit Kardinälen und Intellektuellen, das ist sehr reizvoll", erzählt er. "Es sind zwei Welten, zwei Galaxien", sagt er am Ende. Ein Beamter kommt zur Tür herein, grinst und sagt zur Begrüßung: "Ah, das Maschinengewehr Gottes." Das ist Pater Gabriels Spitzname. Er grinst zurück.

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